Leitartikel

Kirchentag auf dem Abweg

Ein Stuhlkreis reichte bei der Diskussion mit OBM Burkhard Jung zum Thema "Flucht, Vertreibung, Integration" beim Kirchentag aus.

Ein Stuhlkreis reichte bei der Diskussion mit OBM Burkhard Jung zum Thema "Flucht, Vertreibung, Integration" beim Kirchentag aus.

Leipzig. Können wir ein frohes Fest auch Ende Mai feiern? Fragte eines der wenig sichtbaren Kirchentagsplakate mit tanzendem Elbebiber auf magentafarbenem Grund an einer Leipziger Litfasssäule. Antwort: Ja, wir können. Aber wir sollten es so nicht wieder tun. Die Kirchentage auf dem Weg waren von Anbeginn ein Missverständnis, eine Irreführung im Navigationssystem zum Reformationsjubiläum. Heraus kam ein Kirchentag auf dem Abweg: Mit oft beschämend leeren Sälen bei Podien, mit rat- und hilflosen Helfern, mit enttäuschten Veranstaltern. Eine beeindruckende Luther-Lichtshow am Leipziger Markt macht eben noch keinen wärmenden Reformationssommer.

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Dabei war es ja gut gemeint – wie meistens, wenn es nicht gut gemacht ist. Klar, ein großer Kirchentag in Wittenberg ging nicht. Jenes verschlafene 50 000-Einwohner-Städtchen behauptet ja nicht mal im Spott von sich selbst, ernsthaft das Rom des Protestantismus zu sein. Luther hin oder her – eine planierte Festwiese in Pratau macht noch keinen Petersplatz. Also war es folgerichtig, den zentralen evangelischen Kirchentag im Jubeljahr 2017 in die Weltstadt Berlin zu vergeben. Dumm nur, dass Luther dort seine Thesen eben nicht angeschlagen hat.

Olaf Majer.

Olaf Majer.

Deshalb erinnerten sich die Kirchentagsmacher denn doch des inzwischen weitgehend gottvergessenen Mitteldeutschlands, das zumindest historisch noch als Wiege der Reformation gilt. Dabei unterlief ihnen aber der Geburtsfehler der großen R2017-Schaffe. Sie erfanden die Satelliten-Kirchentage und hofften, dass sich die Herde auf den Weg machen würde. Wohin, inhaltlich zum Beispiel, fragte keiner. Hauptsache, die Elbwiese vor den Toren Wittenbergs gab am Ende ein prachtvolles Bild ab – mit versammelter XXL-Gemeinde. Halleluja! Acht Millionen Euro wurden an der Elbe verbaut, eine Viertelmillion Gläubige sollte kommen, eine Sperrung der Autobahn wurde angedacht. Größenwahn umwehte das Fest. Und die Erwartungen schossen in überirdische Höhen. Dabei haben die Veranstalter vor Ort ihr bestes gegeben – an ihnen und ihren attraktiven Programmen lag es gewiss nicht.

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Zum ganzen Bild gehört natürlich auch, dass den Kirchgemeinden in Sachsen und Thüringen ohnehin gerade nicht nach Feiern ist. Fusionen stehen an, Pfarrstellen werden gestrichen, Ehrenamtliche sollen immer mehr schultern. Viele haben da einfach keine Lust mehr, bei Kirchentagen auf „heile Welt“ zu machen.

Man soll Feste feiern und dabei feste feiern. Könnte von Luther stammen, der dem Volk gern aufs Maul schaute, aber nicht nach dem Munde redete. Heißt im Umkehrschluss aber auch: Übertreibt es nicht! Vielleicht ist ja das die Lehre des Lutherjahres 2017: Erst hinsehen, was bewegt. Und dann wieder etwas bewegen. Mit einem Kirchentag ohne Umwege.

Olaf Majer

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