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Ein Gespräch über das Ende

„Man sollte seinen Tod zu Lebzeiten planen“

Tobias D. Höhn spricht auf dem Parkfriedhof Plagwitz mit der LVZ über (s)ein Leben mit dem Tod.

Tobias D. Höhn spricht auf dem Parkfriedhof Plagwitz mit der LVZ über (s)ein Leben mit dem Tod.

Leipzig. Die gesellschaftlichen Normen beeinflussen unseren Umgang mit dem Tod. Der, der das sagt, hat als freier Redner schon viele Gespräche über den endgültigen Abschied und die damit verbundene Trauer geführt. Redner Tobias D. Höhn setzt sich dafür ein, dass der Tod eines Menschen Anlass ist, vor allem dessen Leben zu würdigen. Ein Gespräch auf dem Plagwitzer Parkfriedhof.

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Haben Sie mehr Angst vor dem Sterben oder mehr Angst vor dem Tod?

Vor dem Leben. (lacht)

Vor dem Leben?

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Bei der Geburt und beim Tod haben wir nicht mitzureden. In der Phase dazwischen entscheiden wir sehr wohl, wie wir leben möchten und haben es in weiten Teilen in der Hand, was wir daraus machen. Das ist eine große Verantwortung mit vielen Überraschungen, Momenten des Glücks und mitunter auch Traurigkeit. Man weiß nie, was einen am nächsten Tag erwartet. Als Vater von vier Töchtern habe ich vor allem Respekt vor dieser Verantwortung – gerade in so turbulenten Zeiten. Im Grunde meines Herzens bin ich aber viel zu sehr Optimist, um wirklich Angst zu haben.

Erleben wir Ängste vor dem Tod mehr im Zusammenhang mit dem Verlust von Menschen, die uns lieb geworden sind? Oder dem eigenen Tod?

Über das eigene Sterben und den eigenen Tod machen sich viele erst Gedanken, wenn sie eine unumstößliche Diagnose erhalten. Darin sehe ich ein Grundproblem, dass wir denken: ,Ich habe noch ewig Zeit.‘ Aber so genau wissen wir das eben nicht. Daher: Wir sollten den Tod nicht tabuisieren.

Ist es das Tabu? Oder die Angst?

Vor allem ist es Unsicherheit. Wenn der Tod wirklich zum Leben gehören würde, wie es sprichwörtlich heißt, und jeder seinen Abschied zu Lebzeiten planen würde, wäre allen geholfen – den Betroffenen wie den Angehörigen. Denn diese fragen sich oft: Wie hätte mein Vater, meine Schwester oder mein Sohn seinen Abschied gewollt? Niemand möchte etwas falsch machen. Das beginnt bei der Wahl der Bestattungsform, geht über die Ausstattung und Blumendekoration bis hin zur Ausgestaltung der Trauerfeier. Oder schon allein die Frage, sollen Kinder mit auf den Friedhof.

Sollten Kinder mit auf den Friedhof?

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Erst einmal spricht nichts dagegen. Ob die Kinder dabei sind oder nicht, sie merken, dass ihre Eltern traurig sind, sich vielleicht zurückziehen, weinen, sich anders verhalten. Kinder haben feine Antennen. Wenn sie außen vor gelassen werden, entsteht ein Vakuum. Was die von mir gestalteten Trauerfeiern betrifft, kann ich guten Gewissens sagen: Sie sind auch für Kinder geeignet, ich integriere Kinder und Enkel gerne, wenn dies gewünscht ist. Kleine Kinder können gut auf einer Decke spielen, wenn ihnen langweilig ist. Sie dürfen auch umherlaufen. Ältere Kinder und Jugendliche möchten auch gerne bewusst Abschied nehmen, mal mit einem selbstgemalten Bild, mal mit persönlichen Zeilen. Ein wichtiges Element im Trauerprozess.

Was hemmt Eltern, mit ihrem Kind bei einer Trauerfeier genauso umzugehen wie normalerweise?

Unsere gesellschaftlichen Normen. Da müssen möglichst alle in Schwarz kommen, ruhig dasitzen, so beklommen… Warum eigentlich? Wir feiern doch nicht den Tod, wir feiern das Leben! Wir wollen ein Leben würdigen – mit Höhen und Tiefen, Ecken und Kanten. Dinge, die diesen Menschen einmalig und unvergesslich machen. Und das sollte eigentlich etwas Schönes sein.

So schön, wie das Leben eben sein kann. Oder eben auch nicht.

Das Leben ist nie schwarz-weiß, auch wenn ich am Anfang von Trauergesprächen oft den Satz höre: „Er hatte ein ganz normales Leben.“ Und dann finden wir im Lauf des Gesprächs wahre Schätze. Ein erfülltes Leben heißt auch, sich Meilensteine zu setzen und sich rückblickend daran zu erfreuen. Wenn man das tut, braucht man auch keine Angst vor dem Ende zu haben. Das Schlimmste, was man machen kann, ist, die Freude aufzuschieben. Weil man erst bestimmte Etappen hinter sich bringen will – die Kinder sollen erst aus dem Haus sein, erst muss ich das Berufsleben abschließen, den Kredit für das Eigenheim abbezahlen. Aber was, wenn ich diese eine Etappe nicht mehr schaffe? Dann bleibt nur der Verlust und die Trauer über das Nichterreichte.

Also fällt das Ende des Lebens leichter, je erfüllter das Leben war?

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Es geht nicht darum, wie viel man hat, sondern wie sehr man das schätzt, was man hat. Ein erfülltes Leben misst sich nicht an der Menge der Dinge, die man geleistet hat. Sondern wie sehr man sich daran erfreut hat.

Ändert sich der Umgang mit dem Sterben?

Früher gab es ganz klare Koordinaten – Sarg oder Urne? Friedhof. Trauerfeier ja oder nein. Fertig. Heute ist es längst nicht mehr so stark reglementiert. Das beginnt schon beim Bestatter: die Zeit der holzvertäfelten Büros und Urnen im Schaufenster ist langsam vorbei. In vielen Bundesländern werden die Bestattungsgesetze reformiert. Insgesamt eine gute und notwendige Entwicklung, die mehr Freiraum für individuelle Trauerkultur bietet. Und es gibt so vielfältige Möglichkeiten, den Abschied zu gestalten, um dem Verstorbenen gerecht zu werden. Ob auf hoher See, im Wald oder im Weinberg. Jeder Mensch ist einzigartig – und so soll auch sein letztes Fest sein. Viele wissen gar nicht, was alles möglich ist und das eine Trauerrede auch ganz ohne Jahreszahlen auskommen kann, denn im Mittelpunkt steht der Mensch, sein Schaffen, sein Charakter, sein Wesen.

Was raten Sie Menschen, die einen Angehörigen ganz individuell verabschieden wollen?

Vielleicht kann man an einen Geburtstag denken. Da überlegen wir uns ganz genau: Wen lade ich ein? Was gibt es zu Essen? Was zu trinken? Wer sitzt wo? Welche Servietten kaufe ich? Und beim Tod? Beim letzten Fest eines Menschen auf Erden – warum soll es da eigentlich anders sein? Das sollte mindestens genauso schön sein, denn es ist die letzte Chance. So betrachte ich zumindest all meine Aufträge.

Aber es ist schon legitim, dass der Tod grundsätzlich etwas Trauriges bleibt?

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Unsere Gefühle in Verbindung damit, einen Angehörigen, einen Kollegen, einen Freund zu verlieren, sind traurig besetzt. Natürlich. Es ist Schmerz, manchmal auch Wut oder Verzweiflung. Das ist legitim. Aber unser Umgang mit dem Sterben sollte mehr hin zur Würdigung des Lebens gehen. Und zum Bewusstsein, dass der Tod zum Leben gehört. Und dass die Gesellschaft Raum dafür braucht, in dem Trauer auch akzeptiert ist. Das müssen wir auch integrieren.

Zur Person

Tobias D. Höhn studierte Diplom-Journalistik an der Universität Leipzig und schrieb bereits für verschiedene Ressorts der LVZ. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter lehrte er an der Universität Leipzig und anderen Hochschulen Journalismus und Public Relations. Die Liebe zu Porträts und Biografien hat ihn zum Beruf des freien Redners gebracht. Höhn ist ausgebildeter Freier Redner (IHK) und trägt die höchste EU-weite Qualifizierung dieses Berufs als Zertifizierter Freier Redner. Er lebt in Taucha mit seiner Ehefrau, vier Töchtern und Golden-Retriever-Hündin Peppa.

Welchen Menschen fällt es besonders schwer, das Lebensende als Anlass zum Feiern zu nehmen, dass derjenige da war?

Es sind vor allem die Umstände des Todes, die das beeinflussen. Suizid etwa oder der Verlust von ungeborenen Kindern. Überhaupt, wenn Eltern ihre Kinder beerdigen, da herrscht tiefste Trauer. Umso wichtiger ist es dann, zuzuhören, mitunter auch gemeinsam zu schweigen und der Wut und der Verzweiflung Raum zu geben. Ein guter Redner muss vor allem zuhören können.

Es wird auch Senioren geben, die nach einem erfüllten Leben ihre Partner zu Grabe begleiten, und denen es nicht gelingt, die Beerdigung als Lebens-Ende-Feier zu verstehen. Das lässt sich dann doch nicht immer mit dem Tabuthema erklären, oder?

Wenn mir etwas wichtig ist auf Trauerfeiern, dann würdevoll, festlich, authentisch und ehrlich zu sein. Ich glaube, das zu erfüllen, kann nur gelingen, wenn man ein ehrliches Interesse an dem Menschen hat, den man verabschiedet. Der Luftballon ist doch nicht der neue Standard bei Trauerfeiern. Jeder verabschiedet sich und trauert anders. Es gibt da kein Richtig oder Falsch. Alles kann, nichts muss. Hauptsache man fühlt sich nicht beklemmt dabei. Lebens-Ende-Feier trifft es auch nicht ganz.

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Haben Sie eine Vorstellung davon, wie man Ihr eigenes Lebensende feiert?

Wir treffen uns alle. Ich bin ja auch noch dabei – wenn auch nur in einer Urne. Wir treffen uns in einer urigen Kneipe, die Gosenschenke würde mir gut gefallen. Es wird Musik gespielt: Edith Piaf („Non, je ne regrette rien“, auf Deutsch: „Nein, ich bereue nichts.“) Udo Jürgens („Aber bitte mit Sahne“) und natürlich Udo Lindenberg („Hinterm Horizont“). Ich möchte, dass alle rund um die Bar sitzen und miteinander reden, es soll Lebensfreude regieren. Menschen, die Lust haben, auf mich den letzten Drink zu nehmen. Leipziger Gose oder fränkischer Silvaner, was auch immer. Und immer wenn einer Lust hat, soll er aufstehen und sagen, was er mit mir verbindet. Worüber er sich gefreut hat, was wir gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Oder worüber er sich unglaublich wegen mir geärgert hat.

Sie werden künftig Nachrufe für die LVZ schreiben. Nachrufe auf ganz normale Menschen, die auf irgendeine Weise Spuren in Leipzig oder in der Region hinterlassen haben. Worauf kommt es Ihnen bei diesen Geschichten an?

Mir ist es wichtig, dass es eine Laudatio auf das Leben ist. Was ich nicht erzählen werde, ist das Leben von Anfang bis zum Ende mit vielen Jahreszahlen. Es können auch einzelne Episoden sein. Privat, Arbeitsleben, Höhen und Tiefen. Dinge, die man mit dem Menschen verbindet, die ihn charakterisieren. Jeder Mensch hat eine Geschichte – das müssen keine heiteren, aber auch keine todtraurigen sein – der Kellner hinter dem Tresen, der Postmann, die Garderobenfrau. Was mir wichtig ist: Die Geschichte über den Menschen wird niemals voyeuristisch sein. Es ist wie ein journalistisches Porträt. Mit dem Unterschied, dass ich mit dem, über den es geht, nicht mehr reden kann.

Tobias D. Höhn arbeitet als Freier Redner und gestaltet Trauerfeiern. „Ich mache diesen Tag nicht trauriger, als er ohnehin schon ist. In meiner Rede geht es um das Leben, nicht um den Tod. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Persönlichkeit mit seiner individuellen Lebensgeschichte“, schreibt Höhn auf seiner Internetseite. Um die Würdigung des Lebens soll es auch in Nachrufen gehen, die Höhn für die Leipziger Volkszeitung schreibt. Eine Laudatio auf das Leben von Menschen aus der Stadt. Egal, ob bekannt oder nicht – Spuren hat jeder hinterlassen. Diesen Spuren ein Stück zu folgen und mit den Geschichten an den Menschen zu erinnern, der gestorben ist, wird Wunschredner Höhn bei seinen Nachrufen leiten. Haben Sie Vorschläge, an welche Menschen die LVZ in einem Nachruf erinnern soll? Dann schreiben Sie uns an nachrufe@lvz.de.

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