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Jährliche Auszeichnung für Tanz und Theater

Leipziger Bewegungskunstpreis geht an Melanie Lane und ihre „Wonderwomen“

Glücklich über den Bewegungskunstpreis: Florian Bücking, choreografischer Assistent in Vertretung von Melanie Lane, und Bodybuilderin  Nathalie Schmidt am Samstag in der Schaubühne.

Glücklich über den Bewegungskunstpreis: Florian Bücking, choreografischer Assistent in Vertretung von Melanie Lane, und Bodybuilderin Nathalie Schmidt am Samstag in der Schaubühne.

Leipzig.Zwischen dem Ort der Verkündung und dem Aufenthalt der Adressatin liegen über 16 000 Kilometer. Melanie Lane, am Samstag bekannt gegeben als Trägerin des Leipziger Bewegungskunstpreises (BKP) 2018, sitzt nicht im Saal des Zeremonienorts Schaubühne Lindenfels, sondern arbeitet gerade am neuen Projekt in Melbourne. Dass ein BKP-Glückwunsch noch nie so viele Kilometer überbrückt hat, ist ein zu vernachlässigender Superlativ, der mit dem aktuellen Jahrgang des Preises verbandelt ist. Andere tragen mehr Gewicht: Dass 27 Bewerbungen Teilnahme-Rekord bedeuten, spricht sowohl für Wertschätzung des Preises als auch für die Vielfalt der freien darstellenden Szene. Dass es eine besondere Gala auch wegen des kulturpolitisch aufgeladenen Hintergrunds war, für Redebedarf.

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Die Bühnen-Aufmerksamkeit aber gilt natürlich den Preis-Nominierten, den Fest-Rednern, dem Öffnen des Umschlags mit dem Gewinner-Namen. Zunächst stöckelt Stefan Ebeling unbeschreiblich weiblich als moderierende Miss Geschick, dann glänzen die Gaststars von der Gruppe Gintersdorfer/Klaßen mit ihrer „Freien Rede“. Dem ivorischen Künstler Gotta Depri gelingt als Dr. Bier Bier das Kunststück, humoristisch die Widersinnigkeiten und moralischen Abgründe deutscher Flüchtlingspolitik via Sprache und Performance vorzuführen. So leicht, so böse. Hauke Heumann schraubt sich durch Gedankenwindungen über das Trennende von Mensch und Tier, monologisiert über Meditationstechniken aus der gnostisch-christlichen Mystik. Auch hier also Redebedarf – als Kunstform, die am Ende begeistert beklatscht wird.

Ganz prosaisch hingegen das Klärungsbedürfnis von Dirk Förster, dessen Lofft eine der tragenden Säulen beim BKP ist. Einen Tag zuvor hatte der Geschäftsführer das Missvergnügen, zusammen mit anderen Beteiligten die offizielle Mitteilung herauszugeben, dass sich der Umzug von Lofft und Leipziger Tanztheater von September 2018 auf das erste Quartal 2019 verschieben wird. Nicht weniger als eine Katastrophe, denn der Spielplan ab Herbst ist randvoll und auf die stark veränderten Bedingungen der neuen Räume zugeschnitten. „Es ist völlig unklar, wie und wo wir das zweite Halbjahr 2018 realisieren sollen“, so Förster, denn das war unter anderem mit opulentem Eröffnungsprogramm und zahlreichen Gästen gespickt. Denen muss er nun zähneknirschend absagen.

Aus Försters Sicht spricht vieles für eine nochmalige Verlängerung am alten Standort am Lindenauer Markt, wo allerdings Jürgen Zielinskis Pläne für die Raumerweiterung nach dem Lofft-Auszug längst auf der Festplatte liegen. Entsprechend skeptisch äußert sich der Intendant am Theater der Jungen Welt. Bei einem Verbleib des Lofft wären „der Schaden für das TdJW immens und die damit verbundenen Ausfälle und Struktur- wie Planungsveränderungen wirtschaftlich nicht tragbar“, so die Reaktion. Zielinskis Ankündigung, dass „wir versuchen, ab August dem Lofft einige Freiräume zu erschließen“, dürfte Förster kaum reichen. „Zum Feiern ist mir heute jedenfalls nicht zumute“, bekennt er vor Beginn der BKP-Verleihung. Am Rande der Veranstaltung betont Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke erneut, möglichst schnell in Gesprächen eine Klärung herbeiführen zu wollen. Übrigens: Am Verzug hat die Stadt keine Aktie, der Bauauftrag ging an ein Unternehmen aus der Privatwirtschaft.

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Vor dem Mikrofon kommt Jennicke auch auf das jüngste Statement der freien darstellenden Kunst zu sprechen, das den ersten Stand der vom Kulturamt Leipzig veröffentlichten Förderliste kritisiert – unter anderem in Bezug auf Förderquote, Transparenz und Umsetzung der 2017 beschlossenen Förderinstrumente (wir berichteten). Seit Donnerstag, gibt Jennicke bekannt, sind die Namen der Kulturbeiräte öffentlich, auch werde man über die Förderung weiter nachdenken. In Zeiten wie diesen „braucht es mehr Künstler, die jene Fragen aufwerfen, die woanders nicht gestellt werden“.

Ansonsten bietet die Gala genug Gründe zu feiern. Ronald Schubert, Vorsitzender des BKP-Vereins, freut sich über die vielen Bewerbungen und das hohe Niveau der drei Nominierten Compania Sincara („Candide“), Melanie Lane („Wonderwomen“) und Sascha Schmidt („Am Brühl“), die an den Tagen zuvor in Lofft und naTo in vollen Sälen zu besichtigen waren – in dem Sinne die Erfüllung des angemahnten Förderinstrumentes, Wiederaufnahmen zu bezuschussen. Thomas Jochemko, Geschäftsführer des Leipziger Anzeigenblatt Verlags, erneuert sein Bekenntnis zum Preis, den er mit 5000 Euro finanziert. Der also geht an die in Berlin lebende australische Künstlerin, die sich per Video bedankt. Ihre Performance „Wonderwomen“ platziert die gestischen Rituale der Bodybuilderinnen Rosie Harte und Nathalie Schmidt in einen Bühnenraum und transformiert sie zum Körper-Theater.

Die fünf Juroren begründen ihre Wahl unter anderem mit der Leistung, dass „die Körper von Rosie Harte und Nathalie Schmidt nie zum Objekt bloßer Ausstellung und Fetischisierung werden“. Lane und ihre Spielerinnen „bringen mit großer Lust und durch präzise Spielweise Unordnung in das von ihnen ausgebreitete Feld von Körper- und Geschlechterbildern. Und das große Verdienst der damit einhergehenden Verunsicherung liegt darin, dass sie das Schweigen vermeintlicher Gewissheiten bricht.“

Von Mark Daniel

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