Genossenschaft auf Wachstumskurs

Leipziger Konsum expandiert nach Halle

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Pleite der Konsumgenossenschaft Halle kehrt der Konsum in die Stadt zurück.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Pleite der Konsumgenossenschaft Halle kehrt der Konsum in die Stadt zurück.

Leipzig. Wenn Michael Faupel an seine Anfänge als Konsum-Chef zurückdenkt, fällt seine Bewertung deutlich aus. „Wir haben 2015 ein wirklich altes Unternehmen übernommen“, sagt der Geschäftsführer der Konsumgenossenschaft Leipzig. Damit meint er nicht nur die Geschichte des traditionsreichen Lebensmitteleinzelhändlers, die 135 Jahre bis 1884 zurückreicht. Er meint auch Image, Sortiment und Design der Läden. Ein paar Jahre später ist der Konsum auf Expansionskurs und will am Donnerstag erstmals in Halle in Sachsen-Anhalt Supermärkte eröffnen. Wie kann sich eine kleine Konsumgenossenschaft aus Ostdeutschland auf dem hart umkämpften Markt des Lebensmitteleinzelhandels behaupten?

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61 Supermärkte und 125 Millionen Euro Umsatz

Gemessen an den Branchenriesen im stationären Einzelhandel ist Konsum Leipzig ein Zwerg. Marktführer Edeka kommt einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI zufolge auf einen Umsatz von 27 Milliarden Euro, gefolgt von Lidl, Aldi Süd sowie Rewe. Die großen Ketten und Discounter sind auch im Einzugsgebiet von Konsum Leipzig reichlich vertreten. Der Konsum erwirtschaftete 2018 mit seinen 61 Supermärkten und einem Lieferdienst einen Umsatz von 125 Millionen Euro. Das aber war der höchste seit dem Mauerfall - was der Genossenschaft Anlass zum Optimismus bietet.

Faupel und sein Co-Geschäftsführer Dirk Thärichen versuchen ihren Platz jenseits der Standard-Standorte der großen Ketten zu finden. „Kleine Läden mit 250 bis 500 Quadratmetern, in Innenstadt- oder Stadtteillagen, mit einem echten Supermarktsortiment. Das ist für uns die Zukunft“, erläutert Faupel das Konzept. Viele Parkplätze vor dem Geschäft seien kein Muss. „Wir glauben, dass die Neigung, sein Auto zu bewegen - wenn man denn noch eins hat - eher gegen Null gehen wird.“ Andere Einzelhändler, sagt Faupel selbstbewusst, würden da in den nächsten Jahren nachziehen.

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Genossenschafts-Mitglieder erhalten jährliche Dividende

Dass hinter Konsum Leipzig eine Genossenschaft steht, sehen die Geschäftsführer ebenfalls als Vorteil. Drei Argumente sprächen dafür, sagt Thärichen. Zum einen erhalten die Mitglieder eine Rückvergütung von 3,135 Prozent auf ihre Umsätze - ein System, das schon vor Jahrzehnten über Konsummarken funktioniert hat. Längst hat auch Konsum das über eine Karte gelöst. Dazu bekommen Mitglieder eine jährliche Dividende von 2 Prozent auf ihre Genossenschaftsanteile. „Das dritte Argument ist, dass man der Genossenschaftsidee wirklich abnimmt, dass man da mitbestimmen kann und dass man wirklich guten Gewissens sagen kann: "Mir gehört ein Teil."“, sagt Thärichen.

Die beiden Konsum-Vorstände Dirk Thärichen (links) und Michael Faupel stehen vor der Konsumzentrale in Leipzig.

Die beiden Konsum-Vorstände Dirk Thärichen (links) und Michael Faupel stehen vor der Konsumzentrale in Leipzig.

Von ihrer einstigen Größe sind die Konsumgenossenschaften aber weit entfernt. In der DDR war „der Konsum“ nach der Handelsorganisation „HO“ der zweitgrößte Versorger des Landes. 1989 waren im Verband der Konsumgenossenschaften der DDR 198 Genossenschaften mit 4,6 Millionen Mitgliedern organisiert. Konsum Leipzig betrieb mit 3400 Beschäftigten rund 600 Ladengeschäfte, etliche auch im Nicht-Lebensmittel-Bereich, und 70 Gaststätten. Viele Genossenschaften schafften den Sprung in die Marktwirtschaft nicht. Auch der Konsum in Halle, den die Leipziger nun wiederbeleben wollen, ging pleite. Heute gibt es laut Thärichen 13 Konsumgenossenschaften.

Acht bis zehn Märkte in Halle geplant

In Westdeutschland gingen die meisten Genossenschaften in der co op AG auf - und dann in deren Finanzskandal Ende der 1980er Jahre unter. Traditionelle Genossenschaften gibt es dort überhaupt nicht mehr, wie Ludwig Veltmann, Hauptgeschäftsführer des Mittelstandsverbunds ZGV, mitteilt. Der Mittelstandsverbund ist die Interessenvertretung der Kaufleute, die sich etwa wie bei Rewe oder Edeka in Händlergenossenschaften organisiert haben.

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Ob sich der kleine Konsum Leipzig zwischen den Branchenriesen behaupten und wie geplant wachsen kann, hängt laut Veltmann von ihm selbst ab. Er nennt den Lebensmitteleinzelhandel den „wohl am härtesten umkämpften Endkundenmarkt in Deutschland mit extremem Wettbewerbsdruck und schmalen Margen“. Aber voll sei ein Markt nie. Es gelte das alte Prinzip: Konkurrenz belebt das Geschäft. „Jeder, der es gut und richtig macht, hat nach wie vor eine Chance – an jedem Standort mit potenziellen Kunden und in jedem Kanal“, sagt Veltmann.

Die Konsum-Geschäftsführer Faupel und Thärichen konzentrieren ihre Expansionspläne auf Leipzig und benachbarte Städte. „Wir glauben, dass sich Halle in den nächsten Jahren positiv entwickeln wird, und wir wollen dabei sein“, sagt Thärichen. Auf die erste Markteröffnung am 24. Oktober sollen 2020 und 2021 weitere folgen. Ziel sind acht bis zehn Märkte, eine Bezirksgröße bei Konsum. Mit dem gleichen Plan haben Faupel und Thärichen sich auch schon nach Chemnitz vorgewagt.

„Wir sind kein Ostalgieunternehmen“

Weiter weg soll es vorerst nicht gehen. „Das Risiko, in Brandenburg, Bayern oder Hessen eine Filiale eröffnen zu wollen, würden wir derzeit nicht eingehen wollen“, sagt Faupel. Probiert hatte das vor einigen Jahren die Konsumgenossenschaft Dresden. Sie eröffnete vier Supermärkte in Franken - und musste sie wieder schließen. Für die Dresdner sei Expansion aktuell kein Thema, teilt eine Sprecherin mit.

Die Stadt Halle wird für den Konsum nicht nur ein leichtes Pflaster sein, sagt Thärichen. Das liege am Untergang des Konsums nach dem Ende der DDR - die Erinnerung an die Pleite sei in Halle noch wach. Trotzdem setzen die Leipziger auf den Markennamen Konsum - mit der Betonung auf der erste Silbe und einem kurz gesprochenen U. „Wir profitieren davon, dass der Konsum Halle eine Grundbekanntheit hat“, sagt Thärichen. Die stamme aus DDR-Zeiten, sagt der Geschäftsführer, fügt aber gleich dazu: „Wir sind kein Ostalgieunternehmen.“

Von Birgit Zimmermann

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