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Klimawandel

Leipziger Professoren-Zwillinge Quaas: „Menschen sind weiter als Politik“

Wahrscheinlich seien sie zweieiig, sagen sie. Aber die Ähnlichkeit ist unverkennbar: Die Prof-Zwillinge Johannes Quaas (links) und Martin Quaas, seit Dienstag 45 Jahre alt, in der Leipziger Bio-City.

Wahrscheinlich seien sie zweieiig, sagen sie. Aber die Ähnlichkeit ist unverkennbar: Die Prof-Zwillinge Johannes Quaas (links) und Martin Quaas, seit Dienstag 45 Jahre alt, in der Leipziger Bio-City.

Leipzig.Der eine lehrt und forscht seit 2011 am Institut für Meteorologie. Der andere verstärkt seit Beginn des aktuellen Wintersemesters als Volkswirt das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Die Zwillinge Johannes und Martin Quaas sind seither beide Professoren an der Universität Leipzig. Geboren 1974 in Düsseldorf, aufgewachsen in Essen, leben sie mit ihren Familien im Westen der Stadt in Fußnähe zueinander. Trotz unterschiedlicher Fachrichtungen forschen sie manchmal sogar gemeinsam.

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War die Aussicht, wieder in ein- und derselben Stadt zu leben, ein entscheidender Faktor bei der Stellensuche?

Johannes Quaas: Es ist zumindest kein reiner Zufall, dass wir jetzt beide hier leben. (Zu Martin:) Aber eigentlich müsstest du anfangen, denn du warst ja ursprünglich zuerst hier.

Martin Quaas: Das stimmt. 2004, direkt nach meiner Doktorarbeit, habe ich als Volkswirt am Umweltforschungszentrum gearbeitet. Meine Frau und ich lebten schon damals sehr gern in Leipzig. Wir blieben bis 2007, bevor ich einen Ruf nach Kiel erhielt.

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Johannes Quaas: Und wir besuchten euch immer mal wieder. Es gibt nur zehn Unis in Deutschland, an denen man Meteorologie unterrichten kann. Insofern hing die Entscheidung meiner Frau und mir für Leipzig nicht allein damit zusammen, dass uns die Stadt schon damals gefiel. Aber immerhin wurden 2011 zwei Lehrstühle frei, einer in Mainz, einer hier, und da erschien uns Leipzig weit attraktiver. Auch meine Schwägerin, also Martins Frau, riet dringend dazu.

Martin Quaas: Ja, meine Frau war auch jetzt sehr einverstanden damit, nach Leipzig zurückzukehren. Sie hatte in Kiel immer gesagt: Wenn du dich mal woanders bewirbst, dann in Leipzig oder im Ruhrgebiet, wo wir beide herkommen.

Sind Ihre Kinder auch so begeistert?

Martin Quaas: Zuerst wollten sie natürlich nicht weg aus Kiel. Für unsere älteste Tochter war der Zeitpunkt günstig, weil sowieso der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule anstand. Aber unsere mittlere Tochter war sehr dagegen. Sie ist acht und geht jetzt hier in die dritte Klasse. Immerhin konnten wir ihr den Wunsch erfüllen, dass sie mit ihrer Cousine auf die gleiche Schule geht. Denn zum Glück haben wir eine schöne Wohnung in der Nähe meines Bruder und seiner Familie gefunden. Johannes’ Tochter ist eine Klasse unter ihr, sie spielen jeden Tag in der Pause. Seither ist keine Rede mehr davon, wie schlimm der Umzug gewesen sei. Und der Kleinste geht mit seinem Cousin in den Kindergarten.

Das ist in Leipzig gar nicht so einfach hinzukriegen ...

Martin Quaas: Ja, das hat die Schwägerin gut gemacht! Als ich ihr erzählte, dass ich mich in Leipzig bewerbe, hat sie sofort gesagt: Da müsst ihr euch aber auch gleich nach einem Kindergartenplatz umschauen. Zum Glück haben wir auf sie gehört. Sie half dabei, dass es dann auch geklappt hat.

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Aufgewachsen in einem Pfarrhaushalt

Drehen sich die Gespräche bei Familientreffen des Quaas-Clans vornehmlich um solche Themen oder spielt auch Ihrer beider Forschung zum Umweltschutz eine Rolle?

Martin Quaas: Unbedingt. Wir haben noch zwei weitere Geschwister. Unser jüngerer Bruder arbeitet in Essen als Kfz-Mechaniker. Seine Ansichten über Elektromobilität und deren Förderung oder auch zu Diesel-Fahrverboten sind immer sehr erhellend. Ich nehme jedes Mal etwas mit, über das es sich nachzudenken lohnt.

Johannes Quaas: Wir stammen aus einem Pfarrhaushalt. Vielleicht ist uns auch deshalb allen ein Anliegen, was man im Christentum die „Bewahrung der Schöpfung“ nennt. Ich habe mir die Meteorologie als Forschungsgebiet ausgesucht, weil ich sie für das wichtigste Teilgebiet halte, wenn es um Klimawandel geht. Da ist Leipzig übrigens ein wirklich starker Standort. Nicht nur wegen des Instituts für Meteorologie, sondern vor allem auch wegen des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung. Eine fantastische Forschungseinrichtung.

Inwiefern können ein Meteorologe und ein Ökonom denn gemeinsam zum Umweltschutz beitragen?

Martin Quaas: Johannes und ich teilen das Interesse an Nachhaltigkeitsfragen. Aber schon lange teile ich Johannes’ Einschätzung nicht, dass die Wolken zu verstehen, das wichtigste sei am Klimawandel. Ich halte es für viel wichtiger zu verstehen, wie sich die Menschen verhalten und wie man ihr Verhalten steuern kann.

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Johannes Quaas: Das ist auch richtig – aber in der Physik des Klimawandels gibt es ebenfalls wichtige und faszinierende offene Fragen.

Eine Aufgabe öffentlicher Forschung

Wie kommen Sie auf einen Nenner?

Martin Quaas: Uns interessiert zum Beispiel das sogenannte „Climate Engineering“. Das ist eine unheimliche Idee, die andererseits naheliegt: Wenn wir das Klima schon verändern – und zwar, ohne es zu wollen, zu unserem Schaden – warum versuchen wir dann nicht lieber, das Klima zu unserem Nutzen zu beeinflussen?

Funktioniert das denn?

Johannes Quaas: Bisher natürlich nicht. Niemand könnte die Konsequenzen vorhersagen, wenn wir auf großer Skala bewusst aufs Wetter einwirken würden. Wir verstehen ja nicht einmal die genauen Folgen der jetzigen Veränderungen der Atmosphäre.

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Martin Quaas: Der Ansatz hat etwas von einer Hybris, stimmt. Aber angesichts von weiter zunehmenden Treibhausgas-Emissionen – in Deutschland und weltweit – werden wir künftig mit immer mehr Klimawandel konfrontiert sein. Der bedroht übrigens auch die Artenvielfalt. Wenn es tatsächlich so schlimm kommt wie in manchen Szenarien, wird man irgendwann schnelle Lösungen fordern, um Klimaveränderungen zurückzudrehen. Deshalb halten wir es für wichtig, sich schon jetzt über Technologien Gedanken zu machen, die sonst vielleicht allzu schnell als Lösungen präsentiert werden könnten.

Johannes Quaas: Und zwar in öffentlicher Forschung. Wir haben eine Verantwortung in den europäischen Universitäten, das nicht anderen zu überlassen, die weniger objektiv an die Sache herangehen.

Sie meinen die Privatwirtschaft?

Johannes Quaas: Ja, Leute, die ein echtes Interesse daran haben, Patente anzumelden, um Geld zu verdienen. Oder die irgendwelche geopolitischen Interessen verfolgen.

Braunkohleverbrennung ist eine todgeweihte Technologie


Die Stadt Leipzig will ab 2023 auf Fernwärme aus dem Braunkohle-Kraftwerk Lippendorf verzichten
. Ein Schritt in die richtige Richtung?

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Martin Quaas: Braunkohleverbrennung ist nicht mehr zeitgemäß und enorm klimaschädlich. Auch andere ökologische Schäden ruft sie hervor. Dem stehen natürlich Arbeitsplätze gegenüber, und das vor allem in Regionen, die wirtschaftlich sonst eher schwach sind.

Johannes Quaas: Wir kommen aus Essen. Uns muss man nicht sagen, wie schwierig es ist, von der Kohle wegzukommen. Kulturell ist das schade. Aber soll man deshalb eine todgeweihte Technologie mit Subventionen am Leben erhalten? Es wird auch diskutiert, Kohlenstoffdioxid technisch aus der Atmosphäre zu entfernen. Aber selbst wenn das gelänge, würden wir nicht einfach wieder unser Klima herstellen. Jedenfalls nicht in unserer Lebensdauer und der unserer Kinder.

Martin Quaas: Außerdem müsste man CO2, das man aus der Atmosphäre zieht, irgendwo hintun. Eins ist sicher: In Deutschland werden Sie es nirgends unterbekommen. Jeder Versuch wird auf Widerstand stoßen. Also sollte man das CO2 am besten gar nicht erst in die Atmosphäre lassen. Dort, wo die Kohle jetzt steckt, in der Erde, ist sie sicher.

Was halten Sie vom sogenannten
Kohlekompromiss, auf den sich die Kohlekommission im Auftrag der Bundesregierung vergangenes Wochenende geeinigt
hat?

Martin Quaas: Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Kommission einen Kompromiss gefunden hat. Die Summe von 40 Milliarden Euro scheint zunächst hoch, ist aber tatsächlich nicht der größte Kostenpunkt in der deutschen Energiewende. Die Kosten der Einspeisevergütung sind insgesamt erheblich höher. Als Volkswirt halte ich es natürlich nicht für besonders sinnvoll, mit einzelnen Kraftwerksbetreibern über Abschaltungen einzelner Blöcke zu verhandeln. Eine sinnvolle Einbindung in den Emissionsrechtehandel wäre einfacher und würde volkswirtschaftlich Kosten sparen.

Skurrile Verschwörungstheorien

Wie könnte man den Emissionsrechtehandel in ein wirksames Werkzeug verwandeln?

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Martin Quaas: Würde der Handel auf alle relevanten Sektoren der Volkswirtschaften ausgeweitet, ließe sich viel damit bewirken. Die Emissionszertifikate sind der Goldstandard des Klimaschutzes. Mit einem angemessenen Preis auf CO2 und andere Treibhausgase wären viele der Detailerwägungen überflüssig. Förderung von Elektroautos? Standards für Glühbirnen? Solche kleinteilige Regulierung bräuchten wir nicht, würden wir die Folgekosten der Emissionen einpreisen.

Aber gibt es in Klimafragen momentan nicht eher einen Rückschritt? Von US-Präsident Trump bis zur AfD sammeln Politiker Stimmen von Wählern, die nicht an einen menschengemachten Klimawandel glauben.

Johannes Quaas: Offenbar gibt es Leute, die Fakten nicht wahrhaben wollen. Sonst wäre in Deutschland keine Partei mit skurrilen Verschwörungstheorien zum Klimawandel erfolgreich. Aber davon abgesehen sind die meisten Menschen doch viel weiter als die Politik, glaube ich: Sie sehen das Problem und wollen handeln. Ein ungewöhnlicher Sommer – der natürlich erstmal nur ein Wetterereignis war – hat den Grünen großen Zulauf gebracht. Auch in den USA weigern sich fortschrittlichere Staaten, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich hoffe zudem auf die Wirtschaft. Vernünftig denkende und vorausschauende Manager müssen schon aus purem Eigeninteresse auf Seiten des Klimaschutzes stehen.

Martin Quaas: Wenn nicht gerade handfeste aktuelle Interessen dagegensprechen. Ich sehe es zwar auch so, dass es in Deutschland eine enorme Bereitschaft gibt, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Sonst wäre die Unterstützung für die Energiewende nicht so groß, obwohl sie den privaten Haushalten enorme Kosten verursacht. Trotzdem muss man leider sehr optimistisch sein, um politisch auf wirklich guten Klimaschutz zu hoffen.

Zwillinge kennen sich in- und auswendig, heißt es, und stehen gleichzeitig seit der Geburt in Konkurrenz zueinander. Wie war das bei Ihnen?

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Johannes Quaas: In der Pubertät haben wir versucht, die Wege auseinander gehen zu lassen. Aber davor und danach hatte ich nicht den Eindruck. Nein, ich empfinde das eher als unheimlich bereichernd.

Martin Quaas: Gerade auch in Karriere-Fragen habe ich Johannes immer wieder um Rat gefragt. Volkswirte finden Konkurrenz ja ohnehin gut. Vielleicht war sie auch zwischen uns von Anfang an fruchtbar.

Von Mathias Wöbking

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