LVZ-Aktion „Licht im Advent“

Wenigstens einmal in der Woche ein reichlich gedeckter Tisch – Die Tafel im Wandel

Er hält den Laden am Laufen: Der Leipziger Tafel-Chef Werner Wehmer in der Küche der Einrichtung.

Er hält den Laden am Laufen: Der Leipziger Tafel-Chef Werner Wehmer in der Küche der Einrichtung.

Leipzig. Wenn mehrere Menschen an einem Ort zusammenkommen, ist das normalerweise zu hören. Es wird geschwatzt, vielleicht gescherzt. Und wenn es das nicht ist, dann entsteht Geschäftigkeit wenigstens dadurch, dass jemand in seiner Tasche kramt, auf und ab läuft, telefoniert. Vor dem Eingang der Leipziger Tafel, an dem an diesem Montagmorgen ein knappes Dutzend Menschen in einer Schlange stehen, ist das anders. Es ist still, kaum jemand sagt etwas, niemand kramt, läuft herum oder telefoniert. Es wirkt, als sei eh allen klar, warum sie hier sind, was als nächstes passiert, dass man eben warten muss. Und wahrscheinlich ist es auch so. Es wirkt aber auch so, als gebe es nichts zu besprechen - ausgerechnet hier.

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Zwei Millionen Menschen versorgen die bundesweit 960 Tafeln aktuell eigenen Angaben nach - 50 Prozent mehr als zu Beginn des Jahres und so viele wie noch nie. Grund für den Zulauf ist der Ukraine-Krieg, sind die gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel. Die Leipziger Tafel versorgt gerade rund 19.000 Menschen mit gespendetem Brot und Brötchen, mit Gemüse und Joghurt. Zuvor waren es jahrelang etwa 12.000 Bedürftige gewesen. Schaffen die Tafeln das? Und wie gehen die, die wenig haben, damit um, dass sie immer mehr werden?

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Gabriele Jeßke öffnet von innen die Tür zur Ausgabestelle der Leipziger Tafel in Lindenau. In den dunklen Raum mit den schmalen Fenstern knapp unter der Decke fällt ein wenig mehr Tageslicht. Jeßke winkt die Wartenden herein. Zwei, drei, vier, den fünften bittet sie, noch draußen stehen zu bleiben. Alle, die in den Raum treten, tragen Masken, ganz selbstverständlich und ohne Ausnahme - noch so etwas, das die Tafel von den meisten anderen Orten im Land unterscheidet, an denen Menschen zusammen kommen. Ein Mann setzt seine Maske sogar schon auf, als er das Tor zum Innenhof der Tafel durchschreitet, noch viele Schritte bevor er sich in die Schlange stellt.

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Transport, Personal, Heizen - auch für die Tafeln wird alles teurer

Drinnen, im Ausgaberaum, tritt Gabriele Jeßke hinter die Kasse. Sie rechnet den Unkostenbeitrag ab, den die Menschen hier zahlen müssen. Der ist nicht für die Lebensmittel, sondern für den Tafelbetrieb an sich. Für die Personal- und Transportkosten, solche Sachen. All das ist in den vergangenen Wochen gestiegen. Die Kosten für den Kraftstoff etwa, der nötig ist, um die Lebensmittel-Spenden abzuholen, stieg nach Angaben der Tafel von 2000 auf 3000 Euro im Monat. Deswegen müssen auch die Kundinnen und Kunden mehr zahlen. Fünf Euro sind das für jeden Erwachsenen, der hier her kommt. 2019 waren es noch drei Euro.

Wenn die Menschen an der Kasse von Gabriele Jeßke fertig sind, gehen sie, in der Hand einen handgeschriebenen Zettel mit der Zahl der Personen in ihrem Haushalt, weiter zu der Frau, die das Gemüse verteilt. „Essen Sie alles?“, fragt diese jeden, der kommt und so gut wie immer hört sie ein Ja. Heute gibt es wenig gekühlte Ware, also wenig Joghurt, Käse, Fisch. Wie immer wird alles von den Mitarbeitern der Tafel so verteilt, dass es für alle reicht. Seit die Preise in den Supermärkten gestiegen sind, kaufen die Menschen dort weniger. In der Folge besorgen die Märkte selbst weniger Lebensmittel. Am Ende der Kette bleibt weniger übrig, was als Spende bei den Tafeln landet. „Da gucken manche dann schon skeptisch in ihre Beutel“, sagt Gabriele Jeßke.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Tafel Leipzig füllen die Tüten mit Lebensmitteln – fair, sodass es für jeden reicht.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Tafel Leipzig füllen die Tüten mit Lebensmitteln – fair, sodass es für jeden reicht.

Jeßke arbeitet seit zwölf Jahren ehrenamtlich bei der Leipziger Tafel. Als sie selbst noch arbeiten ging, Teilzeit, war sie zwei Tage in der Woche da. Jetzt, da sie Rentnerin ist, kommt sie an drei Tagen in der Woche. Was die Tafeln leisten können, jetzt, in diesen Krisenzeiten? „Das Ziel ist es, dass der Tisch bei unseren Kunden einmal in der Woche reichlicher gedeckt ist, als sonst“, sagt Jeßke.

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Tafeln gehören zum Sozialsystem - das war so nicht gedacht

Was Jeßke sagt, beschreibt den Wandel der Tafeln. Denn eigentlich sind sie einmal gegründet worden, um Lebensmittel zu retten, die ansonsten weggeschmissen worden wären. Inzwischen sind die Tafeln fest eingepreist in das deutsche Sozialsystem, ohne wirklich dazu zu gehören. „Einmal in der Woche ein reichlich gedeckter Tisch“, so wie es Gabriele Jeßke beschreibt, ist dabei noch eine Untertreibung dessen, was die Tafeln tatsächlich leisten. Denn viele der Menschen, die hier in der Schlange stehen, sagen, dass die Lebensmittel, die sie einmal wöchentlich fast kostenlos mitnehmen dürfen, viel länger reichen müssen. Dass die Rolle, die die Tafeln in Deutschland inzwischen einnehmen, die Überforderung einer Idee für Umweltschutz und Nachhaltigkeit sein könnte, wurde spätestens in diesem Frühjahr deutlich.

Tafel-Kundin Marlies P. verpackt ihre Tüten.

Tafel-Kundin Marlies P. verpackt ihre Tüten.

Denn seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kamen und kommen viele Menschen, die vor den Bomben und dem Terror flüchten, nach Deutschland. Von den Sozialämtern wird ein großer Teil von ihnen standardmäßig zur Tafel geschickt. Die Menschen denken dann, logischerweise, dass die Ausgabestellen zum offiziellen Hilfssystem in Deutschland gehören. Manche verstehen auch das Prinzip nicht - etwa, dass sie bei den Tafeln nichts kaufen muss. Dass sie sich aber auch nichts aussuchen können. Die Missverständnisse führten bei vielen Tafeln zu Streit. Die Tafel in Weimar in Thüringen schaffte es bundesweit in die Schlagzeilen, als dort ein vermeintlicher Einkaufszettel von Ukrainern die Runde machte.

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Auch zur Tafel in Leipzig kamen seit dem Frühjahr viele ukrainische Geflüchtete. Es gebe aber, so sagt es Tafel-Chef Werner Wehmer, kaum Probleme, also kaum Konflikte zwischen den alten Kunden und den neuen. "Manche Tafeln verteilen die Lebensmittel an die Ukrainer jetzt an gesonderten Tagen", sagt Wehmer. Er findet so etwas nicht gut, schon während der großen Flüchtlingsbewegungen um 2015 herum habe man das in Leipzig nicht gemacht. "Integration kann nur gelingen, wenn alle gemeinsam anstehen", sagt er. Auf die neuen Hilfesuchenden haben sie in Leipzig trotzdem reagiert: Mit Natalia Quadt, die seit Mitte Juli fest angestellt bei der Tafel arbeitet.

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„Wüsste ohne Tafel nicht, wie dramatisch die Lage ist“

Natalia Quadt, 39 Jahre alt, kam aus Russland nach Deutschland, als sie 22 Jahre als war. Sie ist studierte Grafikdesignerin und die Stelle bei der Tafel ist die erste seit ihrem Abschluss. Ihre Aufgabe ist aktuell eine der schwersten bei der Tafel. Denn gerade gibt es einen Aufnahmestopp, weitere Bedürftige können nicht versorgt werden. Jede und jeder, die oder der jetzt noch kommt, wird auf eine Warteliste geschrieben - und manchmal, wenn Nahrungsmittel übrig bleiben, auch spontan angerufen, sie können sich dann etwas abholen. Aber regulär jede Woche zur Tafel kommen - das können derzeit nur die Bestandskunden. „Die Menschen sind wütend und müde“, sagt Natalia, die sich nicht nur mit den ukrainischen Geflüchteten auf Russisch verständigen kann, sondern auch etwas Spanisch spricht, um die derzeit zunehmend bei der Tafel anlandenden Menschen aus Venezuela aufzufangen. Wenn die wütenden und müden Menschen von ihr hören, dass sie erst einmal keinen Tafel-Pass bekommen können, fangen viele von ihnen zu weinen an, erzählt Quadt. „Würde ich hier nicht arbeiten, hätte ich keine Ahnung, wie dramatisch die Lage in Deutschland gerade ist.“

Natalia Quadt arbeitet im Büro der Tafel in Leipzig. Sie ist auch deswegen da, weil sie dolmetschen und vermitteln kann: auf Russisch und auch ein bisschen auf Spanisch.

Natalia Quadt arbeitet im Büro der Tafel in Leipzig. Sie ist auch deswegen da, weil sie dolmetschen und vermitteln kann: auf Russisch und auch ein bisschen auf Spanisch.

Wer sich mit den Menschen in der Warteschlange vor der Tafel unterhält, bekommt einen Eindruck davon, was sie vor allem unterscheidet - und dass das nichts mit ihrer Nationalität oder Migrationsgeschichte zu tun hat. Denn es gibt in der Schlange die, die hierher kommen und wissen, dass sich das so schnell nicht ändern wird - dass es sich vielleicht nie ändern wird. Und es gibt die, die die Tafel in ihrem Leben als Ausnahme verstehen. Als Hilfsangebot, von dem sie fest annehmen, dass sie es bald nicht mehr brauchen werden.

Dankbarkeit und Hoffnung

Da ist etwa Marlies P., 64 Jahre alt. Sie braucht montags nahezu den ganzen Tag, um ihre Lebensmittel von der Tafel zu holen und die Tüten in ihrem Einkaufstrolley nach Hause zu rollen. P. wohnt am Adler, also eigentlich gar nicht so weit weg von der Lindenauer Ausgabestelle der Tafel, es fährt sogar ein Bus. Aber P. ist nicht gut zu Fuß, jeder Weg ist beschwerlich. Ehe P. von der Tafel zurück in ihrer Wohnung ist, vier Etagen hoch zu Fuß, auf jeder eine Pause zum Ausruhen, ist es manchmal schon 17 Uhr, erzählt sie, obwohl sie vormittags aufbricht. Hätte sie ihren Schwerbehindertenausweis nicht und müsste sich die Fahrkarte zur Tafel kaufen, könnte sie sich die Reise vielleicht gar nicht leisten, sagt sie. Dabei kam P. bis vor etwa einem Jahr gut über die Runden, obwohl sie nicht arbeiten kann. Dann starb, erzählt sie, „mein Lebenskamerad“. Jetzt kommt sie zur Tafel. „Ich bin zufrieden“, sagt P., alles laufe fair. Sie müsse zwar noch manches im Supermarkt nachkaufen, aber eben nicht alles, das ginge bei den gestiegenen Preisen auch gar nicht mehr. Dann kramt P. ihren Tafel-Pass heraus, auf dem säuberlich für jede Woche hinein gestempelt ist, wann sie ihre Lebensmittel abgeholt hat.

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Weniger Spenden, mehr Bedürftige: Die Tafel in Leipzig hat einen Aufnahmestopp verhangen.

Weniger Spenden, mehr Bedürftige: Die Tafel in Leipzig hat einen Aufnahmestopp verhangen.

Und da ist, auf der anderen Seite, Johann Hoppe, der eigentlich Iwan mit Vornamen heißt. Aber er habe seinen Namen ändern lassen, als er vor drei Jahren als Spätaussiedler aus Russland nach Deutschland kam. „Iwan klingt im Deutschen so hart“, sagt Hoppe, und entschuldigt sich unnötigerweise für sein angeblich schlechtes Deutsch. Hoppe wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern, 4, 7 und 14 Jahre alt, in Leipzig. Er sagt, dass er jetzt bald alle Deutschkurse zusammen habe, die er brauche. Und im Februar, da fange er eine Arbeit im IT-Bereich an. Auch seine Frau beende bald ihren letzten Deutschkurs, wolle sich dann Arbeit suchen. Für das Angebot der Tafel ist Hoppe dankbar. „Es hilft uns über diese Zeit, es ist gut, dass es das gibt“. Aber irgendwann, davon ist er überzeugt, wird er die Hilfe nicht mehr brauchen.

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