Gewebetransplantation

Mobiles Team am Uni-Klinikum im Wettlauf gegen die Zeit

500 bis 600 Herzklappen werden bundesweit jährlich benötigt. Mediziner Frank Polster, Biologin Christine Riege und Trophologe Matthias Polzin von der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation mit einem Modell: links ein Herz, rechts die Klappen.

500 bis 600 Herzklappen werden bundesweit jährlich benötigt. Mediziner Frank Polster, Biologin Christine Riege und Trophologe Matthias Polzin von der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation mit einem Modell: links ein Herz, rechts die Klappen.

Leipzig. Mit dem Tod beginnt die Uhr zu ticken. 36 Stunden bleiben, um einem Verstorbenem Gewebe wie Herzklappen und Blutgefäße zu entnehmen und sie zu konservieren. Innerhalb von 72 Stunden müssen die Augenhornhäute herausgeholt und aufbereitet sein, damit sie anderen Menschen den klaren Blick zurückgeben können. "Zeit ist da fast so ein kostbares Gut wie das Gewebe, um das es geht", sagt der Mediziner Frank Polster, in der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) Regionalleiter für Nord-Ost und den Osten.

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Um Zeit zu sparen, setzt die DGFG in einem Pilotprojekt seit einigen Wochen am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) ein mobiles Entnahmeteam ein. Die Fäden laufen bei der Biologin Christine Riege zusammen, die ihr Büro im Roten Haus in der Philipp-Rosenthal-Straße hat. Neben dem Dresdner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus und der Medizinischen Hochschule Hannover ist das UKL seit 2007 Gründungsgesellschafter der DGFG. Weitere Gesellschafter sind die Universitätsmedizin Rostock und das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg. Als Koordinatorin erhält Riege täglich eine Meldung über verstorbene Patienten und prüft zunächst, ob deren Gewebe für eine Spende in Frage kommt: Das hängt vom Alter bei Todeseintritt und vielen medizinischen Faktoren ab.

„Wir drängen niemanden“

Spricht organisch nichts gegen eine Entnahme und Transplantation, ist der Fall einfach, wenn ein Organ- und Gewebespendeausweis vorliegt. Falls nicht, nimmt Riege Kontakt zu den Angehörigen auf. Stimmen die Verwandten zu, führt ihr nächster Weg in die Pathologie des Klinikums. Augenhornhäute entnimmt sie dort selbst, für die postume Operation am Herzen und an Gefäßen kommt das mobile Team zusammen. Das besteht neben Riege aus Holger Staab, dem Leiter der Gefäßchirurgie am UKL, oder einem seiner Kollgen sowie aus Matthias Polzin, dem DGFG-Koordinator am Dresdner Uni-Klinikum. Eine weitere Koordinatorin arbeitet am Herzzentrum Leipzig.

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Knackpunkt im Ablaufplan ist das Gespräch mit den Angehörigen: „Wir erwischen sie immer zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt“, sagt Riege. Zur Trauer treten die vielen bürokratischen Angelegenheiten hinzu, die es kurz nach dem Tod eines Menschen zu regeln gilt. Ihr Dresdner Kollege Polzin kann gut verstehen, sagt er, „wenn dann mancher am Telefon ,Tut mir leid’ sagt, ,für so etwas habe ich jetzt echt keinen Kopf’.“ Daher halte sie es für wichtig, fügt Riege hinzu, „wenn sich die Familien mit dem Thema zu Lebzeiten einmal auseinandersetzen, bevor sie selbst unvorbereitet vor eine solche Entscheidung gestellt werden“.

„Wir drängen niemanden“, betont Polzin. „Das ist uns sehr wichtig.“ Obwohl die Zeiger gnadenlos voranschreiten: 36 Stunden lang beim Herzen, 72 Stunden beim Auge. „Manche sind aber auch erleichtert über unseren Anruf“, ergänzt er. „Immer wieder sagen uns Angehörige, dass sie froh sind, wenn ihr verstorbenes Familienmitglied noch einem anderen Menschen helfen kann.“ Bei den Hornhäuten stimmen letztlich immerhin fast 40 Prozent zu, bei den Herzklappen gibt es noch keine entsprechenden Daten.

Große Nachfrage

Ist die Spende einmal prozessiert und in flüssigem Stickstoff konserviert, dröhnt das Ticken der Uhr den Fachleuten weit weniger penetrant in den Ohren. Bis zu fünf Jahre bleiben dann, um Klappen und Gefäße zu verpflanzen, für die Hornhäute muss eine Transplantation innerhalb von 34 Tagen erfolgen. „Aber so lange dauert es nie“, sagt DGFG-Regionalleiter Polster. Nach Schätzungen werden in Deutschland jährlich 500 bis 600 Herzklappen und Blutgefäße benötigt. Nicht einmal die Hälfte der Patienten erhält menschliches Gewebe – dabei handelt es sich, anders als bei den Hornhautempfängern, häufig um Notfallpatienten.

Mit elf Hornhaut- und drei kardiovaskulären Banken ist die gemeinnützige Gesellschaft bundesweit vernetzt und führt eine zentrale Warteliste. Sie finanziert ihre Arbeit über die zur Transplantation weitergeleiteten Präparate. Organspenden haben allerdings Vorrang gegenüber Gewebespenden. Bis 2007 war beides unter dem Dach der Deutschen Stiftung Organtransplantation vereint, bis eine Gesetzesänderung die Trennung erforderlich machte. „Wir kommen im Rahmen von Organspenden erst ins Spiel, wenn sich ein Herz als nicht transplantabel erweist“, sagt Polster. „Etwa, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten einen Infarkt hatte.“

Gute Verträglichkeit

Für die Empfänger ist menschliches Gewebe weitaus verträglicher als Herzklappen von Rindern oder Schweinen, die ebenfalls verpflanzt werden. Auch mechanische Klappen aus Metall und Kunststoff bereiten vielen Patienten Probleme. "Es kommt zu Blutverklumpungen, weil der Organismus sie als Fremdkörper auffasst, Infektionen sind möglich", erklärt Polster. Dagegen verbessert die Herzklappenspende eines Menschen die Lebensqualität von Betroffenen enorm. Vor ihrer Transplantation konnte Signe Lenz-Somdalen keinen Wasserkasten anheben, ohne sich danach zum Ausruhen ins Bett legen zu müssen, sagt sie in einem kürzlich gedrehten Werbefilm der DGFG. Die junge Mutter war vor der Verpflanzung zwei Mal am offenen Herzen operiert worden. Jetzt lebt sie ein normales Leben, findet sie. "Ich hoffe, dass das wirklich die Heilung war."

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Umso ärgerlicher, wenn eine Entnahme in anderen Fällen trotz Spendebereitschaft am engen Zeitfenster scheitert. Doch in Leipzig steht nun selbst dann, wenn sich Angehörige mit ihrer Entscheidung Zeit nehmen, ein mobiles Team bereit. Um der tickenden Uhr vorauszueilen.

Von Mathias Wöbking

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