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Urteil in Leipzig

Raub-Plan gegen Hawala-Kurier: Bewährungsstrafen am Landgericht

Die Angeklagten mit ihren Anwälten im Gerichtssaal: Am Ende musste keiner von ihnen hinter Gitter.

Die Angeklagten mit ihren Anwälten im Gerichtssaal: Am Ende musste keiner von ihnen hinter Gitter.

Leipzig.Ursprünglich ging es um einen Mordversuch innerhalb des geheimsten Finanzsystems der Welt. Doch am Ende des seit September 2018 währenden Prozesses am Landgericht Leipzig musste keiner der fünf Angeklagten hinter Gitter. Nach 26 Verhandlungstagen war den Richtern die Beweislage zu dünn.

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Beschuldigt waren Qusay A. (29), Abboud A. (31), Ahmad A. (27), Mahmoud M. (17) und Jonny A.(25) – vier Syrer und ein gebürtiger Leipziger. Sie sollen nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft geplant haben, einen Geldboten des muslimischen Hawala-Bankings auszurauben. Der Fall war auch deshalb so spektakulär, weil er einen seltenen Einblick lieferte, wie konspirativ die Geldströme in diesem verschwiegenen Finanzsystem organisiert werden.

Geld für Drogen und Terror

Klassisches Hawala (arabisch: wechseln, überweisen) existiert schon seit Jahrhunderten, kommt ohne herkömmliche Banken und Konten aus. Ein Einzahler händigt einem Mittelsmann eine bestimmte Summe aus, der Empfänger bekommt das Geld per Code von einem zweiten Mittelsmann. Details des Geschäfts kennen nur die beiden Mittelsmänner, die dann auch Differenzen untereinander verrechnen.

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Ein im Grunde nicht zu kontrollierendes Verfahren, welches beispielsweise in Europa lebende Araber nutzen, um so Geld an ihre Verwandten daheim schicken. Doch auch Kriminelle und Terroristen haben längst die Vorzüge des klandestinen Systems für sich entdeckt. Zu den Kunden des größten Hawala-Bankers, der nach Medienberichten bis zu zwei Milliarden Dollar am Tag transferiert haben soll, gehörten etwa Drogenkartelle aus Lateinamerika und das Terrornetzwerk Al-Kaida. Er flog ebenso auf wie ein pakistanischer Friseur, der von Norditalien aus Millionen zwischen der Mafia und afghanischen Drogenhändlern übermittelt hatte. Berichten zufolge wurden große Terroranschläge wie etwa der Angriff auf ein Hotel in Mumbai im Jahr 2008 mit 164 Toten durch Hawala finanziert. Bis Januar 2018 war Hawala-Banking ohne Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) lediglich Körperschaften verboten gewesen, nicht aber Privatpersonen, sagte ein Ermittler im Leipziger Prozess, erst danach wurde diese Gesetzeslücke geschlossen.

Kurier am Hauptbahnhof geködert

Dennoch läuft das nahezu undurchdringliche Banking ohne elektronischen Zahlungsverkehr, Aufzeichnungen oder Buchungsbelege weiter. Auch die Angeklagten am Landgericht wollten sich das laut Aktenlage zunutze machen. Denn welcher Hawala-Bote würde bei der Polizei Anzeige erstatten, wenn er ausgeraubt wird? Qusay A. und Abboud A. sollen nach Erkenntnissen der Ermittler selbst Hawala-Geldboten gewesen sein und mithin über Insiderwissen verfügt haben.

Laut Anklage köderte die Bande am 22. Januar 2018 einen Kurier am Leipziger Hauptbahnhof. Gegen 20.10 Uhr sollen dem unbekannten Mann 15 000 oder 30 000 Euro – die genaue Summe ist ebenso wie die Identität des Kuriers unklar – übergeben worden sein. Dann fuhr der Bote mit einer Regionalbahn fort. Bis Magdeburg wurde er verfolgt, so die Staatsanwaltschaft. Um 1.30 Uhr sollte der Geldbote mit dem ICE weiter nach Köln reisen und die Chance, ihn auszurauben, wäre wohl dahin gewesen. Die Anklagebehörde ging deshalb davon aus, dass die Beschuldigten alles auf eine Karte setzten und notfalls sogar schießen sollten.

Telefone überwacht

Ob die Täter tatsächlich eine scharfe Pistole bei sich hatten oder eine Schreckschusswaffe, ist allerdings unklar. Und auch der unbekannte Kurier blieb verschwunden. Den Ermittlern standen lediglich tausende Protokolle aus der Telekommunikationsüberwachung zur Verfügung. Denn im Zuge eines Verfahrens um Terrorfinanzierung und Kontakte zu Kämpfern des Islamischen Staats (IS) waren Beamte des Berliner Landeskriminalamts auch auf die Namen zweier Syrer gestoßen, die von Leipzig aus operierten. Deren Telefone wurden daher angezapft. Unzweifelhafte Beweise für die ursprünglichen Anklagevorwürfe lieferte die Überwachung indes nicht, auch aufgrund von Übersetzungsfehlern. Am Ende kamen die Angeklagten wegen Verabredung zu einem Raub mit Bewährungsstrafen zwischen 18 und 20 Monaten davon, der Jugendliche Mahmoud M. wurde freigesprochen.

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Von Frank Döring

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