LVZ-Kolumne „Leipziger Stimmen“

Regine Möbius über streitbare Geister und unverzichtbare Aufklärer

Die Schriftstellerin Regine Möbius an ihrem Lieblingsort in Leipzig, dem Clara-Zetkin-Park. Sie ist Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrates.

Die Schriftstellerin Regine Möbius an ihrem Lieblingsort in Leipzig, dem Clara-Zetkin-Park. Sie ist Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrates.

Leipzig. Schade, dass ich nie gefragt wurde, was mich mit Gotthold Ephraim Lessings Geburtstag verbindet. So muss ich - ungefragt - es selbst erzählen. Am 22. Januar 1729 wurde der berühmte Dichter der Aufklärung in Kamenz geboren. Vor nun 294 Jahren. Grund, ihn zu vergessen? Grund, sich an ihn zu erinnern.

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Seit 1993 wird am Geburtsort der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen vergeben. Alle zwei Jahre. Nun ist es wieder soweit. Am 21. Januar erhält der Lyriker, Liedtexter und Grafiker Andreas Reimann die Auszeichnung, dotiert mit 20.000 Euro. Je 7500 Euro bekommen Förderpreisträgerinnen, die Musikerin und Singer/Songwriterin Sarah Lesch sowie die Schriftstellerin Heike Geißler. Drei Leipziger, drei Poeten, drei politisch Schreibende, die im Geiste Lessings wirken.

Die erste Reise nach Kamenz

Ich reise im Januar 1999 erstmalig von Leipzig nach Kamenz. Anstoß ist die Verleihung des Lessing-Preises an Eduard Goldstücker (1913-2000). Wer ist Goldstücker? Germanist, Publizist, Literaturhistoriker; Sohn einer nordslowakischen, jüdischen Familie. Dieser Eduard Goldstücker hat ein besonderes Verhältnis zu Lessing. Beeindruckt sieht er 1934 im legendären Prager Neuen deutschen Theater die Inszenierung „Nathan des Weisen“ mit der berühmten „Ringparabel“, eine Metapher für Religions- und Gedankenfreiheit. Sie ist eine der Wegmarkierungen für Goldstücker.

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Zur Person

Regine Möbius, geboren 1943 in Chemnitz, kam als Sechsjährige mit ihrer Familie nach Leipzig. Nach einer naturwissenschaftlichen Laufbahn nahm die Literaturliebhaberin mit 40 ein Studium am heutigen Literaturinstitut in Leipzig auf. Bekannt wurde die meinungsstarke Autorin unter anderem mit ihren Texten über Erich Loest.

1939 emigriert er vor den Nationalsozialisten nach England. Nach dem Krieg kehrt er in die Tschechoslowakei zurück, ist ab 1950 als Botschafter in Israel tätig, wird ein Jahr später zurückgerufen und in einem Schauprozess wegen angeblichen Hochverrats, Spionage und Verschwörung zu lebenslanger Haft verurteilt; vier Jahre später die Rehabilitierung.

Eduard Goldstückers Botschaft der Versöhnung

Ich fahre nach Kamenz, um Goldstücker persönlich zu erleben. Der Theater- und Opernregisseur Adolf Dresen (1935–2001) eröffnet mit einem Paukenschlag die Laudatio auf den Lessing-Preisträger: „Es sind zwei herbe, miteinander verflochtene Schicksale, nicht frei von Tragik, von denen die Rede sein wird: das des Kommunisten Goldstücker, der von den regierenden Kommunisten verurteilt und fast hingerichtet wurde, und des Germanisten Goldstücker, der vielfach zwischen Tschechen und Deutschen vermittelte und seine Familie in Auschwitz verlor. Solche Erfahrungen brachten ihn nicht dazu zu hassen. (…)“

Dresen schlägt die Brücke zu Lessing und erinnert daran, dass dieser noch kurz vor seinem Tod als Antwort auf die Auseinandersetzungen seiner Zeit ein Schauspiel auf die Bühne bringt, dessen Handlungsort Jerusalem ist, „der Stadt des Hasses und des Friedens zugleich“. Christen, Juden und Mohammedaner, Vertreter dreier Religionen, streiten um den alleinseligmachenden Glauben. Der Jude Nathan ist es, der Versöhnung und Frieden stiftet. Es ist auch die Stimme Eduard Goldstückers, so Adolf Dresen, „die Stimme der Versöhnung, die Stimme des Friedens“, die sein Leben prägt und nicht selten zerrissen hat.

Adolf Dresens Lebensweg durch beide deutschen Staaten

Zwei Jahre später fahre ich wieder von Leipzig nach Kamenz. Vor mir im Auto sitzt Adolf Dresen, neben mir der Leipziger Schriftsteller Horst Drescher. Beide haben in den 50er Jahren an der Leipziger Karl-Marx-Universität Germanistik studiert und erzählen – wie so oft – vom politischen und geistigen Klima des „Hörsaals 40“. Der Lessing-Preis wird vom Freistaat Sachsen gestiftet – und ist immer eine Verbindung nach Leipzig, der Stadt des Theaters, der Literatur, der freien Geister, die hier leben und Spuren hinterlassen.

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Am 20. Januar 2001 wird Dresen den Lessing-Preis bekommen. Laudator: der Schriftsteller Christoph Hein. Wovon wird Hein sprechen? Von Dresens Wirken in Greifswald, von einer Periode größter Produktivität am Deutschen Theater Berlin, oder von seiner Leidenschaft für die philosophischen Texte Immanuel Kants? Von seinem ungewöhnlichen Lebensweg durch beide deutschen Staaten? Nach der Biermann-Ausbürgerung geht Dresen, wie so viele damals, in den Westen, nimmt das Angebot als Regisseur am Wiener Burgtheater an. Er inszeniert in München und Basel, in Hamburg und Brüssel, in Frankfurt, Bochum, Paris, London, Antwerpen, Bologna, Düsseldorf und immer wieder in Wien.

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„Adolf Dresen ist ein Mann auf dem Sprung“, beginnt Christoph Hein seine Laudatio. „Dresen ist die personifizierte Unruhe, ein schneller, rascher, analytischer Geist, der ungern verweilt (…) Dresen hat keine Zeit, jedenfalls keine Zeit, die er vergeuden könnte. Ein solches Leben sprüht und strahlt und regt an.“ Christoph Hein spricht von einer „nicht zu stillenden Neugierde“. Sie ist es „die Dresen umtreibt, die ihn bis heute lockt und hetzt, die ihn verführte, Berufs- und Gattungsgrenzen für sich nicht zu akzeptieren.“

Preisträger 2023: Mut, Kraft und Verstörung

Am 21. Januar 2023 bekommt der Leipziger Dichter Andreas Reimann den Lessing-Preis: Er ist hier geboren und geblieben. Ein streitbarer Geist, ein wichtiger Lyriker, ein Aufklärer im Geiste Lessings. Die Laudatio auf ihn hält der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer. Die Förderpreisträgerinnen Sarah Lesch und Heike Geißler werden vom Liedermacher Heinz Rudolf Kunze beziehungsweise der Literaturkritikerin Insa Wilke gewürdigt.

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Alle drei werden ausgezeichnet für Mut und poetische Kraft in ihren Texten und auch für gesellschaftskritische Verstörungen und Provokation. Das ist der Weg, der zu Lessing führt, nach Kamenz. Und in die Gegenwart.

Von Regine Möbius

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