Nach 20 Zentimetern Schnee

Scharfe Kritik an Bahn und Bund nach Chaos am Leipziger Hauptbahnhof

Wartende Reisende am Leipzig Hauptbahnhof. Am vergangenen Samstag fuhr dort über Stunden kein Zug.

Wartende Reisende am Leipzig Hauptbahnhof. Am vergangenen Samstag fuhr dort über Stunden kein Zug.

Leipzig. Kaum 20 Zentimeter Schnee, einstellige Frostwerte – und am Leipziger Hauptbahnhof standen bereits alle Züge still. Tausende Reisende mussten am vergangenen Wochenende stundenlang auf Anschluss warten, auch zwei Tage danach kam es noch zu Verspätungen. Verantwortlich für das Chaos waren nach Bahnangaben mehrere Weichen im Vorfeld des Hauptbahnhofes. Trotz Heizung seien diese eingefroren gewesen, hätten blockiert. Für Professor Markus Hecht, Fachgebietsleiter Schienenfahrzeuge an der TU Berlin und Vorstand der Vereinigung „Allianz pro Schiene“, haben dagegen unzureichende Technik, die Strukturreformen des Konzerns und nicht zuletzt die Teilnahmslosigkeit im Bundesverkehrsministerium erheblichen Anteil an den Ausfällen beim Staatskonzern.

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„Die Bahn hat nicht mehr den Ansporn, immer zu fahren. In Westdeutschland gab es nach dem Katastrophenwinter 1963 den Bahn-Slogan ‚Alle reden vom Wetter – wir nicht‘. Dieser fiel nach dem Ende der Transportpflicht 1994 aber komplett weg. Der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn hat später mal gesagt, bei Schnee muss nicht gefahren werden und das ist bis heute nicht widersprochen“, sagte Hecht am Montag gegenüber LVZ.de.

Laut des Bahnexperten liegt das Grundproblem zudem beim Bund, dem 100-prozentigen Anteilseigner und Aufsichtsverantwortlichen des Bahn-Konzern. „Solange niemand auf der Strecke erfriert, ist man im Eisenbahnbundesamt schon zufrieden, da dann kein Sicherheitsproblem besteht“, so Hecht weiter. Weder im Konzern noch im zuständigen Verkehrsministerium hat die Zuverlässigkeit für den Reisenden eine genügend hohe Priorität. „Die Bahn sucht nach Ausreden und begründet so Mängel “, so Hecht weiter.

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Bahnfahrzeuge nicht für den Winter geeignet

Neben der Tatenlosigkeit bei den Bahnverantwortlichen gebe es laut Hecht aber auch rein faktische Gründe, warum am Samstag in Leipzig und Umgebung wieder einmal jeglicher Schienenverkehr zum Erliegen kam. „Die neuen Fahrzeuge der Deutschen Bahn sind nicht genügend für den Winter gemacht, es fehlt an Maßnahmen, die verhindern, dass ständig Eisbrocken von den Triebwagen in die Gleise fallen“, sagte Hecht. In anderen Ländern, in denen im Winter kontinuierlich gefahren werde, gebe so etwas. „In Schweden wird zudem an Wintertagen Enteisungsmittel eingesetzt – ähnlich wie auf Flughäfen – damit keine Eisbrocken auf die Weichen fallen können. Die Weichenheizungen sind damit einfach überlastet“, erklärte der Bahnexperte.

Zudem haben die Strukturreformen unter Ex-Bahnchef Mehdorn auch dazu geführt, dass es an Mitarbeitern fehlt, die im Winter auf den Strecken tätig werden könnten. „Es gibt spezielle Schneebesen für Schienen und Weichen – allerdings muss natürlich auch jemand hinter dem Besen stehen.“ Dass müsse am Ende auch kein Bahnmitarbeiter sein, der Konzern könnte dafür auch externe Firmen zu Hilfe rufen. „Man muss nicht immer versuchen, alles alleine zu machen“, so der Hochschullehrer weiter.

Bahn entschuldigt sich bei Reisenden

Die Deutsche Bahn kündigte am Montag an, die Ausfälle vom Wochenende untersuchen zu wollen. „Klar ist, das genügt unseren Qualitätsansprüchen nicht. Bis dahin bleibt erstmal nur, uns bei den Reisenden in aller Form zu entschuldigen“, sagte ein Sprecher gegenüber LVZ.de.

Am Samstag und Sonntag waren etwa 20 Helfer der Unternehmens auf den verschneiten Gleisen rings um Leipzig im Einsatz, um Schneeverwehnungen zu beseitigen. Diese hätten auch 20 Weichen blockiert, sagte ein DB-Sprecher.  Wenn eine der Weichen wieder funktionierte, trat an einer anderen Stelle die nächste Störung auf. „Das Problem waren ausgesprochen ungünstigte Witterungsbedingungen“, so der Bahnsprecher. Eigentlich reichten die Weichenheizungen aus, um einen reibungslosen Betrieb im Winter zu garantieren. Der Schnee sei auch aufgetaut, durch sinkende Temperaturen und den weiteren Niederschlag hätten sich am Ende aber Eisklumpen gebildet und die Weichen blockiert. „Diese lassen sich dann nur per Hand entfernen“, hieß es.

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Von Matthias Puppe

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