Klärwerk Rosental

So verläuft die Abwasserbehandlung in Leipzig

Das Klärwerk Rosental, 1894 erstmals in Betrieb gegangen, reinigt heute fast 90 Prozent des verunreinigten Wassers von über 560 000 Menschen.

Das Klärwerk Rosental, 1894 erstmals in Betrieb gegangen, reinigt heute fast 90 Prozent des verunreinigten Wassers von über 560 000 Menschen.

Leipzig. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. „Stillstand gibt es hier nicht“, versichert Gerhardt Lindig und stellt sich vor das erste, noch unscheinbare Becken. Das Wetter ist trüb. Ein kühler Wind bläst über das weitläufige Gelände. Der Geruch hingegen – ist streng, ein bisschen stechend, beißend. Der Grund wird beim Blick über das Geländer deutlich. „Da ist die Brühe“, sagt der Mitarbeiter der Wasserwerke und deutet auf die drei Zuläufe, aus denen das grau-braune Abwasser in Leipzigs größtes und ältestes Klärwerk im Rosental strömt. „Täglich kommen rund 110 000 Kubikmeter an. Das sind etwa 110 Millionen Liter am Tag“, so Lindig, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und gerade einen Rundgang durch die Anlage leitet.

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Offensichtlich ist nichts, was in der Toilette landet, wirklich verschwunden. So tummeln sich in dem verschmutzten Flüssiggut auch mehr als nur menschliche Ausscheidungen. Feuchttücher, Goldfische und Zahnersatz sind ebenfalls darin zu finden. „Man glaubt es nicht. Wir hatten tatsächlich Leute hier, die ihr herausnehmbares Gebiss abholen wollten“, verrät Lindig mit einem Lachen. Selbst Fahrräder, Autoreifen und Kinderwagengestelle hätten die Zuläufe schon mal zum Vorschein gebracht. Möglich sei das, weil Leipzig ein Mischkanalsystem hat. Dies führe neben Abwasser auch Regenwasser. Mit dem Nebeneffekt, dass bei kräftigem Niederschlag die Wassermenge im Werk bis auf das Vierfache anschwelle. Dank computergestützter Steuerungsanlagen sei das aber kein Problem.

Komplexe technische Abläufe

Die Abwasseraufbereitung erfolgt in drei Schritten und umfasst die mechanische, chemische und biologische Reinigung. Los geht es im Rechenhaus, wo mehrere Fließband ähnliche Siebe die groben Inhaltsstoffe herausfiltern. „Die wurden im vorigen Jahr erneuert, bringen seitdem 50 Prozent mehr Leistung“, hebt Lindig hervor. Ruhe findet man in dem Gebäude keine. Im Gegenteil: Die Maschinen rattern unentwegt. Verbale Verständigung ist kaum möglich. Es riecht zudem modrig, muffig, allerdings nicht so penetrant wie an den Zuläufen.

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Das Areal im Rosental misst anderthalb Quadratkilometer. Dennoch ist hier nur eine Stammbelegschaft von sechs Personen tätig – im Schichtbetrieb, wie Lindig zu berichten weiß: „Vier arbeiten im Werk, zwei in der Schlammbehandlung.“ Der Komplex war 1894 mit vier flachen Becken in Betrieb gegangen, erhielt nach 1990 eine Verjüngungskur und stellt heute einen hochmodernen Abwasserbehandlungsstandort dar, an dem laut Lindig fast 90 Prozent des verunreinigten Wassers von mehr als 560 000 Menschen geklärt werden. Für die restlichen knapp zehn Prozent seien die übrigen 24 Anlagen im Entsorgungsbetrieb der Wasserwerke verantwortlich.

Nach dem Rechenhaus plätschert das Schmutzwasser nach draußen in den Sandfang. In dem Längsbecken setzt sich der Sand geräuschlos am Boden ab, wird von Saugpumpen aufgenommen und anschließend in einer Kompostierung verarbeitet. Das Hebewerk transportiert die schlammige Brühe danach auf eine fünf Meter höhere Ebene. Es folgt das Vorklärbecken, die letzte Station der mechanischen Reinigung. Das Wasser liegt hier ruhig da, während der feine Dreck sowie Fette und Öle entfernt werden. Erneut schwebt ein Hauch von Moder in der Luft. „Dabei geht es heute noch mit dem Geruch. Es gibt Tage, da hebt es einem die Schädeldecke an“, scherzt Lindig und ergänzt: „Aber die zuständigen Mitarbeiter riechen bestimmt eh nichts mehr.“

Stromproduktion durch Biogas

Die gesamte Behandlung über werden dem Abwasser regelmäßig Proben entnommen. Um zu gewährleisten, dass sich die Ablaufwerte im zulässigen Bereich befinden. „Unsere Werte sind recht gut“, sagt Lindig nicht ohne Stolz. Seinen Energiebedarf decke das Klärwerk übrigens bis zu 60 Prozent über eigens produzierten Strom. Das funktioniert so: Der abgesonderte Klärschlamm wird in drei riesige Faultürme gefüllt. Bakterien verarbeiten ihn dann bei 37 Grad Wärme zu Methangas. Dieses wird hinterher über vier Blockheizkraftwerke in Elektrizität umgewandelt. Falls der Strom einmal ausfiele, steht ein Notstromaggregat zur Verfügung.

Ortswechsel. Für das Abwasser geht es nun zu den sieben Meter tiefen, rechteckigen Belebungsbecken, einem Teil der biologischen Reinigung. Deren Anblick erinnert an ein Freibad. Nur dass die braune Wasseroberfläche verdächtig brodelt, blubbert und sprudelt, wie beim Öffnen einer vorher geschüttelten Brauseflasche. „Das Wasser wird durch Belüften mit Hilfe von Bakterien und Mikroorganismen von weiteren Inhaltsstoffen befreit“, erläutert Lindig fachkundig. Um das Ganze zu beschleunigen, sei zuvor eine Eisen-III-Chlorid-Sulfat-Lösung hinzugegeben worden (chemische Reinigung).

Zum Abschluss gelangt das gereinigte Flüssiggut in die acht runden Nachklärbecken. Noch vorhandene Schlammpartikel werden hier letztmals beseitigt. Warum sich so viele Möwen hier aufhalten? „Die finden eben noch das eine oder andere Häppchen“, kommentiert Lindig. Schließlich rauscht das Wasser in Flusswasserqualität in die Neue Luppe und der Kreislauf beginnt von neuem.

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Von Matthias Klöppel

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