Klang in allen Gassen

„Ich singe gern und ich kann es auch“: So war das Chorfest in Leipzig

Gemeinsam ist schön(er): Beim Abschlusskonzert des Deutschen Chorfestes am Sonntagnachmittag war der Leipziger Markt voller Menschen.

Gemeinsam ist schön(er): Beim Abschlusskonzert des Deutschen Chorfestes am Sonntagnachmittag war der Leipziger Markt voller Menschen.

Leipzig. Martina Seller und Anne Nicolai blättern im Konzertprogramm, glätten die Seiten des Papiers gegen den Sturm und sind sich schnell einig: „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Kein schöner Land in dieser Zeit“, beides machbar. Gleich beginnt an diesem Sonntagnachmittag auf dem Leipziger Markt das Abschlusskonzert des Deutschen Chorfestes. „2022 Stimmen“ haben die Veranstalter es genannt, der Job fürs Publikum ist also klar: mitsingen! Martina Seller und Anne Nicolai gehören beide dem Chor der hiesigen Michaeliskirchgemeinde an, seit 25 Jahren schon, deswegen die Gelassenheit. Trotz ihrer Leidenschaft haben es die beiden Frauen an diesem Wochenende noch auf keines der anderen Chor-Events geschafft: Klassentreffen, dies, das, die ganze Post-Corona-Raserei. „Jetzt erleben wir aber wenigstens noch den Abschluss, das wird toll“, sagt Martina Seller.

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Das Konzert vor dem Alten Rathaus der Messestadt ist das letzte von 539, die beim Chorfest gegeben worden sind. Es müssen mehr gewesen sein, wie der Samstag beweist. Voll ist die Innenstadt, als eine Leipzigerin ruft: „Da vorne singt schon wieder ein Chor. Echt schön!“ Und das stimmt: Ein „Dona nobis pacem“ zwischen Thomaskirche und Petersstraße, eine „Ode an die Freude“ im Johannapark, spontan, frühlingsbeschwingt. Läuft man an diesem Wochenende mit offenen Ohren durch Leipzig, kann es einem wirklich nur so vorkommen, als sei die ganze Stadt Klang und Gesang.

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Leipzig singt beim Chorfest

Zum Abschluss des viertägigen Events erklangen am Sonntagnachmittag „2022 Stimmen“ auf dem Markt.

Nicht dazwischen klatschen – und unbedingt dazwischen klatschen

Das, was das Chorfest seit dem Himmelfahrtstag zu bieten hat, ist so breit wie ein Oktavsprung hoch sein kann. Erstes Beispiel: Friedenskirche, Donnerstagabend, der Auftakt in das lange Wochenende der Tenöre und Sopranistinnen. Mehrere Chöre singen ihre Wettbewerbsbeiträge. Zuerst der Otto-Schott-Chor aus Jena. Ihre FFP-2-Masken haben die Sängerinnen und Sänger um die rechten Armbeugen gebunden wie kleine Flügelchen, eine Erinnerung an das ganz grundsätzliche Glück dieses Ereignisses: Schon vor zwei Jahren hat das Leipziger Chorfest eigentlich stattfinden sollen. Wegen der Pandemie ist es anders gekommen. Das Publikum in der Friedenskirche lauscht still den Katzen-Geräuschen des Jenaer Chores. Und ist noch stiller in den Pausen zwischen den Liedern. Denn das weiß natürlich der geübte Konzertbesucher: Geklatscht wird am Ende, dann aber richtig.

Herta Grunewald (Mitte) war die älteste Teilnehmerin beim Chorfest. Die Dame ist stolze 102 Jahre alt und spielt drei Instrumente.

Herta Grunewald (Mitte) war die älteste Teilnehmerin beim Chorfest. Die Dame ist stolze 102 Jahre alt und spielt drei Instrumente.

Weniger geordnet geht es am Samstagmittag auf dem Markt zu. Die Menschen schieben sich wie gewohnt durch die Petersstraße und die Grimmaische Straße, viele drehen aber neugierig die Hälse oder bleiben gar stehen am Gitter um die Bühne: Woher kommt der Gesang, was ist das? In dem Fall handelt es sich um „Das große Carusos-Familiensingen“ – und dabei wird zwischendrin geklatscht, soll ganz unbedingt mitgeklatscht werden. Die Carusos, das ist eine Initiative des Deutschen Chorverbandes, die Kinder zum Singen bekommen will. Als die Musikfreundinnen und Musikfreunde ihren Kanon anstimmen mit der Zeile „Ich singe gern und ich kann es auch“, ist es ein älterer Herr, der am begeistertsten mitsingt und mitklatscht, dass es wirklich so scheint, wie es in den Festreden immer heißt: Chormusik erreicht die Seelen und die Herzen.

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Und jetzt: Freude auf das Bachfest

Gleich mehrere dieser Festreden hält am Wochenende Christian Wulff, der ehemalige Bundespräsident und aktuelle Präsident des Deutschen Chorverbandes. Gleich mehrfach zitiert er Kurt Masur, der demnach eins sagte: „Bringt junge Menschen in Kontakt mit der Musik, dann habt ihr in der Politik schon viel geschafft.“ Gnädig gestimmt vom Leipziger-Klang-Wochenende mag man es ihm wenigstens einen Sonntagnachmittag lang glauben und widerspruchslos durchgehen lassen – bei seinem Grußwort zum Abschlusskonzert und dem, was vom Programm nachklingt.

Freude am Singen: Das Publikum beim Abschlusskonzert des Chorfestes

Freude am Singen: Das Publikum beim Abschlusskonzert des Chorfestes

Ob es die 2022 Stimmen geworden sind zum Chor-Finale auf dem Markt, ist am Sonntag schwer zu sagen. Weit vierstellig ist die Menge vor der Konzertbühne aber in jedem Fall. Darunter ist auch eine Familie aus Gohlis, eisschleckend und erzählend: Die Eltern haben selbst lange im Chor gesungen und tun es ein bisschen weniger, seit die Kinder da sind. Aber natürlich freue er sich, sagt der Vater, so viele tolle Konzerte kostenlos hören zu können, überhaupt so etwas wie das Chorfest in der eigenen Stadt zu haben. „Das ist ja auch der riesige Standortvorteil von Leipzig“, sagt er. „Da feiert man Chorfest und freut sich schon aufs Bachfest.“

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