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30 Jahre Friedliche Revolution

So wurde der Kirchentag 1989 zum Forum für die DDR-Opposition

Gesprächsforum beim „Statt-Kirchentag“ vom 7. bis 9. Juli 1989 in der Leipziger Lukaskirche mit SPD-Politiker Erhard Eppler (rechts), Christoph Wonneberger (Mitte) und Ludwig Mehlhorn (links).

Gesprächsforum beim „Statt-Kirchentag“ vom 7. bis 9. Juli 1989 in der Leipziger Lukaskirche mit SPD-Politiker Erhard Eppler (rechts), Christoph Wonneberger (Mitte) und Ludwig Mehlhorn (links).

Leipzig.Leipzig, Sommer 1989. Vom 6. bis 9. Juli fand der Kirchentag der Evangelischen Landeskirche statt. Der SED-Staat versuchte mit großem Aufwand, die Veranstaltungen „abzusichern“. Die Stasi verfasste für die vier Tage extra einen 13-seitigen Maßnahmeplan mit dem Decknamen „Aktion Kongress 89“. Die Montag für Montag sich in der Nikolaikirche treffenden Oppositionellen und Ausreise-Antragsteller waren der Staatsmacht wie den Organisatoren suspekt. Auf politischen Druck hin verzichteten die Veranstalter auf brisante politische Themen und boten den Bürgerrechtsgruppen keine Plattform. Seitens der Organisatoren des Landeskirchentages war sogar von „Trittbrettfahrern“ die Rede.

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Uwe Schwabe: Kirchenleitung wollte keine „Störungen durch Basisgruppen“

Uwe Schwabe, damals Mitglied der Initiativgruppe Leben, heute Mitarbeiter des Zeitgeschichtlichen Forums, erinnert sich: „Die Kirchenleitung beabsichtigte in ihrer Selbstzensur, keine Störungen durch die Basisgruppen zuzulassen. Dies nutzte der Staat, massiv Einfluss auf Gestaltung und Ablauf des Kirchentages auszuüben.“ Der „Markt der Möglichkeiten“, auf dem sich alternative, außerhalb der kirchlichen Strukturen agierende Gruppen vorstellen wollten, stand, nicht wie ursprünglich vorgesehen, nicht im Programm, dafür gab es einen „Treffpunkt Glauben“. Die Opposition fand dennoch ihr Podium. Christoph Wonneberger, Pfarrer der Lukaskirche in Volk

Bürgerrechtler Uwe Schwab

Bürgerrechtler Uwe Schwab

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marsdorf, stellte es zur Verfügung, indem er Debatten unter dem Motto „statt Kirchentag“ organisierte. Die Lukaskirche war schon seit geraumer Zeit Treff der Bürgerrechtler. Auch mit Konzerten mit dem mit Berufsverbot belegten Liedermacher Stephan Krawczyk hatte Wonneberger für Aufsehen gesorgt und war von der Kirchenleitung gerügt worden.

2500 Oppositionelle aus der ganzen DDR beim Statt-Kirchentag

Zum „Statt-Kirchentag“ reisten 2500 Oppositionelle aus der ganzen Republik an, man tauschte sich aus über die aktuelle Lage, besprach künftige Aktivitäten, präsentierte selbst gestaltete Dokumentationen, zum Beispiel zur Umweltproblematik und der Verschmutzung der Pleiße. Wonnebergers Verdienst war

Walter Christian Steinbach:

Walter Christian Steinbach:

es, ein Treffen am Rande dessen organisiert zu haben, was damals überhaupt möglich war. Walter Christian Steinbach, vor 30 Jahren Pfarrer in Rötha und Initiator des Christlichen Umweltseminars: „Auf diesem sehr besonderen Kirchentag habe ich Christoph Wonneberger als mutige und beeindruckende Persönlichkeit erlebt. Er hatte die Treue- und Loyalitätsverpflichtung gegenüber der Landeskirche meist sehr weit gefasst.“

Westpolitiker Erhard Eppler sprach in der Lukaskirche

Die Westmedien nahmen Notiz von der Veranstaltung, an den Debatten in der Lukaskirche beteiligte sich untere anderem der bundesdeutsche SPD-Politiker Erhard Eppler. Nach der Podiumsdiskussion zum Thema „Europäische Hausversammlung“ sagte er: „Ich finde das heute Abend eine der spannendsten Diskussionen, die ich jemals mitgemacht habe.“ Neben Eppler saß am

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SPD-Politiker Erhard Eppler nahm am Statt-Kirchentag 1989 in Leipzig teil.

SPD-Politiker Erhard Eppler nahm am Statt-Kirchentag 1989 in Leipzig teil.

8. Juli Christoph Wonneberger im Podium. Frage heute an ihn: Wie mutig war es denn, den Statt-Kirchentag in der Lukaskirche durchzuführen? – „Mutig? Ich weiß nicht … Als sich abzeichnete, dass es keinen ,Markt der Möglichkeiten’ geben soll, dachte ich, dann machen wir eben selbst einen. Der Ausschuss der Leipziger Synodalen empfahl so eine Veranstaltung meinem eher ängstlich agierenden Kirchenvorstand, der stimmte zu, der Statt-Kirchentag war quasi genehmigt. Das Treffen selbst mit Gruppen aus der ganzen DDR war ein wichtiges Ereignis der Bürgerrechtsbewegung. Wir konnten mit Politikern aus der Bundesrepublik diskutieren, hatten auch Vertreter von Solidarnosc aus Polen eingeladen. Die durften aber nicht einreisen, also übernahm der Polen-Kenner Ludwig Mehlhorn deren Aufgabe. Der offizielle Kirchentag bot in seinem Schatten die günstige Gelegenheit zum landesweiten Treff der Opposition.“

Proteste im Scheibenholz: „Nicht noch mal! Wahlbetrug!“

Während der Abschlussveranstaltung des Landeskirchentages, die auf der Galopprennbahn im Scheibenholz stattfand, organisierten Mitglieder der Oppositionsgruppen, unter ihnen die kaum 18 Jahre alte Kathrin Walther von der bei Pfarrer Wonneberger aktiven Gruppe Menschenrechte, einen öffentlichen Protest. Sie entrollten Transparente mit der Aufschrift „Nicht noch mal! Wahlbetrug“ und, an die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking erinnernd, auf Deutsch und Chinesisch „Demokratie“. Der Versuch, mit den Transparenten, auf die Bühne zu gelangen, verhinderten kirchliche Ordnungskräfte. Zahlreiche Besucher schlossen sich der Aktion an, so dass schließlich fast 1000 Personen Richtung Innenstadt zogen. Der

Pfarrer a.D. Christoph Wonneberger (r.) 2017 auf einer „Pulse of Europe“-Demonstration in Leipzig.

Pfarrer a.D. Christoph Wonneberger (r.) 2017 auf einer „Pulse of Europe“-Demonstration in Leipzig.

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Weg wurde letztlich durch Polizeiketten versperrt. Das Plakat mit der Aufschrift „Demokratie“ trug Kathrin Walther, als es ihr am Floßplatz von Stasileuten entrissen wurde. Die Demonstranten suchten Obhut in der Peterskirche, wo spontan eine Andacht statt fand.

Museum in der Runden Ecke, 9. Juli, 19 Uhr: Heute vor 30 Jahren – Vortrag, Film, Gespräch zum Kirchentag, Statt-Kirchentag und Demonstration für Demokratie.

Von Tom Mayer

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