Am Landgericht

Urteil im Unister-Prozess in Leipzig: Manager bekommen Bewährungsstrafen

Die Ex-Unister-Manager Holger Friedrich (vorne) und Daniel Kirchhof beim Prozess am Landgericht Leipzig. (Archivfoto)

Die Ex-Unister-Manager Holger Friedrich (vorne) und Daniel Kirchhof beim Prozess am Landgericht Leipzig. (Archivfoto)

Leipzig. Mit Bewährungs- und Geldstrafen ist am Montag nach fast einem Jahr der Prozess gegen zwei ehemalige Manager des Leipziger Unister-Konzerns zu Ende gegangen. Die 15. Strafkammer des Landgerichts Leipzig verurteilte den früheren Chef der Flugsparte, Holger Friedrich (52), zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten. Zudem muss er als Auflage 8000 Euro an die Leipziger Verbraucherzentrale zahlen.

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Der einstige Gesellschafter Daniel Kirchhof wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt, die ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem muss der 40-Jährige eine Geldstrafe von 200 Tagessätzen à 40 Euro (insgesamt 8000 Euro) zahlen. "Der wirtschaftliche Erfolg von Unister stand an erster Stelle, dafür waren die Angeklagten bereit, in Grenzbereiche vorzudringen", sagte der Vorsitzende Richter Volker Sander.

Zudem werden von den ehemaligen Unister-Tochterfirmen Aeruni GmbH, diese hatte die Flugtickets ausgestellt, gut 4,8 Millionen Euro und der Travel 24 gut 1,7 Millionen Euro eingezogen. Beide Unternehmen hätten durch die Taten profitiert.

Betrug mit Flugtickets in 41.400 Fällen

Die Kammer blieb bei Friedrich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie hatte für ihn eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren ohne Bewährung gefordert. Bei Kirchhof fiel die Geldstrafe um 7400 Euro geringer aus. Dem ehemaligen Flugchef honorierte das Gericht vor allem dessen Teilgeständnis. Bei Kirchhof wurde berücksichtigt, dass er nach der Insolvenz von Unister sein Vermögen verloren habe und nun von vorn beginnen müssen. "Ich bin von der Urteilsbegründung enttäuscht, es gibt darin größere Differenzen", erklärte Kirchhof. Friedrich sprach von einer vorgefertigten Interessenlage.

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Das Gericht sah es als erwiesen an, das sich beide Manager wegen des sogenannten Runterbuchens von Flugtickets in rund 41.400 Fällen des gewerbsmäßigen Betrugs strafbar gemacht haben. Kirchhof sei zudem wegen des unerlaubten Vertriebs von Versicherungen und der Beihilfe zum Hinterziehen von Versicherungssteuer schuldig. Sowohl Friedrich als auch Kirchhof kündigten unmittelbar nach der gut zweistündigen Urteilsverkündung eine Revision an. Der Prozess geht somit wohl vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe in eine neue Runde. Die Anklagebehörde wolle das Urteil zunächst genau prüfen und dann entscheiden, hieß es.

"Unister handelte nach dem Motto Trial and Error"

Mit dem Prozess geht nach mehr als fünf Jahren ein Verfahren zu Ende, das 2012 mit den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Dresden begann und in insgesamt vier Razzien der sächsischen Sondereinheit "Ines" in den Geschäftsräumen von Unister im Leipziger Barfußgässchen ihre Höhepunkte fand.

Die Prozessbeteiligten hörten in den vergangenen 41 Verhandlungstagen seit Januar 2017 Dutzende Zeugen, um sich ein Bild von den Praktiken beim ehemaligen Leipziger Internetriesen zu machen. Sander fasste es so zusammen: "Unister handelte nach dem Motto Trial and Error." Dinge wurden ohne Rücksicht auf rechtliche Folgen ausprobiert und bei Bedarf nachgebessert.

Die Anwälte von Friedrich und Kirchhof betonten stets, dass das Runterbuchen seit mehr als 30 Jahren gängige Praxis in der Reisebranche sei und zuvor nie eine Staatsanwaltschaft interessiert habe. Die Anbieter optimieren dabei nach der Buchung noch einmal den Preis, etwa durch den Zugriff auf Sonderkontingente bei Flugscheinen, ohne die Ersparnis allerdings an den Kunden weiterzugeben. Nach Ansicht der Kammer ist das verboten. Der auf einem Onlineportal mit dem Endverbraucher ausgemachte Preis müsse unverändert an die Airline weitergereicht werden. Da die Unister-Gesellschaften nur als Vermittler agierten, hätten sie diesen Prozess darüber hinaus nicht gestalten dürfen.

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Eine Frage konnte der Prozess nicht klären: Warum sind die Ermittler nach einer anonymen Anzeige derart intensiv gegen Unister vorgegangen? Einige Ungereimtheiten zumindest brachte das Verfahren ans Tageslicht. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte per Telefonat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Sommer 2012 gebeten, ein bereits ausgefertigtes Anhörungsschreiben an Unister nicht abzuschicken, was dann auch so passierte. "Die BaFin hat halbherzig gehandelt und hätte früh Schlimmeres verhindern können", erklärte nun auch Richter Sander.

Richter bezeichnet Thomas Wagner als "Patriarch"

Mit der späteren Durchsuchung begann der Abstieg des Leipziger Unternehmens, der schließlich in der Insolvenz im vergangenen Jahr mündete. "Die insgesamt vier Razzien zwischen 2012 und 2014 haben Unister kaputt gemacht", sagte der langjährige Unternehmenssprecher Konstantin Korosides. Die Öffentlichkeit bekam nur von den beiden Durchsuchungen im Dezember 2012 und 2013 etwas mit. Banken vertrauten den Internetpionieren der Reisebranche nicht mehr und für Firmengründer Thomas Wagner und seine Mitstreiter wurde es immer schwieriger, an frisches Geld zu gelangen. "Das Unternehmen konnte mit seinem hohen Anteil an Fremdfinanzierungen so nicht mehr weitermachen", sagte der Vorsitzende Richter. Wagner, den Sander als Patriarch bezeichnete, habe aber keine nachhaltigen Veränderungen zugelassen. Eine Sache wurde durch die U-Haft von Wagner nämlich deutlich: Unister hatte ein strukturelles Problem. Ohne den Firmenchef lief nichts, fehlte er, fehlten auch die Entscheidungsbefugnisse. Das Unternehmen war in seiner internen Aufstellung völlig auf Wagner fixiert.

Es wäre spannend gewesen, was der gebürtige Dessauer zu den Vorwürfen der Generalstaatsanwaltschaft gesagt hätte. Nach seinem tödlichen Flugzeugabsturz im Sommer 2016 war das nun nicht mehr möglich. Das Verfahren wirkte allerdings so, als ob Wagner trotzdem stets anwesend war. Zahlreiche Zeugen beschrieben die Zustände bei Unister vor allem mit dem Handeln Wagners. Und auch Sander nahm mehrfach Bezug auf den Unister-Boss.

Dass bei Unister nicht alles falsch gewesen sein kann, zeigen die Verkaufserfolge von Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther. Gerade hat er die letzte Tochter aus der Insolvenzmasse veräußert. Mehr als 50 Portale und Gesellschaften überführte der Jurist aus Halle in die Hände neuer Eigentümer.

Der größte Investor ist die tschechische Invia-Gruppe, die die Hauptportale der Reisebranche übernommen hat und jetzt damit durchstartet. Der Unister-Nachfolger ist mit seinen Angeboten inzwischen wieder in der TV-Werbung präsent und steigert Schritt für Schritt die Umsatzzahlen. Im Weltcup der Wintersportler sind zudem die Sprungskier mit dem markanten Aufdruck fluege.de marketingwirksam zurück in der Luft. Wohin die Reise des Unternehmens geht, wird die Zukunft zeigen. Die Geschichte des erfolgreichen ostdeutschen Startups hat spätestens mit dem Urteil vom Montag ihr Ende gefunden.

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Matthias Roth

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