Neugestaltung

Verein wünscht Kirchturm auf Leipziger Johannisplatz zurück

Der Johannisplatz mit dem Grassi-Museum ist das Eingangstor zur Ostvorstadt: Der Verein Johanniskirchturm will den barocken Turm als Höhendominante zurück.

Der Johannisplatz mit dem Grassi-Museum ist das Eingangstor zur Ostvorstadt: Der Verein Johanniskirchturm will den barocken Turm als Höhendominante zurück.

Leipzig. Die Zierkirschen sind in voller Blüte und laden zwischen den beiden Verkehrsadern mitten in der Stadt zum Picknick ein. Der Johannisplatz vorm Grassi-Museum gehört zu den wenigen zentrumsnahen Arealen, die der Baumboom noch verschont hat. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert daran, dass hier einst die Johanniskirche stand, die nicht zuletzt durch die Bach-Gellert-Gruft weit über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt war. Wer sehr genau hinschaut, entdeckt Erläuterungstafeln, die auf die besondere kultur- und stadtgeschichtliche Bedeutung des einst stadtbildprägenden Platzes hinweisen. Der Leipziger Künstler Heinz-Jürgen Böhme hatte sie einst im Auftrag der Stadt angefertigt, die mit dem Platz derzeit allerdings wenig im Sinn hat.

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Akuter Platzmangel der Grassi-Museen

Doch die Begehrlichkeiten sind längst geweckt. So hat sich das Grassi-Museum für angewandte Kunst kürzlich in einer Ausstellung „Grassi Future“ mit Entwürfen zu Wort gemeldet, die auf eine Erweiterung in Richtung Johannisplatz zielen. Hintergrund: Das Grassi, das drei Museen (Angewandte Kunst, Völkerkunde, Musikinstrumente) beherbergt, wurde zwar bis 2005 sorgfältig saniert. Im Vergleich zum Neubau von 1929 ist allerdings kein einziger Quadratmeter Nutzfläche hinzugekommen.

Alle drei hier beheimateten Einrichtungen leiden unter akutem Platzmangel. Studierende der Technischen Universität Dortmund haben – betreut vom Leipziger Architekten Ansgar Schulz – ihre Visionen für den Platz dargelegt. Die sind fiktiv, greifen aber die notwendige Erweiterung der drei Sammlungen auf (die LVZ berichtete).

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Verein: Entwürfe kein Bezug zur Stadthistorie

„Es ist für uns als Verein nicht hinnehmbar, dass die vorgestellten Entwürfe bis auf zwei Ausnahmen keinerlei Bezug zur besonderen Geschichte dieses uralten Stadtareals aufweisen“, sagt Rainer Manertz vom Verein Johanniskirchturm. Dass junge Leute sich ausprobieren, sei ihr gutes Recht. „Uns stört aber, dass es keine Bezüge zu Bach gibt.“

Manertz und Mitstreiter bemühen sich seit mittlerweile 15 Jahren, dem einst die Ostvorstadt prägenden Platz sein Gesicht wiederzugeben. Zur Erinnerung: Die Johanniskirche brannte beim schwersten Bombenangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 völlig aus. Im Februar 1949 wurde die Ruine gesprengt. Lediglich der barocke Turm, dessen Mauerwerk bei der Bombardierung keine Schäden davontrug, blieb fürs Erste stehen. Der Turm sollte zunächst Teil eines geplanten Bachmausoleums werden.

Doch es kam anders: Der barocke Bau, von den damals Mächtigen als „hohler Zahn“ diffamiert, wurde am 9. Mai 1963 gesprengt. Der Verein möchte zumindest den Kirchturm wiedererrichten – als Höhendominante. Für Architekt Stefan Riedel gibt es da „eine Wiedergutmachung im Städtebau“. Schließlich gehe es darum, die Identität deutscher Städte zu erhalten. Gerade aus diesem Grunde entstünden ja Bauten wie die Potsdamer Garnisionskirche und das Berliner Stadtschloss neu, argumentiert er.

Kirchturm-Verein legt Ideenskizze vor

Der Verein hat inzwischen eine eigene Ideenskizzen-Variante und Gedankensammlung zum Johannisplatz vorgelegt, die Professor Klaus Kohlstrung aus München in ihrem Auftrag anfertigte. Dominante ist dabei der Johanniskirchturm, in dessen Inneren es einen kleineren Veranstaltungssaal für Konzerte geben kann. Der Platz wird durch kleinere Gebäude mit Arkadengängen sowie Neubauten in Front des Museums abgegrenzt, die diesem als Depots, Werkstätten und Bibliothek dienen könnten.

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„Gegner werfen uns vor, dass wir die Sichtachse vom Augustusplatz zum Grassi-Museum verstellen wollen“, sagt Vereinsmitglied Johannes Hähle. Doch das Grassi-Museum habe damals gar nicht höher errichtet werden dürfen, „um der Johanniskirche nicht die Dominanz zu nehmen“. Selbst die Studentenarbeiten hätten Turmbauwerke.

Der Verein Johanniskirchturm will den barocken Turm als Höhendominante zurück und hat nun von Klaus Kohlstrung einen Entwurf anfertigen lassen (kleines Foto), wie er sich den Platz vorstellt.

Der Verein Johanniskirchturm will den barocken Turm als Höhendominante zurück und hat nun von Klaus Kohlstrung einen Entwurf anfertigen lassen (kleines Foto), wie er sich den Platz vorstellt.

Die Entwürfe sind alle unverbindlich

Der Entwurf ist ebenso wie jener der Studenten aus Dortmund unverbindlich – eine Bebauung des Johannisplatzes steht derzeit nicht an. Der Verein, dem gegenwärtig 40 Mitstreiter angehören, hat aber einen langen Atem. Ebenso wie das Grassi sucht er Konsens-Modelle, damit das geschichtsträchtige Areal nicht vergessen bleibt. Die Bach-Gellert-Gruft der zerstörten Johanniskirche ist zugeschüttet. Im Dezember 2014 hatte der Verein sie freilegen lassen, um ihren Zustand zu dokumentieren. Sie ist gut erhalten – könnte erneut freigelegt, gesichert und zur Besichtigung geöffnet werden. Selbst ein unterirdischer Zugang über einen Neubau wäre vorstellbar. „Hier sind noch viele Überlegungen notwendig. Wir haben die Gruft nur wieder zugeschüttet, um Schäden zu verhindern“, betont Hähle. Ziel sei es, mit der Stadtverwaltung und dem neuen Stadtrat zu klären, was auf dem Johannisplatz realisierbar ist.

Hoffen auf den neuen Stadtrat

Das sieht auch das Grassi-Museum für Angewandte Kunst so, dessen Direktor Olaf Thormann „mit Interessierten und Partnern Synergien finden und mittelfristig umsetzbare Lösungsvorschläge erarbeiten will“. 2029 begeht das Grassi den 100. Geburtstag seiner Eröffnung. 2024 feiert das Museum für angewandte Kunst den 150. Geburtstag der Gründung – damals als Kunstgewerbemuseum. Ein Anlass, ein Zukunftskonzept vorzulegen.

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Von Mathias Orbeck

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