Generation 2013 des Leipziger Thomanerchors

Von Notfallkoffern und Kekskrümeln

Nathanael Vorwergk, Pascal Leonhardt und Tobias Gründel (von links) bei „ihrer“ Schneiderin Sabine Vogler.

Nathanael Vorwergk, Pascal Leonhardt und Tobias Gründel (von links) bei „ihrer“ Schneiderin Sabine Vogler.

Leipzig. Keine 30 Knöpfe hat sie in den zurückliegenden Jahren annähen müssen („Die sind ja von mir ordentlich festgenäht worden“), dafür einen moderneren Anzug für die Älteren mit auf den Weg gebracht sowie unzählige Taschentücher und viel Kaugummipapier aus den Sängeruniformen entfernt: Sabine Vogler.

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Die 51-Jährige ist seit drei Jahren die Schneiderin des Thomanerchors und somit Expertin für die traditionelle Kluft der kleinen und großen Sänger sowie die gute Seele in der Schneiderei. „Ich habe ursprünglich an der Leipziger Oper Damenmaßschneiderin gelernt und dort auch einige Zeit gearbeitet“, erzählt Sabine Vogler. Später sei sie in einer Änderungsschneiderei tätig gewesen.

„Da mein Sohn bis 2011 auch Thomaner war, hatte ich natürlich schon lange eine besondere Beziehung zum Chor“, erzählt sie. Tobias Gründel (15 Jahre), Pascal Leonhardt und Nathanael Vorwergk (beide 14) – jenes Trio, das die LVZ über einige Jahre begleitet – sehen Sabine Vogler mindestens einmal pro Woche: um ihre Anzüge abzuholen oder wiederzubringen. Sind kleinere Reparaturen Aufgabe der Sänger? „Zum Glück nicht“, sagt Tobias und lächelt verschmitzt.

Die Größeren müssen selbst auf ein ordentliches Aussehen achten

Dass ihnen die Chefin über alle Uniformen so viel abnimmt – dafür lieben die Jungen sie. Und was ist mit Fusseln auf der Kleidung kurz vorm Konzert? „Die Kleinen kontrolliert der Domesticus, ein älterer Thomaner, genau und bürstet gegebenenfalls noch mal kurz drüber“, erläutert Nathanael. Die Größeren müssten schon selbst auf ein ordentliches Aussehen achten.

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Kleinere Malheurs bleiben trotz aller Achtsamkeit nicht aus. Ein ehemaliger Thomaner hatte schnell den Spitznamen „Suppe“ weg, weil er sich selbige vor einem Auftritt über den Anzug schüttete. Und Nathanael vergaß bei einer Konzertreise mal seine Sängerkluft im Hotel.

„Manchmal findet man die halbe Speisekarte auf den Blusen“, berichtet Sabine Vogler amüsiert. Für solche Fälle gebe es bei allen Auftritten immer einen Ersatzkoffer, verrät sie. Drei Kieler Blusen, drei Anzüge und Schuhe seien darin verstaut. Und natürlich sind im Vorfeld immer noch jede Menge Kleinigkeiten „auszubügeln“.

Genauer Blick auf Kleidung vor allem nach Ostermesse nötig

„Flecken mit dem Lappen, Wachs mit dem Löschblatt, Kaugummis per Gefrierfach“, sprudelt es aus der Schneiderin heraus. Einmal habe sie einen Thomaner in ihr Reich zitiert, weil er während eines Konzertes Kekse in der Anzughose zerbröselt hatte. „Die hat er dann auch klaglos wieder saubergemacht“, schildert sie. Besonders nach der Ostermesse sei ein genauer Blick über jedes Kleidungsstück nötig, da oft mit Kerzenwachs gekleckert werde. „Wenn etwas nur aufs Hemd gerät, geht das für den Auftritt meistens noch“, sagt Pascal.

„Wir müssen halt nur Bescheid sagen, wenn etwas nicht mehr passt“, erzählt Tobias. Die Kieler Blusen sind laut Sabine Vogler Maßanfertigungen der Bornaer Firma von Maria Flach. „Zwei bis drei der Blusen benötigt ein Thomaner im Verlauf der Jahre, bis er ,anzugreif‘ ist“, erläutert die Chef-Schneiderin im Alumnat.

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Im Schnitt zwei Anzüge für jeden Thomaner

Das Modell stammt noch aus dem Jahr 1976. Für die jungen Männer hat es nach einigen Dekaden vor zwei Jahren eine „Modell-Auffrischung“ gegeben. „Der Stoff ist leichter, die Materialien feiner, der Schnitt flotter“, berichtet Sabine Vogler. Die Anzüge würden in Normal- und Sondergrößen von der Leipziger Firma David van Laak geliefert. „Im Schnitt sind es zwei im Leben eines Thomaners“, sagt die Textilexpertin. Nathanael, Pascal und Tobias fühlen sich in den Anzügen besser als in der Kieler Bluse. „Das Handling ist einfacher“, bringt es Nathanael auf den Punkt.

Ein wenig traurig sind die drei, dass sie jetzt nur noch als Serien-Trio unterwegs sind. Grund: Victor Reiser hat sich nach dem Stimmwechsel und einer Auszeit kürzlich selbst gegen das – dem Hochleistungssport vergleichbare – Thomaner-Dasein entschieden. Nach zwei Abgängen vor einigen Jahren hat sich das einstige Sextett nun halbiert. „Schön, dass wir uns aber in der Thomasschule weiter sehen“, so die Verbliebenen unisono.

Von Martin Pelzl

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