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„Natürlich habe ich Angst“

Wie sich die Leipzigerin Alina Artamina in Kiew vor dem Krieg schützt

Links: Alina Artamina steht an einem der wenigen noch geöffneten Supermärkte an. Rechts: Mit Tesafilm hat sie ihr Fenster gegen die Druckwellen der russischen Angriffe geschützt.

Links: Alina Artamina steht an einem der wenigen noch geöffneten Supermärkte an. Rechts: Mit Tesafilm hat sie ihr Fenster gegen die Druckwellen der russischen Angriffe geschützt.

Kiew. Blitze durchzucken das stockfinstere Kiew. Und nach einigen Sekunden knallt es. Es sind dumpfe, kurze Schläge, ohne Hall. Alina Artamina zeigt, während sie mit dem Handy aus dem Fenster filmt, mit dem Finger in Richtung Ufer. „Dort kommen die Russen“, sagt sie. Sie seufzt.

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Seit Putin seinen Krieg in der Ukraine begonnen hat, sitzt die 43-jährige Leipzigerin in einem Hochhaus im Kiewer Norden fest. Und mit ihr ihre 77-jährige Mutter, die nicht mehr laufen kann.

Wegen der Mutter ist Artamina vor einigen Wochen überhaupt erst nach Kiew gereist. Und nun kommt sie nicht mehr aus der Stadt. „Ich bin trotzdem froh, dass ich hier bin“, sagt sie. „Es wäre noch schlimmer für mich, wenn meine Mutter jetzt hier alleine wäre.“

„Ich bräuchte einen starken Mann“

Und das Leben der Leipzigerin wird nicht leichter. In Kiew muss man inzwischen für Lebensmittel stundenlang anstehen. Brot gibt es meistens nur noch bis Mittag. Und der Verkauf von Alkohol ist in Kriegszeiten ganz verboten.

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Also verbringt Artamina die Tage und Nächte am Fenster. Und schaut zum Beispiel auf das Hochhaus gegenüber. In dem sind Nacht für Nacht immer weniger Lichter an. Inzwischen sind es nur noch drei Fenster. „Fast alle Nachbarn sind weg, es ist wie die Welt nach dem Atomkrieg“, sagt sie.

Sie muss hier bleiben, ob sie will oder nicht. Ihre Mutter schafft es nicht mehr die Treppe hinunter. „Ich bräuchte einen starken Mann, der meine Mutter tragen kann“, sagt sie. „Aber alle starken Männer sind an der Front, daher müssen wir Frauen jetzt stark sein.“

„Meine erste Kriegsverletzung“

Am Wochenende, als die Explosionen auf dem anderen Ufer immer näher kamen, begann sogar das Hochhaus, in dem Artamina wohnt, zu wackeln. Die Fenster drohten zu springen. Also nahm Artamina Klebeband und klebte ein großes „X“ auf die Scheiben, um sie zu verstärken. Dabei schnitt sie sich in die Hand. „Meine erste Kriegsverletzung“, sagt sie und lacht.

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Mehr zum Thema:Wie sich Leipzig auf ukrainische Geflüchtete vorbereitet

Artamina wirkt wie eine Frau, die den Krieg gut abkann. Bis jetzt. Hat sie keine Angst? „Ich habe Angst um meine Freunde“, sagt sie. „Ich habe Angst, dass die Russen einmarschieren. Diese Menschen haben keine Moral, keine Ehre.“

Alina Artamina lebt im zweiten Stock eines leeren Hochhauses – all ihre Nachbarn sind inzwischen geflohen. Für ihre kranke Mutter musste sie Windeln besorgen.

Alina Artamina lebt im zweiten Stock eines leeren Hochhauses – all ihre Nachbarn sind inzwischen geflohen. Für ihre kranke Mutter musste sie Windeln besorgen.

Jeden Tag telefoniert sie auch mit ihrem Mann und mit ihrem fünfjährigen Sohn in Leipzig. Und mit ihrem Chef. Sie versucht, per Videoschalte wieder am Berufsleben teilzunehmen. Ein bisschen Normalität, mitten im Krieg. „Das lenkt mich ab“, sagt sie.

Artamina über die russischen Angreifer: „Ich traue ihnen alles zu“

Dann wird es wieder Nacht. Und mit der Nacht kommt auch wieder die Angst davor, dass die Russen vorrücken. Oder, dass sie anfangen, noch heftiger aus der Luft anzugreifen. Dass sie Bomben aus Flugzeugen über Kiew abwerfen.

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Artamina kennt den Krieg jetzt seit fünf Tagen, aber sie kennt ihn schon gut. Wenn nördlich von Kiew etwas explodiert, kann sie es zuordnen: Ob es russische Truppen sind, oder ihre, die Ukrainer. Vor einigen Stunden aber hat Artamina ein Geräusch gehört, das sie noch nicht kannte.

Ein Russenbomber? „Ich traue ihnen alles zu“, sagt Artamina. „Wenn sie andere Städte bombardieren, warum nicht auch Kiew?“

Wie soll man ruhig schlafen, wenn draußen Krieg ist? Artamina lächelt. „Da helfen Oropax“, sagt sie.

Von Josa Mania-Schlegel

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