Bustour

„Wir holen sie da raus“: So lief die Leipziger Rettungsaktion an ukrainischer Grenze ab

Glückliches Wiedersehen: In dem kleinen polnischen Ort Krościenko nahe der ukrainischen Grenze holte Alexander Cherkashyn die Familie seiner Frau ab.

Glückliches Wiedersehen: In dem kleinen polnischen Ort Krościenko nahe der ukrainischen Grenze holte Alexander Cherkashyn die Familie seiner Frau ab.

Leipzig. Es ist noch dunkel, als am Dienstagmorgen zwei Männer am Leipziger Rennbahnweg stehen und darauf warten, dass es endlich losgeht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Alexander Cherkashyn ist einer der beiden. Ein kleiner, drahtiger Mann mit stechend blauen Augen, 43 Jahre alt. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Leipzig. Cherkashyn hat kaum etwas dabei, nur eine Fleecejacke, feste Schuhe, sein Handy. Das Ladegerät hat er im Stress vergessen. „Ich habe kaum geschlafen vor Aufregung“, sagt er.

Der andere Mann heißt Christian Herrmann, 40 Jahre, ein gebürtiger Leipziger, der eigentlich in Tel Aviv lebt, durchtrainiert, stämmig, enges T-Shirt, gegelte schwarze Haare.

„Wir wollen sie zu uns holen“

Im Angesicht des Kriegs in der Ukraine haben sich zwei Leipziger zusammengetan. Denn Cherkashyn braucht Herrmanns Hilfe: Die Familie seiner Frau Oksana ist zu Fuß aus der Ukraine geflohen und steckt nun in einem Flüchtlingslager fest. Der Schwager und die anderen Männer wurden an der ukrainischen Grenze aufgehalten. Wehrfähige Männer zwischen 18 und 60 dürfen das Land derzeit nicht verlassen, sie müssen es verteidigen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nun sind neun Personen übrig, Frauen und Kinder, das jüngste sechs Jahre alt. Sie warten in einer umgebauten Shopping Mall, die noch gerade so hinter der polnischen Grenze liegt. „Wir wollen sie zu uns holen“, sagt Cherkashyn.

Wie ein Leipziger die Familie seiner Frau aus der Ukraine holt

Wie ein Leipziger die Familie seiner Frau aus der Ukraine holt

Und dann ist da Christian Herrmann, der Leipziger aus Tel Aviv, der schon Raketenangriffe der Hamas miterlebte. Dessen Frau aus Serbien stammt, die dort als Kind im Luftschutzbunker saß. „Der Krieg ist ein Thema in meinem Leben“, sagt Herrmann. „Als ich von der Ukraine hörte, packte mich eine unglaubliche Wut. Ich musste einfach was machen.“

Eine stadtbekannte Frau brachte die beiden zusammen: Bea Wolf, Chefin der Leipziger Tapas Bar „Barcelona“ in der Gottschedstraße. Und so saßen am Sonntagabend Cherkashyn, Wolf und Herrmann im „Barcelona“ zusammen und heckten einen Plan aus: Er, Herrmann, würde einen Bus und einen Fahrer bezahlen. Damit er, Cherkashyn, seine Familie retten könne.

„Großangriff auf Kiew“, sagt ein Radiosprecher

Im Morgengrauen bricht der Kleinbus am Leipziger Rennbahnweg auf, Cherkashyns Frau Oksana verfolgt das Ganze von Leipzig aus. Paul-Tilo Geißler, einem Reiseunternehmer aus Eilenburg, hatte die Idee der Leipziger gefallen. Er vermietete Herrmann einen weißen Mercedes-Benz-Kleinbus mit 20 Sitzen, samt Fahrer und Sprit, zu einem Preis, der gerade so die Kosten deckt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Hermann hat Kisten mit Tomaten, Gurken, Mandarinen in den Kleinbus geladen. Eine Spende vom „Barcelona“. Bis zur Grenze, in den kleinen Ort Krościenko, sind es 900 Kilometer, knapp zehn Stunden Fahrt.

Eine Fahrt an die ukrainische Grenze ist auch im März 2022 eher unspektakulär, jedenfalls bis eine halbe Stunde davor die Straßen sehr, sehr leer werden. Cherkashyn hat sich inzwischen selbst ans Steuer gesetzt. Die letzten Kilometer will er selbst fahren. Der Tank ist noch zu einem Drittel voll, Tankstellen gibt es hier keine mehr.

Über dem Kleinbus aus Eilenburg kreisen drei, vier amerikanische Militärhubschrauber, mehr als sonst in dieser Gegend, deutlich mehr. Im Radio laufen die Nachrichten. „Russland plant offenbar einen Großangriff auf Kiew“, sagt ein Sprecher. Und Cherkashyn drückt das Gaspedal durch.

Kurz vor der Grenze übernimmt Alexander Cherkashyn selbst das Steuer. Die Tanksäulen sind leer.

Kurz vor der Grenze übernimmt Alexander Cherkashyn selbst das Steuer. Die Tanksäulen sind leer.

Seit er 2000 nach Leipzig kam, hat Cherkashyn auf Leipziger Baustellen gearbeitet. In seinen alten Job als Tierarzt fand er nie wieder zurück. Aber wer ihm zuhört, der erfährt, dass Leipzig dennoch eine gute Stadt für ihn war. „Leipzig war für mich und meine Frau ein Abenteuer, eine wilde Zeit“ sagt er. „Wir waren lange nicht offiziell hier. Wir hätten jederzeit wieder gehen können.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch die Familie seiner Frau, die er gleich abholen will, soll nicht lange bleiben. „Sie wollen so schnell es geht in die Heimat zurück“, sagt er. „Am ersten Tag nach dem Krieg.“

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Hinten im Bus sitzt Christian Herrmann, der alles bezahlt hat. Alles fing damit an, sagt er, dass er unter dem Eindruck des Kriegsbeginns seinen WhatsApp-Status auf dem Handy aktualisierte, für jeden sichtbar. „Ich brauche einen Bus“, stand da nun. Vielleicht war es impulsiv, vielleicht übertrieben. Aber so geriet er an Bea Wolf – und schließlich an Alexander Cherkashyn. „Was freue ich mich auf ein Bier später“, sagt er.

Verschiedene Menschen unterstützen die Leipziger

Ein Kleinbus, 20 Sitze: Damit ist die Gruppe unterwegs.

Ein Kleinbus, 20 Sitze: Damit ist die Gruppe unterwegs.

Dann fragt Herrmann: „Haben wir noch genug Sprit, um zurückzukommen?“ Die Tanknadel steht bei einem Drittel, aber da tun sich am Horizont schon die großen, grauen Hallen des Korczowa Dolina Zentrums auf, der zur Unterkunft umfunktionierten Shopping Mall. Familien ziehen über den Parkplatz, mit Plastiktüten, Daunenjacken, Trainingshosen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lesen Sie auch

Am frühen Dienstagmorgen ging es in Leipzig los. Mit dabei: Lebensmittelspenden.

Am frühen Dienstagmorgen ging es in Leipzig los. Mit dabei: Lebensmittelspenden.

„Wir haben ja noch sieben Plätze frei!“

Alexander Cherkashyn steigt aus dem Bus, stürmt voran, nur rein in die grauen Hallen. Drinnen leuchtet kaltes Licht von der Decke. Die Hallen sind über und über mit Liegen zugestellt. Wer sich vorn am Infodesk registriert, bekommt eine zugewiesen. Cherkashyn lässt an der Info seine Verwandten ausrufen. Anrufen kann er sie nicht, sein Akku ist leer. „Nieeeemcy“, ruft eine junge Frau in ihr Mikro. Deutschland, auf Polnisch. Dann fällt Cherkashyn eine Frau um den Hals. „Luba!“, ruft er. Luba, seine Schwägerin.

Cherkashyn taumelt durch die Gänge der Einkaufshalle. Neffen und Nichten kommen ihm entgegen, er wirbelt sie durch die Luft. Dann nimmt er sie alle mit raus, nur raus. Gepäck in den Kofferraum, eine Gurke, eine Tomate für jeden. Und Schokobons. Er guckt in den Bus, dann ruft er aus: „Wir haben ja noch sieben Plätze frei!“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Mit ihrem Gepäck laufen die Familienmitglieder auf den Parkplatz des polnischen Einkaufszentrums, das als provisorisches Flüchtlingslager dient. Dann geht es auf die lange Fahrt nach Leipzig.

Mit ihrem Gepäck laufen die Familienmitglieder auf den Parkplatz des polnischen Einkaufszentrums, das als provisorisches Flüchtlingslager dient. Dann geht es auf die lange Fahrt nach Leipzig.

Jetzt ist es Christian Herrmann, der noch mal loszieht. Und der wenig später mit einer Familie wiederkommt, Eltern, drei kleine Kinder. Wo wollen sie hin? Wo sollen sie heute schlafen? Erstmal rein in den Bus. Herrmann beginnt zu telefonieren.

Seit der Krieg ausgebrochen ist, machen sich einige Leipzigerinnen und Leipziger daran, Unterkünfte für mögliche Flüchtlinge zu finden. Die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Linke) hat eine Wohnungsbörse eröffnet. Die Stadt Leipzig versucht selbst, Kapazitäten zu schaffen. "Vielleicht stecke ich sie erstmal ins Hotel", sagt er.

„Wenn sie eins können, die Polen, dann Bier“

Am Ende des Tages sind 17 von 20 Plätzen des kleinen Busses belegt. Den restlichen Raum nimmt Gepäck ein. Gegen früh um sechs am Mittwoch wird der Bus wieder in Leipzig sein. Es sind zwei Familien, die wegen Russlands Präsident Wladimir Putin, wegen dem Krieg ihre Heimat verlassen musste. Und die jetzt in Leipzig auf ein besseres Leben hoffen können. Auch dank Christian Herrmann.

Auf dem Weg nach Deutschland: Ein Neffe des Leipzigers Alexander Cherkashyn während der Fahrt nach Leipzig.

Auf dem Weg nach Deutschland: Ein Neffe des Leipzigers Alexander Cherkashyn während der Fahrt nach Leipzig.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wegen mir?“, sagt Herrmann. Nein, er wolle keine Dankbarkeit. Er glaubt nicht einmal, dass er sich mit all dem hier besonders gut auskennt. Dass er Ahnung von all dem hier hätte. Ist das so? Er nimmt einen tiefen Schluck aus einer Dose Staropramen. „Ahhh“, seufzt er. „Wenn sie eins können, die Polen, dann Bier.“ Der Tag war lang, dass das Bier eigentlich aus Tschechien kommt, interessiert keinen. Hermann schaut aus dem Fenster, hinter dem das flache polnische Land vorbeirauscht. Er sagt: „Eigentlich müsste man das übermorgen gleich noch mal machen“

Von Josa Mania-Schlegel

Mehr aus Leipzig

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken