DAZ-Dorfporträt

Kirche, Kneipe, Konsum – zu Besuch in Mockritz

Mockritz gehört zur Gemeinde Großweitzschen.

Mockritz gehört zur Gemeinde Großweitzschen.

Mockritz. Bei Frank Kloss ist heute volles Haus. Eine Handvoll Mockritzer hat sich in seinem Partyservice auf einen Plausch getroffen. Dass der 56-Jährige hier auch noch Lebensmittel verkauft, soll nicht an die große Glocke gehängt werden. „Vom Laden aber nichts schreiben“, sagt Kloss.

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Frank Kloss betreibt einen Partyservice und vermietet einen Raum zum Feiern in Mockritz

Frank Kloss betreibt einen Partyservice und vermietet einen Raum zum Feiern in Mockritz.

Er wolle keine Werbung machen. Dabei ist die kleine Verkaufsstelle, die er hier seit 1992 betreibt, enorm wichtig für das Dorf, vor allem für die Rentner. „Es kommen ja nur noch die älteren Leute in den Laden“, sagt Gisela Burkert, die mit ihrem Mann Volker gekommen ist. Die 69-Jährige erinnert sich noch gut daran, als der Laden noch Konsum hieß.

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Damals stand sie hinterm Verkaufstresen, kassierte die Waren. Am 7. Oktober 1989 eröffnete der Konsum, Volker Burkert weiß das noch ganz genau. Er wiederholt nur ein Wort: „Andrang, Andrang, Andrang.“ Der 72-Jährige arbeitete damals im Kuhstall einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) im Ort und erinnert sich: „Zu Eröffnung wurden sogar Südfrüchte verkauft.“ Auch ein Bekleidungsgeschäft gab es zu DDR-Zeiten in dem Gebäude.

Parkfest ist Highlight im Kalender

Doch das ist lange her. Heute stehen nur noch wenige Waren in den Regalen. Uwe Richter schiebt einen kleinen Einkaufswagen mit einer Flasche Bier und ein paar Bechern roter Grütze vor sich her. Normalerweise, sagt der 51-Jährige, kauft er in Döbeln ein. Zu Kloss geht der Zeitungsausträger nur ab und zu – „wenn wir was vergessen haben“. Schließlich sei es etwas teurer als im normalen Supermarkt.

Uwe Richter kauft manchmal Kleinigkeiten in Frank Kloss Laden ein

Uwe Richter kauft manchmal Kleinigkeiten in Frank Kloss Laden ein.

Uwe Richter trägt seinen Einkauf jetzt Richtung Ortskern, vorbei an alten Fachwerkhäusern und dem Dorfteich, auf dem im Sommer das traditionelle Badewannenrennen stattfindet, ein Gaudi für Jung und Alt. Es ist fester Bestandteil des Parkfestes, das bislang der Jugendclub, jetzt aber der in diesem Jahr neu gegründete Mockritzer Heimatverein auf die Beine stellt. Ein Event mit Livemusik, Fußballturnier und Bierpong, das im Dorf großen Anklang findet.

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„Wir wollten das Parkfest unbedingt erhalten“, sagt Silvio Hartmann, stellvertretender Vereinsvorsitzender. Immerhin habe das Ereignis eine 44-jährige Tradition und werde „sehr gut angenommen“, so der 51-Jährige.

Im Sommer findet in Mockritz das Badewannenrennen statt, ein beliebter Gaudi

Im Sommer findet in Mockritz das Badewannenrennen statt, ein beliebter Gaudi.

Patronatskirche des Ritterguts

Gleich neben Teich und Spielplatz ragt im Ortskern die Dorfkirche in den Himmel, deren Vorgängerbau 1673 abgebrannt ist. „Da gab es einen Großbrand in der Küche des Pfarrhauses, der sich auf das Kirchengebäude ausgedehnt hat“, berichtet Pfarrerin Maria Beyer, die die Kirchgemeinde Großweitzschen-Mockritz seit 14 Jahren betreut. Die 51-Jährige öffnet jetzt die Tür des Gotteshauses, das 1667 neu aufgebaut und danach immer wieder umgestaltet wurde. 1833 kam der klassizistische Kanzelaltar dazu.

Pfarrerin Maria Beyer betreut die Kirchgemeinde Großweitzschen-Mockritz

Pfarrerin Maria Beyer betreut die Kirchgemeinde Großweitzschen-Mockritz.

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Da sie ursprünglich eine Patronatskirche des zugehörigen Ritterguts war, gab es eine eigene Loge für die Rittergutsbesitzer. Die Wappen zeigen die wechselnden Adelsgeschlechter seit dem 13. Jahrhundert. Auffällig ist die Orgel, die 1846 von Urban Kreutzbach, einem Orgelbauer aus Borna, stammt. Das Instrument passte in seiner Größe nicht hinein, die Decke musste geöffnet werden. Diese wiederum hängt leicht durch. „Hier guckt ein bisschen das Mittelalter durch“, sagt Beyer. Damals wurde eben nicht so gerade gebaut.

An den Logen der Rittergutsbesitzer sieht man die Wappen der verschiedenen Adelsgeschlechter

An den Logen der Rittergutsbesitzer sieht man die Wappen der verschiedenen Adelsgeschlechter.

Etwa alle drei Wochen findet in Mockritz Gottesdienst statt, acht bis 15 Gläubige kommen dann zusammen. An Ostern und Weihnachten ist es voller und an einem Sonntag im Advent, wenn die Besitzer des Ritterguts zum Adventsmarkt einladen. Diesmal traf sich das Dorf am 17. Dezember erst zur Andacht in der Kirche und danach bei Glühwein und Plätzchen im benachbarten Schlosshof.

Schlossbesitzer von Kuenheim laden zum Advent ein

Gastgeber waren Eberhard von Kuenheim und seine Tochter Alexandra Ischler, denen das Schloss gehört. Ischler arbeitet als Unternehmensberaterin in Berlin. Durch ihre schulpflichtigen Kinder ist die 55-Jährige nur etwa einmal pro Monat in Mockritz. Ihre Eltern wohnten im Sommer oft einige Monate im Schloss. Seit Ihre Mutter Theda von Kuenheim vor zwei Jahren starb, ist ihr Vater seltener in Mockritz. Der 89-Jährige, einst Vorstandsvorsitzender von BMW, verbringt seine Zeit lieber in München. „Das Schloss ist trotzdem der Familienmittelpunkt sein“, sagt Ischler.

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Der Eingang zum alten Rittergut, das der Familie von Kuenheim gehört

Der Eingang zum alten Rittergut, das der Familie von Kuenheim gehört.

Ursprünglich war das Areal eine Wehranlage aus dem 13. Jahrhundert, die von Wassergräben umgeben war. Das Schloss und das nebenstehende Kornhaus stehen deshalb auf Pfählen, „wie in Venedig“, sagt Ischler. Mitte des 19. Jahrhunderts kauft ihr Ururgroßvater die Anlage. 1945 wird die Familie enteignet, zu DDR-Zeiten ist das Schloss bewohnt, beide Gebäude verfallen zunehmend. Das Schloss wird teilweise eingerissen und nur dank „heftiger Proteste der Dorfbewohner“, so Ischler, nicht vollständig dem Erdboden gleich gemacht, sondern notdürftig ausgebessert.

Nach der Wende befinden sich beide Gebäude „in einem katastrophalen Zustand“, klagt die Schlosserbin: „Das Kornhaus hätte vielleicht noch fünf Jahre gehalten, dann wäre es wohl eingestürzt.“ Nach 1990 kauft die Familie das Areal zurück, saniert beide Häuser aufwendig. Welche Summe sie investiert haben, will Ischler nicht verraten. Nur soviel: „Finanziell war es der Wahnsinn.“ Wäre es nicht die alte Heimat gewesen, hätten ihre Eltern wohl niemals so viel Geld in die Sanierung gesteckt.

Mockritz und das Rittergut

Mockritz wird erstmalig 1198 urkundlich erwähnt, der Name ist slawischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „feucht“. Das Dorf taucht in unterschiedlichsten Schreibweisen auf: 1303 ist von „Mocerwicz“ die Rede, 1328 von „Mokryz“ und 1382 von „Mockeros“.

Um 1231 überträgt die Markgrafschaft Meissen Christian und Johann von Mokeruz das Rittergut. Von 1325 bis 1590 bewirtschaftet eine Familie Marschalks das Gut, danach wird es Hieronimus von Pantzschmann übertragen. Nach seinem Tod 1614 geht das Gut an seine Erben über. Einer von ihnen ist Wolfgang von Pantzschmann, dessen Grabstein eine Besonderheit darstellt: Es zeigt ihn in ganzer Statur, jedoch ohne Kopf. Dieser liegt zu seinen Füßen, woraus man kann schließen kann, dass er enthauptet wurde.

Wie in der Mockritzer Chronik beschrieben, wechseln die Besitzer nach 1590 sehr oft. 1856 kauft Otto von Schönberg das Gut. 1878 wohnen im Dorf 548 Einwohner. Im September 1945 werden die aktuellen Besitzer des Ritterguts enteignet. Eine von ihnen ist Theda Camp von Schönberg, die 1956 den aus Ostpreußen stammenden Eberhard von Kuenheim heiratet. Der wird bald ein hohes Tier bei BMW, von 1970 bis 1993 ist er Vorsitzender des Vorstandes der Motorenwerke in München.

Nach der Wende kauft die inzwischen verstorbene Erbin das ehemalige Rittergut zurück und saniert die Gebäude. Heute gehört das Rittergut zum Mittelpunkt des Dorfes, in dem knapp 500 Menschen leben.

Heute wird im Schloss gewohnt

Heute sind im Kornhaus fünf Wohnungen untergebracht, den ehemaligen Kuhstall bewohnt die Familie selbst. Der Rest ist vermietet. Das Schloss eigne sich nicht mehr zum Wohnen, bedauert Alexandra Ischler. Das Asbest-Dach sei nicht isoliert, eine Heizung fehle, auch die Statik mache Probleme. Das Gebäude doch eines Tages wieder zu bewohnen, sei „der Traum der ganzen Familie“, sagt sie. Ischler kann sich gut vorstellen, im Alter ganz nach Mockritz zu ziehen.

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Carola Meyer ist die Hausmeisterin im Schloss Mockritz

Carola Meyer ist die Hausmeisterin im Schloss Mockritz.

Bis es soweit ist, kümmert sich ein guter Geist um das Areal. Hausmeisterin Carola Meyer ist eine energische Frau, die das Anwesen das ganze Jahr über in Schuss hält. Die 57-Jährige hat vor allem mit den 14.000 Quadratmetern Garten zu tun. „Ich bin ein bissel gartenverrückt“, sagt die gelernte Bürokauffrau, denn auch zu Hause werkelt Meyer am liebsten in den heimischen Beeten.

Die Jagdtrophäen hängen in den Fluren des Schlosses

Die Jagdtrophäen hängen in den Fluren des Schlosses.

Die Mockritzerin erinnert sich noch gut daran, wie das Rittergut zu DDR-Zeiten aussah. „Es war nicht besonders gepflegt.“ Im Schloss war damals auch eine Schwesternstation untergebracht. „Da war ich mit meiner Tochter zu Mutterberatung“, erzählt Meyer. Das ehemalige Arztzimmer ist heute ein Toilettentrakt. Auf den Fluren des Schlosses hängen Trophäen von Büffeln und Warzenschweinen, eine Etage höher alte Fotos vom Umbau des Schlosses und von Eberhard von Kuenheim, unter anderem mit dem Prinzen von Monaco. Berühmtheiten aus aller Welt versammelt in Mockritz.

Alte Kneiperin ist 86 Jahre alt

Eine lokale Berühmtheit wohnt nur einen Steinwurf vom Schloss entfernt. Annelies Hirschfeld lädt in die ehemalige Gaststube ihrer Kneipe ein, die sie vor fünf Jahren dicht machte. Die hölzernen Tische und Stühle und der gelbe Kachelofen stehen noch unverändert da. Die alte Dame ist 86 Jahre alt und kann nur noch schlecht laufen, sie verlässt inzwischen selten das Haus. Früher aber, da kamen alle zu ihr, auf ein Bierchen und einen Schwatz.

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Annelies Hirschfeld betrieb ihr Kneipe bis 2012

Annelies Hirschfeld betrieb ihr Kneipe bis 2012. Dann machte sie das Lokal dicht.

Rückblick: Nachdem ihre Schwiegereltern sterben, übernimmt Hirschfeld 1972 die Kneipe. Während ihr Mann in der LPG schuftet, schmeißt sie den Laden ganz allein. Zu DDR-Zeiten treffen sich hier vor allem die Männer des Dorfes bei Bockwurst und Bier, die LPG hält monatlich Versammlungen ab, dienstags kommt die Frauenfeuerwehr. Oben im Saal werden Jugendweihen und Silberhochzeiten gefeiert. Annelies Hirschfeld sprintet die Stufen im Akkord rauf und runter. „Das Treppe rennen hat mich kaputt gemacht“, sagt sie heute. Und trotzdem: „Es waren schöne Zeiten.“ Anschreiben dürfen bei der Kneiperin nur bestimmte Leute. „Man musste sich durchsetzen“, sagt sie. „Eingebüßt hab ich nichts.“

Nach der Wende kommen weniger Gäste, mit 81 Jahren schließt Hirschfeld ihr Lokal. Die alten Mockritzer kennt die Kneiperin noch, die jungen nicht mehr, sagt sie.

Feuerwehr ist 130 Jahre alt

Doch die Jüngeren sind es, die heute das Dorfleben bestimmen. Neben dem Heimatverein gehören die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr zu den Umtriebigen in Mockritz. Sie richten im Dezember den Mini-Weihnachtsmarkt aus und stellen im Frühling den Maibaum auf. Die Wehr feiert dieses Jahr ihren 130. Geburtstag. Derzeit hat sie 19 aktive Mitglieder, 12 in der Altersabteilung und elf in der Jugendfeuerwehr.

„Es wird von Jahr zu Jahr weniger“, klagt Wehrleiter Michael Winkler. „Wir kommen noch zurecht“, so der 36-Jährige. Am Wochenende sei die Bereitschaft gegeben, aber wochentags seien sie kaum noch einsatzfähig, weil die meisten Mitglieder arbeiten müssen. Manchmal helfen Leute der Altersabteilung aus. Bei größeren Einsätzen aber müssen die Döbelner und Leisniger Wehr gerufen werden.

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Von Gina Apitz

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