Justiz

Landgericht verurteilt Leisniger Messerstecher zu langjähriger Haftstrafe

Zum letzten Mal führten Justizwachtmeister Christoph H. am Freitag in den Sitzungssaal 036 des Landgerichtes Chemnitz. Hier verurteilte die Schwurgerichtskammer den 25-Jährigen wegen Totschlags zu einer mehrjährigen Haftstrafe.

Zum letzten Mal führten Justizwachtmeister Christoph H. am Freitag in den Sitzungssaal 036 des Landgerichtes Chemnitz. Hier verurteilte die Schwurgerichtskammer den 25-Jährigen wegen Totschlags zu einer mehrjährigen Haftstrafe.

Leisnig/Döbeln. Wenn Tyson wüsste, zu welch tragischen Ereignissen der Streit um ihn führte. Der Labradormischling war, das mag jetzt sentimental klingen, der einzige Freund von Christoph H., der in Leisnig eher ein Außenseiterdasein fristete. Am Vorabend des Leisniger Weinfestes erstach H. einen 53-jährigen Mitarbeiter des Leisniger Bauhofes. Dem ging ein Streit um Tyson voran.

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Den Hund wird Christoph H. lange Zeit nicht sehen. Sieben Jahre Haft wegen Totschlags – dazu hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Chemnitz den 25-jährigen Christoph H. verurteilt. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Simone Herberger sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte den 53-jährigen Geschädigten am 16. September vergangenen Jahres nach einer verbalen Auseinandersetzung auf dem Leisniger Markt mit mehreren Messerstichen getötet hatte. Die Schwurgerichtskammer nahm einen minder schweren Fall des Totschlags an. Der Strafrahmen reicht von einem bis zu zehn Jahren, beim normalen Totschlag sind es fünf bis 15 Jahre.

Verteidigerin konstruiert Notwehrsituation

„Der Angeklagte findet Tyson und es trifft ihn besonders, dass ihm alle den Hund wieder wegnehmen wollen“, sagte die Richterin, als sie das Urteil der Kammer begründete. Auch ein anderer Leisniger wollte sich um Tyson kümmern. Das hat aber dessen Herrchen abgelehnt, weil dieser Mann damals trunksüchtig war. Und dazu kamen die Gerüchte, Christoph H. würde den Hund misshandeln. „Dafür gab es keine Anhaltspunkte“, sagte Richterin Herberger. Wegen der Gerüchte um die Misshandlung Tysons entzündete sich der Streit, den Christoph H. am Tattag mit dem Getöteten hatte. Dieser, auch das ergaben die Zeugenaussagen im Prozess, ist auf H. losgegangen, hat ihn verbal und auch körperlich bedrängt. Verteidigeranwältin Fanny Schmidt konstruierte daraus eine Notwehrsituation – die straffreie Abwehr eines rechtswidrigen Angriffs. Sie beantragte, H. vom Tatvorwurf des Totschlags freizusprechen und nur wegen des unerlaubten Besitzes des Butterflymessers zu einer Geldstrafe zu verurteilen. „Der Einsatz des Messers war nicht erforderlich. Der Angeklagte hätte weggehen können“, fasste Richterin Herberger die Auffassung der Schwurgerichtskammer dazu zusammen. Die Kammer hat die Strafe im oberen Drittel des Strafrahmens angesiedelt, weil Christoph H. vorbestraft ist und bereits im Gefängnis gesessen hat und ihn diese Haftstrafen nicht weiter beeindruckt haben.

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„Elsbeth Pohl-Roux sagte als Zeugin den beeindruckenden Satz: Er hat Chaos im Kopf, in den Händen und in der Seele“, würdigte Oberstaatsanwalt Bernd Vogel in seinem Schlussvortrag die Aussage der Vorsitzenden des christlichen Vereins Be-Greifen, bei dem H. nach einem Gefängnisaufenthalt untergekommen war, später aber wegen seiner impulsiven Aggressivität Hofverbot bekam. „Keine Arbeit, keine echten Freunde – nur die Aufgabe, sich um den Hund zu kümmern. Die einzige Kreatur, die sich gefreut hat, wenn er kam“, sagte der Anklagevertreter über H.´s Situation in Leisnig. Auch er beantragte, den Angeklagten wegen eines minder schweren Falls des Totschlags schuldig zu sprechen und zu acht Jahren Haft zu verurteilen. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage und Verteidigung hatten das Verhalten des Opfers in Rechnung gestellt. Der 53-jährige hatte den Angeklagten unmittelbar vor der Bluttat provoziert. Der Mann war, anders als der Angeklagte, auch nicht nüchtern, hatte fast 1,6 Promille Alkohol im Blut.

Opfer hatte keine Chance

Dr. Jan Lange, der psychiatrische Sachverständige, hatte H. als voll schuldfähig eingestuft. Er ging in seinem Bericht auch auf die Sexualstraftaten ein, die H. als Jugendlichen ins Gefängnis geführt hatten. Sie seien auch der gestörten Entwicklung H.´ geschuldet: Schwierige Geburt, Lernschwäche, Vernachlässigung durch die Eltern. Bereits in der Pubertät habe er sich an Kindern vergriffen. Das führte zu Haftstrafen, als H. strafmündig war. Eine Therapie in der JVA Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sei abgebrochen worden, führte Dr. Lange aus. Nach der Entlassung aus einem weiteren Gefängnisaufenthalt kam er nach Leisnig. Auch wegen Körperverletzung ist H. vorbestraft. Trotzdem sah der Psychiater bei H. keine schwere seelische Störung, die eine Schuldunfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit hätten begründen können.

Der Getötete hatte keine Chance, den Angriff zu überleben. Zu dieser Einschätzung kam Prof. Jan Dressler. Der Pathologe der Universität Leipzig hat den Leichnam obduziert und im Prozess als Sachverständiger ausgesagt. Demnach seien vier Messerstiche tödlich gewesen. Christoph H. muss sie mit großer Wucht geführt haben. Die Klinge des Butterfly-Messers mit abgebrochener Spitze drang bis zu zehn Zentimeter tief in den Körper des Getöteten ein, verletzte innere Organe wie Herz und Lunge. Das Opfer verblutete innerlich und äußerlich. Auf über zweieinhalb Liter bezifferte der Mediziner den Blutverlust.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Staatsanwaltschaft und Verteidigung können es mit der Revision anfechten.

Von Dirk Wurzel

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