Justiz

Pathologe im Brandstiftungsprozess: Opfer hatte 50 Prozent Kohlenmonoxid im Blut

Im Brandstiftungsprozess am Landgericht Chemnitz hat jetzt der Rechtsmediziner ausgesagt.

Im Brandstiftungsprozess am Landgericht Chemnitz hat jetzt der Rechtsmediziner ausgesagt.

Döbeln/Chemnitz. Die Döbelner Ärzte müssen nicht mehr im Brandstiftungsprozess im Landgericht aussagen. „Wir sind der Ansicht, dass wir die Ärzte nicht hören können und würden darauf verzichten“, sagte Richterin Simone Herberger, die Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer. Diese verhandelt seit 6. November 2017 die Anklage gegen eine 70-Jährige aus Döbeln. Die Staatsanwaltschaft legt der 70-Jährigen zur Last, 2016 und 2017 mehrfach in den Kellerräumen eines Hauses an der Albert-Schweitzer Straße Brände entfacht zu haben. Dabei zog sich eine 86-jährige Bewohnerin eine Rauchgasvergiftung zu und starb später im Krankenhaus. Darum lautet die Anklage auch auf Brandstiftung mit Todesfolge. Außerdem beschuldigt die Staatsanwaltschaft die Frau, mehrfach bei der Polizei falsche Bedrohungen angezeigt zu haben. Diese seien per handschriftlich verfasster Zettel in dem Haus aufgetaucht, einmal sogar mit dem Messer in die Wohnungstür gespickt. Zudem hätten sie Unbekannte geschlagen. Das wertet die Anklage als Vortäuschen von Straftaten.

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Toxischer Cocktail

Kohlenmonoxid und Cyanid – Rauchgase sind ein hochgiftiger Cocktail. Und die 86-Jährige hatte dieses potenziell tödliche Gasgemisch sehr tief eingeatmet, als es am 1. März 2017 im Haus an der Albert-Schweitzer-Straße brannte. Cyanid, landläufig auch Blausäure genannt, nutzten die Nationalsozialisten im sogenannten Dritten Reich als Tatmittel für den Massenmord an den Juden. Auch darauf ging Prof. Jan Dreßler kurz ein, als er als rechtsmedizinischer Sachverständiger darüber berichtete, wie die Geschädigte gestorben war. Gemeinsam mit einer Kollegin hatte er die Leiche obduziert. Und dazu die Laborberichte der Krankenakte studiert. Die Seniorin hatte zwei Stunden nachdem sie die Feuerwehr aus dem verqualmten Treppenhaus gerettet hatte, fast 50 Prozent Kohlenmonoxid im Blut. „Das hat eine tückische Eigenschaft: Es bindet sich an das Hämoglobin, das für den Sauerstofftransport zuständig ist“, schilderte Prof Dreßler. „Dadurch blockiert es den Sauerstoff und es kommt zu einem inneren Erstickungsvorgang.“ Ohne rasche Hilfe und künstliche Beatmung wäre die Rentnerin gestorben. So kam sie ins Krankenhaus, zunächst nach Döbeln, dann nach Leipzig und schließlich nach Großenhain. Allerdings hatte die Rauchgasvergiftung das Gehirn der Frau schwer geschädigt, sie war gelähmt. Auch das konnte der Rechtsmediziner durch die Sektion bestätigen.

Die 86-Jährige war in Großenhain „am Versagen des Sauerstoffaustausches in der Lunge“ gestorben, wie es der Totenschein feststellt. Laut Rechtsmediziner kann dafür auch ein „Infekt der Atemwege“, also eine Lungenentzündung, verantwortlich sein. Keinen Einfluss maß er der beschädigten Luftröhre bei. Das war durch die Intubation zur künstlichen Beatmung im Döbelner Krankenhaus passiert. „Die Mediziner haben aber schnell reagiert, da gab es kein Vertun“, sagte der Pathologe über die Arbeit der Döbelner Ärzte. Sie untersuchten die Verletzung mit dem Computertomografen und überwiesen sie dann an die Uniklinik Leipzig. Dort nahmen die Mediziner einen größeren Eingriff vor, öffneten den Brustkorb und verschlossen die offene Stelle in der Luftröhre mit Muskelgewebe.

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Verletzungen selbst beigebracht?

Für die rechtliche Einordnung könnte die Aussage des Pathologen bedeuten, dass die Frau an den Folgen des gelegten Feuers starb. Die Tat wäre dann als Brandstiftung mit Todesfolge zu werten. Ob die Angeklagte schuld daran ist, hat das Gericht zu entscheiden.

Prof. Dreßlers Institut für Rechtsmedizin hatte nicht nur die Leiche der 86-Jährigen untersucht, sondern auch die Angeklagte. Sie hatte nach den Bränden behauptet, Unbekannte hätten sie geschlagen. Zwar stellten die Rechtsmediziner leichte Unterblutungen an der Schläfe fest, die „einfache stumpfe Gewalteinwirkung“ verursacht haben könnte. Das müsse nicht unbedingt durch Faustschläge passiert sein, die Frau könne sich auch bloß gestoßen haben. Es handle sich um Bagatellverletzungen, sagt Prof. Dreßler. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich die Angeklagte diese selbst beigebracht hat.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Dirk Wurzel

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