Spurensuche

Krostitzer Gruppe ermittelt zum Reichstagsbrand

Der ehemalige Kriminalist und Ingenieur Waldemar Hans Horster hat schon mehrere Bücher geschrieben. Jetzt recherchiert der 93-Jährige zum Reichstagsbrand.

Der ehemalige Kriminalist und Ingenieur Waldemar Hans Horster hat schon mehrere Bücher geschrieben. Jetzt recherchiert der 93-Jährige zum Reichstagsbrand.

Krositz. Waldemar Horster ist 93 Jahre alt, arbeitet täglich am Computer und er hat vor einigen Wochen die „Krostitzer Gruppe“ initiiert, der Mitglieder aus ganz Deutschland angehören. Diese verbindet ein Ziel: Sie wollen aufklären, was beim Reichstagsbrand im Jahr 1933 tatsächlich geschah. Die Historiker, Publizisten und Kriminalisten kommunizieren nicht allein aus der Ferne miteinander, sie versammelten sich Ende des vorigen Jahres sogar für zwei Tage im Bierdorf, berichtet Horster.

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Preis für Forschungen

Der Büroarbeitsplatz, den er sich in seinem Haus eingerichtet hat, gleicht einem Leitstand: Im Rücken die halbhohe Bücherwand, vor der Brust der 50er-Jahre Schreibtisch mit dem PC und rechts der Ablagetisch. Wenn die physische Beweglichkeit eingeschränkt sein mag, die psychische und die in der digitalen Welt ist es für den Senior nicht. An diesem Platz entstanden schon drei Bücher. Horster, der in der Fachrichtung Betriebswirtschaft promoviert hat, recherchierte zuerst über die bewegte Geschichte seines Großvaters Conradi-Horster, der Magier, Autor, Fabrikant und Verleger war. Anlass war damals der Historiker-Wettbewerb der Ur-Krostitzer Brauerei. Mit seiner Arbeit gewann er nicht nur einen Preis, sondern er machte ein ganzes Buch daraus. Ein Band, der selbst in den USA seine Abnehmer findet. Denn der Großvater ist bis heute ein Star in der Magier-Szene. Er entwickelte Kunststücke und Zauberapparaturen, die immer noch verwendet werden.

Geheimnisumwitterte Vorfahren

Bei der Erkundung der Familiengeschichte war Waldemar Horster auch auf die romanhaften Aufzeichnungen einer Autorin gestoßen, die eine Vorfahrin in ein unwirkliches Licht setzte. Waldemar Horster korrigierte das Bild der Geliebten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II in seinem zweiten Buch "Die geheimnisumwitterte Commissionsräthin: Geliebt, verfolgt, begünstigt und verleumdet: Ein Leben unter zwei preußischen Königen".

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Brandkommissions-Chef in den 50ern

Auch der heutige Krostitzer blickt auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück. Er arbeitete in den frühen 50er-Jahren als Brandkommissionsleiter in Berlin. Als ihm die Strukturen im sowjetisch beeinflussten Polizei-Apparat „zu verrückt“ wurden, verlegte er sich auf einen technischen Beruf. Er wurde Ingenieur im Anlagenbau, brachte es bis zum Kombinatsdirektor. So kam er nach Leipzig und schließlich in den 90er-Jahren zur Wohnstätte in Krostitz.

Wahre Brandstifter

Bereits in seinem dritten Band "Vom Geldschrankknacker zum professionellem Brandstifter" hatte er sich Themen gewidmet, die ihn als ehemaligen Kriminalisten interessierten. Eine dieser Geschichten ging dem als Reichstagsbrandstifter verurteilten Marinus van der Lubbe nach. Die Nationalsozialisten hatten den Brand damals zum Anlass genommen, die "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" zu erlassen, mit der Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt und der Weg zur Verfolgung politischer Gegner frei gemacht wurde. "Der US-amerikanische Professor Benjamin Hett hat in seinem Buch Burning the Reichstag die Diskussion über diese Brandstiftung neu entfacht und als nicht abgeschlossenen Fall bezeichnet", so Horster. "Die Krostitzer Gruppe besteht aus Personen, die ungeachtet unterschiedlicher parteipolitischer Ansichten dafür sorgen wollen, dass die vorherrschende Lehrmeinung über den Reichstagsbrand überwunden wird." Dabei gehe es nicht darum, den Nachweis zu erbringen, ob van der Lubbe ein Einzeltäter war oder ob er Helfer hatte, sondern darum, dass er nur ein "Vorzeigetäter" und letztlich unschuldig war. Die Spur der wahren Brandstifter aufzudecken, ist bis heute nicht gelungen.

Von Heike Liesaus

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