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Europameister

Lockentauben: Das große Flattern in Schenkenberg

Taubenschlag: Reinhard Liebert zeigt eine der gelbfahlschildigen Lockentauben, mit denen er jetzt seinen zweiten Europameistertitel gewonnen hat. Mehr Fotos und ein Video finden Sie unter www.lvz.de/Region/Delitzsch

Taubenschlag: Reinhard Liebert zeigt eine der gelbfahlschildigen Lockentauben, mit denen er jetzt seinen zweiten Europameistertitel gewonnen hat. Mehr Fotos und ein Video finden Sie unter www.lvz.de/Region/Delitzsch

Schenkenberg.Warm ist es nicht gerade, auch das Maschendrahtgitter der kleinen Käfige mag nicht auf jeden anheimelnd wirken, aber für Reinhard Liebert ist genau hier der Ort, an dem er es sich gemütlich macht. Im Sessel vorm Fenster hat er das beste Licht. Hier macht er seine Tauben, die er zuvor in den Volieren ausgewählt hat, wettbewerbsfein, bevor es vom Delitzscher Ortsteil Schenkenberg auf die Reise zu den jeweiligen Ausstellungen geht. „Wo andere ihre Eisenbahn haben, habe ich meine Taubenkäfige stehen“, beschreibt es der 68-Jährige.

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Der gurrende Vogel in seinen Händen hat eine Dauerwelle auf den Flügeln. Reinhard Liebert hat sich auf Lockentauben spezialisiert. Schnipp, schnapp, wenn ein buntes Federchen dort blitzt, wo eigentlich alles weiß sein soll, wird es vorsichtig entfernt. Für die Tauben ist das so, wie Haare oder Fingernägel schneiden.

Ohne Fleiß keine Schönheit

Auch die Bestrumpfung, das sind die Federn, die sich wie Gamaschen über die Taubenfüße legen, ist zu lang. Da muss also ebenfalls noch verschönernd eingegriffen werden. Reinhard Liebert schaut auch kritisch auf den Schnabel der Wettbewerbskandidatin. Der zu lang gewachsene Hornrand muss ab. Zehn bis 15 Minuten braucht er pro Tier. Wer schöne Tauben haben will, hat Arbeit. Schließlich macht das alltägliche Leben auf dem Land in der Voliere nicht ausgehfein. Wer sich in der weiten Welt präsentieren will, geht vorher auch mal zum Friseur. So hat es der Schenkenberger mit seinen Tauben schon zu zweifachen Europameisterehren gebracht. Er ist zudem 20-facher deutscher Meister.

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Dauerwelle auf dem Flügel

Brieftauben und Tauben auf Stadtplätzen mögen bekannt sein. Aber Vögel mit Dauerwellen an den Flügeln? Die hat nicht jeder, ob nun mit oder ohne Europameistertitel. Reinhard Liebert hatte anfangs die Coburger Lerchen gehalten und gezüchtet. Schon seit 1964 ist er im Geflügelzuchtverein Delitzsch und Umgebung Mitglied. Aber 1980 verfiel der Tierarzt Vögeln mit der auffälligen Flügelfrisur.

Feenbegleiter

„Eigentlich wollte ich meine Tochter damit für die Taubenzucht begeistern“, erzählt der Schenkenberger. Die Kleine war damals elf Jahre jung. Es hätte also klappen können. Immerhin sehen diese Federtiere so märchenhaft aus, als könnten sie eine Fee begleiten. Ein Freund hatte ihm ein Pärchen geschenkt. Aber das Interesse der Tochter war nach einem halben Jahr erloschen. Bei Reinhard Liebert blieb es und nun ist er gespannt. Denn die Enkelin scheint Tauben zu mögen. Sie ist jetzt sechs.

Im Gartenblockhaus auf dem Grundstück im Delitzscher Ortsteil gibt es eine extra Sitzecke, wo auch die Enkel spielen. Um sie herum sind die Wände über und über mit den Insignien der Wettbewerbstätigkeit des Großvaters dekoriert: Wimpel, Plaketten, Orden, Diplome. Wie viele es sind, hat er nicht gezählt.

Für die Taubenschönheit gibt es auch eine spezielle Ernährung.

Für die Taubenschönheit gibt es auch eine spezielle Ernährung.

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Frühlingsdiät für Tauben

Als Tierarzt hatte er vielleicht einige Vorteile aufgrund seines Fachwissens über Hygiene und Fütterung. Dafür gibt es durchdachte Pläne. In diesen Monaten wird zum Beispiel nur einmal gefüttert. Ab Ende Februar/Anfang März bis Oktober gibt es drei Mal täglich Futter. Dann werden auch vorgekeimte Körner eingesetzt. Die bringen viel Vitamine und Vitalstoffe mit. So wie es auch für den Menschen gut ist. Mittags gibt es Grünfutter, das liefert der eigene Garten: Schnittlauch, Vogelmiere, Brennnessel, klein geschnitten und mit ein wenig Öl angemacht. Erst am späten Nachmittag gibt es das Körnerfutter. „Das macht schon mal viel aus, kostet aber natürlich auch Zeit.“ Wie war das in seiner beruflich aktiven Zeit zu schaffen? Ehefrau Hannelore (67) ist die große Unterstützerin: „Ich hatte doch selbst immer Tiere. Meine Eltern haben den Delitzscher Tiergarten aufgebaut. Da hatte ich auch Papageien für mich und wir hatten die Landwirtschaft. Schließlich hatte sie als Tierpflegerin gearbeitet. Und sie hat auch die Tauben zu Hause gefüttert.

Geflügelfleisch

Ziel aller Züchter-Mühen ist nicht allein die Schönheit. Lockentauben sind im Gegensatz zu den Brieftauben, die als Sporttiere gelten und bei denen deshalb auch Medikamente eingesetzt werden dürfen, auch zum Essen da. Lockentauben werden als „Lebensmittel gewinnende Tiere“ geführt. Sie liefern gesundes wohlschmeckendes Fleisch, rühmen die Lieberts das Geflügel. Namen bekommen die Tauben, Aussehen hin oder her, jedenfalls nicht. Das wäre auch schwierig bei circa 140 Tieren insgesamt, die in den Volieren auf dem Schenkenberger Grundstück das große Flattern veranstalten. Aber Reinhard Liebert will reduzieren. Auf 90.

Europameister

Die Sache mit der Europameisterschaft wird er nun nicht mehr wiederholen. Denn weite Reisen sind nun mal anstrengend. Doch als er die ersten Male teilnahm, fand die EM vor der Haustür in Leipzig statt. 2006 und 2012 belegte er aber jeweils nur zweite Plätze. Da war der Ehrgeiz geweckt. „Irgendwann will man auch mal gewinnen.“ Alle drei Jahre findet der EU-weite Vergleich statt. 2015 klappte es mit dem ersten Titel im französischen Metz. Und nun kehrte er auch von der Europaschau im November aus Herning in Dänemark erfolgreich zurück. Immerhin ging es zu Dritt auf die Reise. Einer der Delitzscher war selbst Aussteller und hatte Hühner mitgenommen. Ein zweiter hatte zwar ebenfalls Tauben angemeldet, dann aber keinen Stellplatz bekommen. Die Halle war bereits gefüllt.

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Von Schenkenberg in die Welt

Die Tauben werden bei diesen Ausstellungen nicht allein bewertet und ausgezeichnet, sondern auch gehandelt. Vögel, die in den Nestern der Liebertschen Voliere in Schenkenberg schlüpften, gingen somit schon nach Holland, Belgien, Dänemark, Schweden, Polen, Tschechien und in die Türkei. Bei einer Lipsia-Schau hatte sogar ein Chinese ein Pärchen gekauft, das dann mit dem Flugzeug auf die Reise geschickt wurde.

Diesmal waren es die Gelbfahlschildigen, mit denen sich Reinhard Liebert als Europameister durchsetzte. So wird ein abgeschwächtes Gelb bezeichnet. Farbschläge gibt es jede Menge, ob gelb-, blau-, rot- oder schwarzschildig. Und mit „schildig“ wird beschrieben, dass die Flügeloberseite mit dem lockigen Gefieder farbig ist. Wichtig: Der große Rest des Federkleides sollte weiß sein. Diese Züchtungsvariante wurde sogar in der Region erfunden. Der Zwochauer Willy Rosche war der Erste, der diese Merkmale herauszüchtete.

Die Zahl der Schwungfedern muss stimmen.

Die Zahl der Schwungfedern muss stimmen.

Bestrumpfung und Schwungfedern

Bei Lockentauben heißt es ansonsten: So viele Locken wie möglich. Wert legen die Richter außerdem auf schöne Federpuschel an den Füßen. Der Züchter spricht natürlich korrekt von „Bestrumpfung“. Die Zehen sollten bedeckt sein. Außerdem muss ein Wettbewerbskandidat zwölf ausgewachsene Schwanzfedern vorweisen sowie jeweils zehn Schwungfedern an den Handschwingen. Sobald eine fehlt, braucht er nicht für den Wettbewerb mitgenommen werden. Denn dafür gibt es Punktabzug und nur noch Aussichten auf hintere Ränge. Die im Juli geborene Taube hat noch nicht genug Schwungfedern ausgebildet, zeigt Reinhard Liebert.

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Vier Tiere sind beim Wettbewerb eine Mannschaft. Und aus irgendeinem Grund sind 97 Punkte das Höchstmaß bei der Taubenbeurteilung. Die Schenkenberger Mannschaft der gelbfahlschildigen erreichte in Herning 376 Punkte und damit das Mindestmaß für den Titel. Ein Punkt weniger und es hätte nicht geklappt.

Heimatverbunden

Ansonsten leben die Tauben ein ganz normales Taubenleben in den Volieren. Bis vor zwei Jahren durften sie auch noch weiter draußen im Garten herumfliegen. Das wäre heute noch so, wenn sich nicht inzwischen die Raubvögel wieder stark vermehrt hätten, die in den auffällig gefiederten Vögeln leichte Beute erkennen und machen. „Auf freier Wildbahn würden sie generell nicht lange überleben“, stellt Liebert fest. Er vermutet auch: „Sie sind mehr schön als intelligent.“ Gutes Orientierungsvermögen, das die Brieftaubenkollegen aufbringen müssen, haben sie jedenfalls nicht. Ein Locken-Tauber hatte sich mal auf das Dach eines Nachbarn verirrt und er brauchte eine Woche, um sich wieder zurückzufinden.

Auch die berühmte Friedenstaube Picassos ist eine Lockentaube. Immerhin wenig anders als die von Reinhard Liebert. „Meine haben keine Haube“, stellt er fest. Der kleine Federbausch auf dem Kopf wäre auch noch frisierbedürftig. Er hat nun seine Transportkisten wieder mit 38 Tauben besetzt. An diesen Wochenende geht es zur Schau in die Oberlausitz. 350 Lockentauben sind dort. Ende des Monats geht es noch zur Deutschen Rassetaubenschau nach Kassel. Dort sind dann 20 000 Tauben querbeet. Reinhard Liebert freut sich auch deshalb darauf, weil dann erstmal „Schluss ist mit der Ausstellungssaison.“

Eine Lockentaube wird gefangen

Eine Lockentaube wird frisiert und gekämmt damit sie bei dem Wettbewerb eine gute Figur macht

Von Heike Liesaus

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