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Oberbürgermeisterwahl Delitzsch

Wer ist der rechte Aktivist Hagen Grell?

Zur Oberbürgermeisterwahl in Delitzsch tritt auch der rechte Aktivist Hagen Grell an. Er steht den „Freien Sachsen“ und weiteren Rechtsextremen nahe, verharmloste den Holocaust. Darum bietet die LVZ dem Kandidaten zur Kommunalwahl kein Forum.

Zur Oberbürgermeisterwahl in Delitzsch tritt auch der rechte Aktivist Hagen Grell an. Er steht den „Freien Sachsen“ und weiteren Rechtsextremen nahe, verharmloste den Holocaust. Darum bietet die LVZ dem Kandidaten zur Kommunalwahl kein Forum.

Delitzsch. Ende Mai wird ein neuer Oberbürgermeister in Delitzsch gewählt. Neben Amtsinhaber Manfred Wilde (parteilos), Uwe Bernhardt (Freie Wähler) und Jens Müller (parteilos) bewirbt sich auch Hagen Grell um das höchste Amt im Delitzscher Rathaus. Er ist ein seit Jahren in der rechten Szene vernetzter Aktivist. Für ihn als Oberbürgermeister wirbt unter anderem die vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Partei „Freie Sachsen“.

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Grell, 38 Jahre alt und eigenen Angaben zufolge Informatiker und Unternehmer, tritt als parteiloser Kandidat für das Bündnis „Gemeinsam für Delitzsch“ zur Wahl an. Die Kernziele des Bündnisses sowie die von Grell veröffentlichten Wahlversprechen klingen unverdächtig: eine Wiederbelebung der Gewerbe, abgezäunte Hundewiesen, mehr Bürgernähe und Mitbestimmung. Wer aber in die Vergangenheit von Grell schaut und auf seine Verbindungen in die rechtsextreme Szene, der bekommt ein anderes Bild von dem Mann, der sich um die Stimmen der Delitzscherinnen und Delitzscher bemüht.

Grell für Nähe zu Rechtsextremen bekannt

Grells Nähe zu Rechtsextremen ist seit Jahren bekannt. „Hagen Grell gehörte mindestens bis 2020 zu dem dubiosen Netzwerk sogenannter rechter YouTuber, welche zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen selbstgedrehte und produzierte Videos ins Netz stellten“, sagt Benjamin Winkler von der Amadeu-Antonio-Stiftung Sachsen, der die rechte Szene und die Szene der Verschwörungstheoretiker seit Jahren beobachtet. „Grell traf sich mehrfach mit bekannten Neonazis oder Rechtsextremen der deutschsprachigen Szene.“ Die Kontakte in die rechtsextreme Szene dürften Winkler zufolge bis heute bestehen. Das zeige sich nicht zuletzt an der Tatsache, dass Grell durch die „Freien Sachsen“ bei seine Kandidatur in Delitzsch unterstützt wird.

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Den Erkenntnissen der Amadeu-Antonio-Stiftung zufolge pflegte Grell lange enge Kontakte zu Martin Sellner. Sellner ist Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich und das bekannteste Gesicht der Organisation. Grell selbst hat sich im Oktober 2021 als „Freund“ der Identitären Bewegung bezeichnet. Die Organisation wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Nach den Worten von Miro Dittrich, einem Extremismus-Forscher und Mitbegründer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie war Grell zudem einer der frühen „QAnon-Influencer“. Hinter QAnon verbirgt sich die verschwörungsideologische Idee, es gebe eine geheime Elite in den höchsten Kreisen von Politik, Medien und Wirtschaft.

Von Grell initiiertes Internetportal „Frei3“ veröffentlicht Videos mit rechten Verschwörungstheorien

Dass sich an Grells Haltung bis heute offenbar nichts geändert hat, zeigt ein Blick in seinen Kanal im sozialen Netzwerk Telegram. Dort teilte er auch in jüngster Vergangenheit unter anderem Inhalte der „Freien Sachsen“ und rechte Verschwörungstheorien. Anfang April unterstützte Grell den von Telegram gesperrten rechtsextremen Aktivisten Nikolai Nerling. Das von Grell initiierte Internetportal „Frei3“ veröffentlicht bis heute vor allem Videos mit rechten Verschwörungstheorien. Grell ist auf dem Portal noch immer als Gründer vermerkt. Benjamin Winkler von der Amadeu-Antonio-Stiftung analysiert die Tätigkeit von Grell für das Portal so: „Grell gibt sich bewusst das Image eines bürgerlichen Saubermanns oder eines Journalisten“, sagt er. „Seine Beiträge stellen keinesfalls journalistische Arbeiten dar, sondern sind allenfalls als rechte oder rechtsextreme Meinungsäußerung zu verstehen.“

Einem größeren Publikum bekannt wurde Hagen Grell durch einen inzwischen nicht mehr existierenden Youtube-Kanal. Bis Juni 2020 sammelte er auf der Videoplattform rund 85.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Im August 2018 veröffentlichte er ein Video, in dem er den Holocaust verharmlost. Das im Internet nicht mehr abrufbare Video liegt der Leipziger Volkszeitung (LVZ) vor.

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Im Video filmt Grell sich selbst auf einem Spaziergang und schildert seine Sicht auf die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg. Unter anderem sagt er: „Der Holocaust an den Deutschen war vielleicht sogar viel größer, viel brutaler, viel unmenschlicher und historisch gesehen ein viel tieferer Einschnitt, als der an den Juden.“ Grell bezieht sich dabei auf die Deutschen, die im Laufe des Zweiten Weltkriegs gestorben sind. Dass es sich um einen Angriffskrieg des Deutschen Reiches gegen die europäischen Nachbarn handelte, erwähnt er nicht. Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass es einen von den Deutschen verübten Völkermord an den Juden gegeben hat, bemerkt Grell in seinem Video unter anderem, dass es dazu „verschiedene Meinungen“ gäbe. Die Leipziger Staatsanwaltschaft hat aufgrund des Videos wegen des Verdachts der Volksverhetzung gegen Hagen Grell ermittelt. Weil sich kein hinreichender Tatverdacht ergeben hat, sagte ein Sprecher der Behörde, wurde das Verfahren im Mai 2019 eingestellt.

„Die LVZ ist eine unabhängige und überparteiliche Publikation“

Die Verharmlosung und Relativierung des Holocausts sowie die rechtsextremen Positionen von Hagen Grell sind nicht mit den publizistischen Leitlinien der LVZ vereinbar. Die Leipziger Volkszeitung hat sich daher dazu entschieden, Grell als Oberbürgermeisterkandidaten keine Plattform zu bieten. So hat die Chefredakteurin Hannah Suppa nach Kenntnis des relativierenden Videos zum Holocaust Hagen Grell mitgeteilt, ihm die geplante Teilnahme an einem LVZ-Talk der Delitzscher Kandidaten nicht zu ermöglichen und ihm auch in weiteren Formaten kein Forum zur Verbreitung seiner Positionen zu geben. „Die LVZ ist eine unabhängige und überparteiliche Publikation. Wir treten für die Menschen- und Grundrechte ein, für den Ausbau der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung und des sozialen Rechtsstaates. Und: Wir wenden uns gegen alle links- und rechtsextremen Tendenzen“, sagt Suppa. „Auch Kandidaten zur Kommunalwahl, die für die Freien Sachsen antreten, wird die LVZ keine Plattform für Selbstdarstellung bieten“, sagt die Chefredakteurin.

Hagen Grell bewertet das Vorgehen der LVZ als undemokratisch und wirft ihr vor, Rufmord zu betreiben. Eine Anfrage zu seiner Unterstützung durch die rechtsextremistische Partei „Freie Sachsen“ und dazu, wie er sein Video mit den relativierenden Äußerungen zum Holocaust heute bewertet, hat Grell inhaltlich nicht beantwortet. In einem vergangene Woche veröffentlichten Video wirft er der LVZ vor, Unwahrheiten über ihn zu verbreiten. In dem Video sagt Grell, er habe als „Journalist und Publizist mit patriotischem Anklang“ gearbeitet und bezeichnet den Vorwurf der Holocaust-Relativierung pauschal als „bizarre Behauptung“. Von seinem damaligen Video distanziert er sich nicht, im Gegenteil. Angeblich habe sich dieses lediglich „mit den zivilen deutschen Brandbomben-Opfern des Zweiten Weltkrieges“ beschäftigt – was angesichts des tatsächlichen Inhalts des Videos allerdings schlicht unzutreffend ist.

Von Bastian Raabe, Mathias Schönknecht und Denise Peikert

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