LVZ-Aktion „Licht im Advent“

Wie Ramona Horber von der Tafelkundin zur Teamleiterin in Delitzsch wurde

Das schnurlose Festnetztelefon ist Ramona Horbers ständiger Begleiter. Schließlich will sie keinen Anruf eines Spenders verpassen.

Das schnurlose Festnetztelefon ist Ramona Horbers ständiger Begleiter. Schließlich will sie keinen Anruf eines Spenders verpassen.

Delitzsch. „Wo ich mich in fünf Jahren sehe? Schwierig.“ Ramona Horber seufzt. Leichter fällt es ihr, über die vergangenen Jahre zu reden. Die hat die 59-Jährige bei der Tafel in Delitzsch verbracht. „Seit einem Jahrzehnt friere ich hier schon“, sagt die Frau mit den kurzen Haaren, lacht und zieht den Reißverschluss ihrer Steppjacke bis ans Kinn. Es ist kalt im Pausenraum der Tafel. Zu groß sind die Räumlichkeiten, um wirtschaftlich zu heizen. Damit alles andere reibungslos läuft, gibt es Ramona Horber.

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„Manchmal klingelt das Telefon rund um die Uhr“

Jeden Morgen kommt die Delitzscherin ins Tafellager in der Leipziger Straße. Dort sorgt sie dafür, dass alle Schichten besetzt sind und alle Kundinnen und Kunden mit Lebensmitteln versorgt werden. Das kleine schnurlose Telefon in ihrer Hand ist ihr ständiger Begleiter. „Manchmal klingelt es rund um die Uhr“, sagt Ramona Horber. An solchen Tagen findet sie ihren Job anstrengend. „Da ruft ein Spender nach dem anderen an. Dann eine Privatperson, die noch ein paar Kisten Äpfel spenden kann.“ Froh sei sie trotzdem über jeden Anruf und jede Spende. „Ich weiß, dass wir damit jeden Tag aufs Neue einen Rentner oder eine Mutter mit ihren Kindern glücklich machen.“

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Nicht jeder schafft es, aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen

Früher stand Horber selbst als junge Mutter vor der Delitzscher Tafel für Lebensmittel Schlange. „Damals war ich in die Arbeitslosigkeit gerutscht. Nicht jeder schafft es, da wieder rauszukommen, das ist nun mal so.“ Die dreifache Mutter habe es auch der Tafel zu verdanken, dass sie „es geschafft hat“. Vom Ehrenamt, über einen Bundesfreiwilligendienst, einen Minijob bis hin zur Teamleitung. „Ich wäre auch als Minijobberin hier geblieben“, sagt Horber. Aber dann sprang sie vor fünf Jahren in die Bresche, als die damalige Teamchefin ihren Posten verließ und das ehemalige Team auseinanderbrach.

Konsequenter Führungsstil – trotzdem familiär

Leicht sei der Start als leitende Mitarbeiterin nicht gewesen. „Ohne richtige Übergabe musste ich mich überall selbst reinfuchsen. Noch dazu bin ich computertechnisch ganz unbegabt“, sagt Ramona Horber und lacht. Darum habe sie umso enger mit der Vorstandsvorsitzenden und Tafelgründerin Jutta Faak gearbeitet. Die beiden Frauen hat diese Zeit zusammengeschweißt.

Die leitende Mitarbeiterin der Tafel Delitzsch hat ihr Team auch „aus der Schlange“ rekrutiert.

Die leitende Mitarbeiterin der Tafel Delitzsch hat ihr Team auch „aus der Schlange“ rekrutiert.

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Ihr Team hat die frisch beförderte Teamleiterin kurzerhand „aus der Schlange“ rekrutiert, mit den Computern hat sie sich arrangiert. Der Kontakt mit den Spendern ist ihr mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, der Hörer die natürliche Erweiterung ihrer Hand. Horbers Leitungsstil: „Konsequent.“ Damit sie immer den Überblick behält. Trotzdem gehe es hinter den Kulissen eher wie in einer großen Familie zu, sagt sie.

Jeder Anruf von Spendern zählt – sogar im Badezimmer

An den Arbeitsabläufen habe die leitende Mitarbeiterin über die Jahre nicht viel geändert: Lebensmittel einsammeln, Lebensmittel ausgeben. Die Aufgaben seien ja immer die gleichen, nur der Andrang werde größer. „Es kommen fast 70 Prozent Rentnerinnen und Rentner, die Altersarmut ist hoch“, sagt Ramona Horber mit ernstem Gesicht. Zusätzlich brechen seit der Corona-Pandemie immer mehr Spenden weg. „Ich nehme das Telefon sogar mit ins Badezimmer: Es könnte ja ein Spender anrufen, das darf ich nicht verpassen.“

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Erst wenn gegen 15 Uhr alle Spenden gesammelt und die täglich rund 150 Kundinnen und Kunden versorgt sind, legt die Teamchefin den Hörer weg. Ihren Feierabend genießt sie auch mal in ihrer grünen Oase: „Mein Garten ist der Schönste“, sagt sie und zwinkert. Nach der Wende legte sie eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau ab. Jetzt hat sie ihr eigenes Gartenparadies mit Palmen und Schwimmbecken zuhause. Ihre erste Ausbildung als Mechanikerin dagegen nutzt der 59-Jährigen heute im Alltag nicht mehr so viel.

„Solange ich gesund bin, mache ich weiter“

Als sie in Erinnerungen an vergangene Berufe und Berufungen schwelgt, lässt sich Ramona Horber am Ende doch noch zu einer Prognose für die kommenden Jahre hinreißen. „Solange ich gesund bin, mache ich hier weiter“, sagt sie mit Nachdruck. „Und solange ich mit Frau Faak zusammenarbeiten kann. Sie ist mein Fels in der Brandung, nach wie vor.“

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Von Nicole Eyberger

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