Aktion „Ein Licht im Advent“

Reporterin packt in Torgau einen Tag bei der Tafel mit an

Reporterin Laura Krugenberg

Reporterin Laura Krugenberg

Torgau. Bärbel Liersch sitzt vor dem Computer im Ausgaberaum der Tafel Torgau. Es müssen Listen durchgegangen werden, Lieferungen registriert und in das System eingetragen werden. Einer der Fahrer gibt an, welche Kisten am Vortag zurückgekommen sind.

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Im Hintergrund wird Ware sortiert und gelacht. Die 69-Jährige ist meist die erste in der Torgauer Tafel. An Ausgabetagen wie heute hat ihr Arbeitstag knapp 12 Stunden.

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Sie behält immer den Überblick: Die 69-jährige Bärbel Liersch ist oft die erste. An Ausgabetagen arbeitet sie nicht selten rund 12 Stunden bei der Tafel.

Sie behält immer den Überblick: Die 69-jährige Bärbel Liersch ist oft die erste. An Ausgabetagen arbeitet sie nicht selten rund 12 Stunden bei der Tafel.

Lebensmittel retten

Ich darf heute hinter die Kulissen schauen und mit anpacken. 7.30 Uhr kommen die ersten Rückläufer. Über 12 Ausgabestellen beliefert die Tafel, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Viola Korban (61) und ich schauen die Kisten durch, die nochmal ausgeliefert werden sollen. „Achte besonders auf das Obst und Gemüse. Aber auch das Brot musst du genau angucken“, sagt sie mir. Doch die Lebensmittel sehen noch gut aus, bis auf ein paar Himbeeren gibt es nichts, was ich nicht auch selbst noch essen würde. Dann stellt Viola schon die leeren Kisten bereit, die wir befüllen müssen. Beim Sortieren ist Viola deutlich schneller als ich – alle Handgriffe sind Routine. Derweil ruft uns Bärbel Zahlen zu „2/3“. Viola erklärt mir, dass die für die Personen stehen, die die Kisten bekommen. 2/3 – sind zwei Erwachsene und drei Kinder. Die bekommen mehr Lebensmittel.

Viola Korban (l.) und TZ-Reporterin Laura Krugenberg bereiten Brot und Brötchen vor. Dienstag und Donnerstag hat die Ausgabe der Tafel Torgau von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Viola Korban (l.) und TZ-Reporterin Laura Krugenberg bereiten Brot und Brötchen vor. Dienstag und Donnerstag hat die Ausgabe der Tafel Torgau von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Ich nehme mir eine Kiste mit Äpfeln aus dem Regal und komme mit Steffi Blödorn (64) ins Gespräch. „Ich bin selbst Kundin. Dadurch bin ich dazu gekommen, hier mitzuhelfen.“ Ich will einen Apfel, der etwas runzelig ist, wegschmeißen. Doch sie stoppt mich. „Der kommt in eine extra Kiste. Da kann sich kostenlos bedient werden. Das wird gut angenommen.“ Aus Äpfeln wie diesem kann man noch Apfelmus machen, sagt sie. „Letztendlich geht es auch darum, Lebensmittel zu retten.“ Anders als andere, schämt sie sich nicht, bei der Tafel einzukaufen „Wenn man bedürftig ist, dann ist die Tafel eine riesige Hilfe, die man annehmen sollte.“ Sie wünscht sich, dass mehr Menschen sehen, wie viel Zeit und Arbeit in das Ehrenamt fließen.

TZ-Reporterin Laura Krugenberg (v.l.) hilft bei der Kontrolle der frischen Lebensmittel. Steffi Blödorn und Klaus Zenker arbeiten seit mehreren Jahren bei der Tafel und wissen: Der Spaß an der Arbeit darf dabei nicht zu kurz kommen.

TZ-Reporterin Laura Krugenberg (v.l.) hilft bei der Kontrolle der frischen Lebensmittel. Steffi Blödorn und Klaus Zenker arbeiten seit mehreren Jahren bei der Tafel und wissen: Der Spaß an der Arbeit darf dabei nicht zu kurz kommen.

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Zu wenig helfende Hände

Zur Pause treffen wir uns alle in der Küche. Beim Kaffee wird geplaudert und über Familie erzählt, aber auch über die steigenden Sorgen. „Alles ist so teuer geworden. Deshalb kommen auch viele junge Familien zu uns“, so Viola. Doch nicht nur die Kundschaft steht vor Problemen, auch die, die helfen. Besonders an den Ausgabetagen fehlt Verstärkung. „Manchmal sind wir morgens nur zu dritt“, beklagt Bärbel. Auch wenn die Arbeit erfüllend ist, ist sie anstrengend – Kisten schleppen, Lebensmittel sortieren, planen, organisieren und vor allem immer den Überblick behalten. Jeden Tag kommt neue Ware an. Ohne den stetigen Nachschub wäre der Bedarf nicht zu decken, erzählt Bärbel – die Zahl der zu versorgenden Bedürftigen ist gestiegen, ebenso wie die Kosten für die Tafel. Trotzdem macht es allen Spaß. „Wäre das nicht so, dann wären wir nicht mehr dabei. Der Dank der Menschen treibt uns an.“

Der tägliche Austausch ist dem Team sehr wichtig, denn man ist hier nicht nur Kollege und Kollegin, sondern auch ein Stück weit eine kleine Familie geworden.

Der tägliche Austausch ist dem Team sehr wichtig, denn man ist hier nicht nur Kollege und Kollegin, sondern auch ein Stück weit eine kleine Familie geworden.

Tafelkunden schämen sich

Dann geht es zurück an die Arbeit. Das Brot für die Auslieferung muss in Tüten gepackt und mit den anderen Waren verteilt werden. Zehn Brötchen und ein großes Brot landen in jeder Kiste. Größere Familien bekommen die doppelte Menge. Dann gibt es noch Joghurt, Eier, Milch, Marmelade, Aufschnitt, Wurstware, Tiefkühlprodukte sowie frisches Obst und Gemüse – je nachdem was da ist. Sechs Euro bezahlen die Kunden und Kundinnen bei der Torgauer Tafel, auch dienstags und donnerstags, wenn die Ausgabe von 14 bis 18 Uhr geöffnet hat. Bis die Tafel heute ihre Türen öffnet, werden die gepackten Kisten verladen und zu den Familien und Ausgabestellen in der Region gefahren, neue Lebensmittel angenommen und die Ausgabe vorbereitet. Alles muss schnell gehen, damit die Bedürftigen nicht zu lange in der Kälte warten müssen. „Bedürftige“ – ein Wort, dass man bei der Tafel selten hört. „Das sind unsere Kunden. Einige davon schämen sich dafür. Besonders die Älteren – die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und trotzdem auf Hilfe angewiesen sind.“

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Die Stigmatisierung ist ein großes Problem, sowohl für die Menschen als auch für die Tafeln, über die noch zu viele fälschlicherweise denken, dass hier minderwertige Lebensmittel ausgeben werden. Es sind die unterschiedlichsten Gründe, die die Leute zur Tafel führen. Krankheit, Schicksalsschläge, geringe Renten und Alleinerziehende, die nicht Vollzeit arbeiten können, oder Menschen, die keine Arbeit finden.

Bei der Tafel Torgau werden täglich mehrere Kisten mit Lebensmitteln gepackt und ausgefahren, denn nicht alle der Kunden und Kundinnen haben die Möglichkeit, zu der Ausgabe in der August-Bebel-Straße zu kommen.

Bei der Tafel Torgau werden täglich mehrere Kisten mit Lebensmitteln gepackt und ausgefahren, denn nicht alle der Kunden und Kundinnen haben die Möglichkeit, zu der Ausgabe in der August-Bebel-Straße zu kommen.

Lange Schlange vor Ausgabe

Donnerstags ist die Ausgabe meist etwas ruhiger, erklärt mir Anette Nieder (49). Heute rechnet man mit 40 bis 50 Kunden und Kundinnen, wie viele es am Ende sind, ist immer eine Überraschung. Doch vor der Tür warten bereits die Leute in einer langen Schlange. Wir stehen an einer der drei Stationen im Ausgaberaum. Brot, Obst und Gemüse sowie gekühlte Waren werden hier für die wartenden Kunden und Kundinnen bereitgelegt. Die können sich dann aussuchen, was sie benötigen. Bei Anette gibt es heute zum Beispiel Tiefkühlobst, Eier, Würstchen, Nudelgerichte, Käse und Joghurt, aber auch vegetarische und vegane Produkte. Einige der Leute schauen nach unten und packen schnell die Lebensmittel in die mitgebrachten Tüten. Mit anderen wechselt man ein paar freundliche Worte. Ein junger Mann erzählt uns, dass er gerade versucht abzunehmen „Und das vor Weihnachten?“, fragt Anette erstaunt und wir lachen. Dann kommt schon die nächste Kundin – eine Ukrainerin. Sie zeigt auf das Schweinefleisch. Zum Glück kommt Natalia Pavlov (49) und übersetzt. Sie arbeitet seit 2009 bei der Tafel. Seit Anfang des Jahres wird sie in der Tafel mehr gebraucht denn je.

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Mit viel Engagement und Spaß gehen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Tafel Torgau von Montag bis Freitag an die Arbeit, auch wenn immer mehr Menschen aus der Region versorgt werden müssen sowie die Kosten und die Belastung steigen.

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Wenn die Ausgabe schließt, geht auch das Tafel-Team nach Hause. Auch für Bärbel Liersch ist gegen 18.30 Uhr endlich Feierabend. Vorher muss sie aber noch die Einnahmen zur Bank bringen. Nächstes Jahr wird sie 70. Eigentlich Zeit für sie, in den Ruhestand zu gehen – doch ob sie das übers Herz bringt, weiß sie noch nicht: „Wenn man das so lange und so gerne macht, dann ist es sehr schwer aufzuhören.“

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Von Laura Krugenberg

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