Angst schweißt zusammen: Warum Männersender boomen

Diese Typen trinken keinen Latte Macchiato: die DMAX-Helden aus „Goldrausch in Alaska“.

Yukon Bay. Da fliegen die Funken, da poltern die Bässe, Metall kracht auf Metall. Ölverschmierte Muskelmänner turnen mit Winkelschleifern und Motorsägen auf einem Gerüst herum und formen aus gewaltigen stählernen Buchstaben den Schriftzug „DMAX“. So sehen sie also aus, die modernen Männer, die der Sender umwirbt: wie schlecht riechende Chippendales in Funktionshosen. „Wir sind härter, schneller, größer“, dröhnt es aus den Boxen. Die Botschaft der Programmpräsentation: Männer können alles. Männer machen alles ganz, ganz genau. Echte Männer schrauben, sägen, hämmern, grillen, löten und töten. Und DMAX riecht nach Blut, Schweiß und Motoröl.

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Die Fernsehbranche guffelte, als der Sender sich vor zwölf Jahren anschickte, Fernsehen für „die tollsten Menschen der Welt zu machen: Männer“ (Eigenwerbung). Fernsehen für die letzten echten Kerle? Wie viele mögen das wohl sein? Zwei? Es war die Zeit, in der metrosexuelle Hühnerbrustmodels fliederfarbene Kniestrümpfe zum Rock über die Laufstege trugen und urbane Hipster begannen, Steinpilzrisotto zu kochen. Wer braucht da harte Kerle in unwegsamem Gelände? Lüsterklemmen-TV? Pumperfernsehen?

Die Schlonzmuffe muss runter

Doch dann passierte etwas Seltsames: DMAX hatte Erfolg. Dieser Medium gewordene Anachronismus traf einen Nerv – mit Sendungen wie „Fish’n’Fun – Die Angelshow“, „Vollgas, Freunde!“, „Vollgas-Junkies“, „Die Raketenbauer“ oder „Öl, Schweiß und harte Männer“, quasi der jugendfreien Ausgabe des alten RTL-II-Reportageklassikers „Bier, Busen, Ballermann“. Vier sympathisch-verschnarchte Brüder aus dem Westerwald („Geh ma’ nach Peter“) wurden zu den Helden der Pionierjahre: „Die Ludolfs“. Die aktuellen Stars sind die „Steel Buddies“. Und ansonsten ist alles super im DMAX-Programm: „Superautos“, „Superflugzeuge“, „Superbauten“, „Superheiße Öfen“, „Supermaschinen“, „Superreich!“, „Superschiffe“, „Supersysteme“, „Superhomes“. Bei DMAX gibt’s kein Risotto. Hier gibt’s Spanferkel aus dem Erdlochofen. Und jede kleine Schramme im Schenkel eines Holzfällers wird inszeniert wie ein Bauchschuss in Vietnam: Blut! Tapferkeit! Lasst mich hier zurück! DMAX-Helden sind keine lustigen Hedonisten mit Rosmarinzweiglein in der Hand. Sondern Goldsucher in Alaska. Hot-Rod-Schrauber in Minnesota. Opalschürfer in Afrika. Motorrad-Junkies in Orange County. Jack London und Ernest Hemingway hätten ihre Freude.

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Keep it simple. Das ist das Motto. Klare Aufgaben, klare Regeln. Kerle brauchen das. Der Kühler muss ab. Das Krokodil muss weg. Die Waschanlage muss laufen. Die Schlonzmuffe muss runter. „So läuft das hier“, heißt der aktuelle Senderslogan. „Männerfernsehen zu machen ist einfach“, befand Gründungsgeschäftsführerin Katja Hofem-Best, inzwischen Vizechefin des ProSiebenSat.1-Konzerns. „Fällt was am Auto ab? Fliegt was in die Luft? Das funktioniert immer.“ Nach DMAX hat sie – Ironie der TV-Geschichte – den Frauensender Sixx aufgebaut. „Das ist anspruchsvoller.“

Verunsicherte Kerle mit Barbecuesoße im Bart

DMAX-Männer sind keine Frauenversteher, sondern explosionsinteressierte Fleischfresser. Ab Herbst werden in der Show „Männerträume“ Man-Caves renoviert, Männerhöhlen samt Flipper und HD-TV.

Der Marktanteil stieg auf stabile 2,6 Prozent, ein guter Wert für einen Zwergsender. Prompt brachten RTL und Pro7 mit Nitro (2,2 Prozent) und Pro7 Maxx (2,0 Prozent) eigene Männersender an den Start. Nitro setzt eher auf „weichere“ Themen wie Garten und teilt sich ab Herbst die Fußball-Europa-League mit dem großen Bruder RTL. Und Pro7 Maxx hat Anime-Cartoons, Wrestling und American Football etabliert. Inzwischen beliefern also gleich drei maskuline Medien verunsicherte Kerle mit Barbecuesoße im Bart mit Männlichkeitsfantasien. Sie sind Kriegsgewinnler des Geschlechterkampfes.

Warum? Weil sie von der tiefen Krise der Männlichkeit profitieren. Die sich bedroht fühlende Spezies namens Mann tut derzeit, was die Evolution sie gelehrt hat: Sie rückt zusammen. Wagenburg bilden, Gewehre laden, Feinde wegbeißen. DMAX ist eines ihrer letzten Lagerfeuer. Ein Rückversicherungskanal für klassische Männlichkeitsattribute wie körperliche Kraft und emotionale Härte, die in der postheroischen Gesellschaft an Bedeutung verlieren. Wo soll er denn sonst hin, der übrig gebliebene tätowierte Schnauzbart? Der Zigarre paffende Goldschürfer? Latte macchiato trinkt er nun mal nicht. Umgekehrt träumt auch mancher Reihenhausbesitzer im fliederfarbenen Mohairpullunder heimlich von der Route 66.

„Angst vor fußballspielenden Frauen, Homosexuellen und Ausländern“

Viele Männer hätten Angst, schreibt die Autorin Sibylle Berg: Sie fühlten sich bedroht von „fußballspielenden Frauen, Homosexuellen, Ausländern und Robotern“. Triebkraft dieser Angst ist der Identitätsverlust als Krone der Schöpfung. Der Mann spürt, dass er nicht mehr der Nullmeridian der Geschlechter ist. Auch die männerdominierte Industriearbeit verliert im Westen an Bedeutung. Umso mehr wird bei DMAX körperlich geschuftet, gefräst, geschraubt. Und Printmagazine wie „Beef“ und „Walden“ feiern den smokenden, grillenden, surfenden und wandernden Wildmann.

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Der britische Journalist Jack Urwin registriert in seinem Buch „Boys Don’t Cry“ ein diffuses Unbehagen bei vielen Männern. Es gelingt ihnen nicht, das tief sitzende archaische Männerbild vom omnipotenten Ernährer und Entscheider mit der modernen Gesellschaft in Einklang zu bringen. So werden sie gleichermaßen zu Hütern und Opfern ihrer alten Ideale. Der Trugschluss des seit Jahrhunderten an Bevorzugung gewöhnten hominiden Männchens lautet: Die haben mir was weggenommen! Das Symptom dieser gefühlten Wahrheit ist eine „toxische Männlichkeit“ (Urwin), gespeist aus tief sitzender Statusangst, die womöglich auch den Aufstieg großkotziger Populisten wie Donald Trump und Wladimir Putin begünstigte. Die Autorin Ines Geipel schrieb jüngst, dass auch die AfD für manchen Kerl die „letzte Möglichkeit“ sei, die „Lebensdepression loszuwerden“, denn es gebe „wieder einen Auftrag, in einem gärenden Wir“.

Der Lockruf der Wildnis

Im Unterschied zur AfD freilich durchzieht das DMAX-Männerbild eine leise Ironie, ein feiner Humor, der die polternde Machohaftigkeit mancher Formate erst aushaltbar und attraktiv macht. Der einsame Wolf folgt halt noch einmal dem Lockruf der Wildnis – wenn auch nur theoretisch: im Fernsehen.

Von Imre Grimm / RND

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