Spionagethriller und Kammerspiel

Auf Liebe und Tod – Agentenduell „Der Anruf“ bei Amazon Prime Video

Es sieht nicht danach aus, aber es geht an diesem Tisch um Leben und Tod: Celia (Thandiwe Newton) und Henry (Chris Pine) unterhalten sich über spezielle gute alte Zeiten. Szene aus dem Spionagethriller „Der Anruf“.

Es sieht nicht danach aus, aber es geht an diesem Tisch um Leben und Tod: Celia (Thandiwe Newton) und Henry (Chris Pine) unterhalten sich über spezielle gute alte Zeiten. Szene aus dem Spionagethriller „Der Anruf“.

Einer wartet im Schatten des Restaurants auf ein „Ja“ oder ein „Nein“. Gibt ihm Henry Pelham (Chris Pine, wir warten nicht mehr lange auf deinen vierten Auftritt als Captain Kirk!) das Zeichen, wird er Celia Harrison (Thandiwe – seit einem Jahr nicht mehr Thandie – Newton, wann kommt endlich die vierte „Westworld“-Staffel?) töten.

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Wer war der Maulwurf beim Geiseldrama?

Denn dann war Celia der Maulwurf, dessen Gegenspionage den Passagieren, der gesamten Crew und einem Kollegen acht Jahre zuvor im Flug 127 auf dem Flughafen von Wien zum Verhängnis wurde. Die islamistischen Hijacker, die Gefangene ihrer Bewegung in Deutschland und Österreich austauschen wollten, hatten von den Plänen der CIA erfahren, das Flugzeug zu stürmen. Irgendwie. Von irgendwem. Harrison ist nicht die Erste, der Pelham auf den Zahn fühlt.

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Ihr Schuldeingeständnis wäre zugleich eine private Tragödie für Pelham. Zum Zeitpunkt der Flugzeugentführung waren die beiden nicht nur Jungstars bei der Agency, sondern ein Paar – es war die ganz große Liebe mit Sex immerzu und überall. Unmittelbar nach dem Desaster beendete Celia die Beziehung, verließ den Geheimdienst und zog nach Kalifornien, wo sie ein neues Leben begann, heiratete, Mutter wurde.

Chris Pine als Agent mit einem gebrochenen Herzen

Pelham scheint noch immer in sie verliebt, ein Geheimagent mit einem gebrochenen Herzen, der in einer noblen Herberge im amerikanischen Weinland mit Rosé und Rotwein auf eine Straße anstößt, die nie genommen wurde. Harrisons melancholisches Mienenspiel deutet dem Zuschauer an, dass sie das Spiel der Spione kennt, dass sie weiß, dass da noch jemand ist, jemand, der im Dunkeln auf sie zielt.

Der dänische Filmemacher Janus Metz Pedersen („Borg/McEnroe“) hat mit Drehbuchautor Olen Steinhauer, der hier seinen eigenen Roman für die Verfilmung bearbeitet hat, den Spionagethriller „Der Anruf“ realisiert – zur Hälfte ein Kammerspiel zur köstlichen Speisefolge der – möglicherweise – Henkersmahlzeit. Durchbrochen wird die Ausnahmezweisamkeit von Rückblenden, als die Agency damals versuchte, einen Ausweg aus der drohenden Katastrophe zu finden. Als die Regierung Merkel die deutschen Häftlinge zwar nach Wien fliegen ließ (gar nicht erst recherchieren, alles rein fiktiv), aber nicht wirklich austauschen wollte.

War sie ein „Maulwurf“?: Celia Harrison (Thandiwe Newton).

War sie ein „Maulwurf“?: Celia Harrison (Thandiwe Newton).

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Und als am Ende nur ein brandgefährlicher Rettungsweg übrig blieb. Der dann durch ein völlig unerwartetes Detail, dem ein verräterischer „Anruf“ zugrunde liegen musste, versperrt war. Und es gibt Rückblenden, die noch einmal zwölf Jahre weiter zurückreichen – zu Pelhams Geheimdienstanfängen in Moskau, als er einen braven tschetschenischen Bäcker gewann, um Einblicke in die Separatistenszene zu erhalten.

Ein altmodischer Spionagethriller von Le-Carré-Format

Der herrlich altmodisch elegante Thriller hat durchaus Le-Carré-Klasse, es ist der doppelte Boden eines privaten und patriotischen Verrats, der den Zuschauer am Bildschirm hält. In leider allzu schmalen Nebenrollen sind Laurence Fishburne als hartgesottener CIA-Chef des Wiener Büros und „Game of Thrones“-Star Jonathan Pryce als das ebenfalls verdächtige Agentenalteisen Bill Compton zu sehen (parallel spielt Pryce derzeit eine ähnliche Rolle in der Apple TV+-Serie „Slow Horses“).

Aber es sind Newton und Pine, die hier auf Liebe und Tod agieren und dabei allerbestes Schauspiel bieten. Die alten Messer (Originaltitel des Films: „All the Old Knives“) sind gewetzt, man glaubt förmlich, die Uhr ticken zu hören, so wie einst in Fred Zinnemans Edelwestern „12 Uhr mittags“ (1952). Und, ja, natürlich gibt es einen Twist, das neue Licht, in dem alles erscheinen muss, damit die Thrillerfans wohlig seufzen. Und aus der romantisch-tödlichen Kerzenscheinbefragung wird natürlich ein Duell der Profis.

PS: Erinnert wird in diesem Film noch an ein anderes tatsächlich geschehenes Desaster bei der Bekämpfung von Terroristen – als der russische Inlandsgeheimdienst im Oktober 2002 das Moskauer Dubrowka-Theater stürmte, nachdem zuvor eine Chemikalie ins Lüftungssystem des Musicalhauses eingeleitet wurde. Von den 130 toten Geiseln gingen fünf auf das Konto der Angreifer, die restlichen starben im Gas des FSB. Schon dieser Einsatz machte deutlich, was auch jetzt die unglaublich menschenverachtenden russischen Angriffe im Krieg in der Ukraine zutage treten lassen – dass ein Leben, und sei es das eines Russen oder einer Russin, im System Putin nichts zählt.

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„Der Anruf“, Film, 101 Minuten, Regie: Janus Metz Pedersen, mit Thandiwe Newton, Chris Pine, Laurence Fishburne, Jonathan Pryce (streambar bei Amazon Prime Video)

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