TV-Kritik

„Barcelona-Krimi“: ein Tag wie ein Kaugummi

Ermittlungen in Barcelona: Kommissar Xavi Bonet (Clemens Schick) und seine Kollegin Fina Valent (Anne Schäfer) im Einsatz.

Ermittlungen in Barcelona: Kommissar Xavi Bonet (Clemens Schick) und seine Kollegin Fina Valent (Anne Schäfer) im Einsatz.

Deutsche TV-Krimis sind das tägliche Brot der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. „Tatort“ und „Polizeiruf 110″ sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. So gibt es gefühlt kaum eine mittlere Großstadt, der man noch keine Fernseh-Soko spendiert hätte, kaum eine blühende deutsche Landschaft, die vom Schwarzwald über das Erzgebirge bis nach Friesland nicht schon zum Kriminalitätsschwerpunkt erklärt worden wäre. Und wem das noch nicht reicht, für den ist die Wasserschutzpolizei im Einsatz.

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Und doch ist selbst das noch nicht alles, was an Mord und Totschlag geboten wird. Längst hat der deutsche Krimi auch noch halb Europa eingemeindet, und man gibt sich als Schweizer, Österreicher, Südtiroler, Italiener, Ire, Portugiese und seit 2017 mit dem „Barcelona-Krimi“ auch als Spanier aus. So viel Chuzpe nehmen sich selbst die Krimigroßmeister in Hollywood oder bei der BBC nicht heraus. Jedenfalls fällt einem keine amerikanische oder britische Krimiserie ein, die sich erdreisten würde, den Deutschen zu zeigen, wie man deutsche Krimis mit deutschen Ermittlern macht.

Anderthalb Stunden wie ein Kammerspiel

Nun ja, das Rezept scheint aufzugehen für ARD und ZDF, sonst würde man wohl kaum immer noch nachlegen, und wahrscheinlich ist selbst ein Andorra-Krimi längst in der Mache. Bleiben wir aber beim „Barcelona-Krimi“, der immer wieder exzellente Quoten einfängt. Mit „Der längste Tag“ geben Clemens Schick und Anne Schäfer zum fünften Mal die beiden spanischen Mordermittler Xavi Bonet und Fina Valent.

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Mehrere Jungen sind verschwunden, aber erst als die Leiche des kleinen Naldo gefunden wird, laufen die Ermittlungen an. Als dann mit Mateo ein weiterer Junge wie vom Erdboden verschluckt scheint, verfolgt dessen Schicksal Bonet nicht nur in Tagträumen, sondern auch im Schlaf. Der Kommissar aber glaubt längst zu wissen, wer der Täter ist: der Apotheker Victor Toura (Bernard Schütz), der Naldos Leiche gefunden hatte.

Neben ein paar wenigen, wenn auch imposanten Totalen der katalanischen Hauptstadt entwickelt sich nun über fast anderthalb Stunden ein beinahe kammerspielartiges gegenseitiges Austesten zwischen Bonet und dem Apotheker, der schnell versteht, dass man ihn nicht als Zeugen, sondern als Tatverdächtigen vorgeladen hat.

Der Krimi zieht sich wie Kaugummi

Man ahnt, was der schwedischen Regisseurin Carolina Hellsgard vorgeschwebt haben muss: ein nervenzerfetzendes, faszinierendes Psychoduell, wie es sich einst in „Das Mädchen und der Kommissar“ zwischen Michel Piccoli und Romy Schneider oder noch mehr in Claude Millers in einer einzigen Nacht spielendem Meisterwerk „Das Verhör“ zwischen Lino Ventura und Michel Serrault entspann.

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Davon aber sind Schick und Schütz so weit entfernt wie Barcelona von der Milchstraße. Nicht, dass das Geplänkel der beiden Kontrahenten nicht auch an den Nerven zerren würde. Das aber nun mal nur, weil „Der längste Tag“ einfach nicht enden will und sich wie ein Kaugummi zieht.

Immer derselbe Gesichtsausdruck

So mäandert das vermeintliche Duell über nahezu die gesamten 90 Minuten im selben Tempo vor sich hin, zumal man den Täter ja längst kennt, müsste Schicks Bonet doch sonst ganz schön dumm aus der betont lässigen Wäsche gucken. Tatsächlich hätte der einstige Bond-Bösewicht („Casino Royale“), dem man seine 50 Jahre wahrlich nicht ansieht, zumindest optisch das Zeug zum deutschen Jared Leto.

Sein Spiel mit nahezu immer demselben Gesichtsausdruck irgendwo im Minenfeld zwischen Abscheu und Verzweiflung und dem für das Method Acting typischen, bisweilen nur schwer zu verstehenden Gemurmel, das ganze Silben verschluckt, macht diesen Kommissar aber bloß zum Ritter von der traurigen Gestalt. Dass Anne Schäfer ihm dabei nicht mehr sein darf als eine Stichwortgeberin, passt da ins Bild eines Krimis, der in Buxtehude oder Bottrop besser verortet gewesen wäre als in der Weltstadt Barcelona.

„Barcelona-Krimi: Der längste Tag“, ARD, 5. Mai, 20.15 Uhr, mit Clemens Schick und Anne Schäfer

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