Zweite Chance für gefallene Agenten

Der Spion, der in die Kälte kam: die Agentenserie „Slow Horses“ bei Apple TV+

Der Chef und sein rangerster Underdog: Jackson Lamb (Gay Oldman, links) leitet das „slough house“ des MI 5, River Cartwright (Jack Lowden) hat eine Trainingsmission versemmelt – Szene aus der Agentenserie „Slow Horses“.

Der Chef und sein rangerster Underdog: Jackson Lamb (Gay Oldman, links) leitet das „slough house“ des MI 5, River Cartwright (Jack Lowden) hat eine Trainingsmission versemmelt – Szene aus der Agentenserie „Slow Horses“.

Ein Apfel kullert übers Rollfeld. Nein, da war kein Sprengsatz in der Tasche des Verdächtigen. Der eigentliche vermutliche Attentäter spaziert noch mit seinem todbringenden Rucksack übers Flughafengelände. Aber, hey, River Cartwright (Jack Lowden) gibt – nicht autorisiert von seinen Vorgesetzten – den James Bond.

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Ein hervorragender Sprinter, schnell, ausdauernd, ziemlich grob freilich im Umgang mit den ihm im Weg stehenden Fluggästen auf den Rolltreppen und in den Korridoren zu den Terminals. Er schubst und rempelt, hält rennend seinen MI-5-Ausweis hoch, brüllt „Aus dem Weg! Aus dem Weg!“ und irgendwann, nachdem er einen allzu dienstbeflissenen Polizisten aufs Kreuz gelegt hat, merkt auch „das Ziel“, dass es verfolgt wird. Aus der Zentrale heraus, wo Cartwrights Chefin Diana Taverner, genannt Lady Di (Kristin Scott Thomas), alles überwacht, kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr eingegriffen werden. Als sich Cartwright und der Terrorist an einem Bahnsteig auf Distanz gegenüberstehen, zündet der seine Bombe.

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„49 Tote, 212 Verletzte, drei Millionen Pfund Sachschaden“, listet Jackson Lamb (Gary Oldman) dem neuen Mitglied seiner Mannschaft das Resultat seines Versagens mit unverhohlenem Vergnügen auf. Dass es nur eine Trainingsmission gewesen sei, verteidigt sich Cartwright, dass in Wahrheit ja gar nichts passiert sei.

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Die Versager sollen zur Kündigung getrieben werden

Im „Slough House“ („slough“ heißt Sumpf oder Drecksloch) ist er trotzdem gelandet, dem Abstellplatz für unfähige und gescheiterte Brit-Agenten, denen Boss Lamb so lange am Zeug flickt, bis sie hoffentlich kündigen. Das zu befeuern, helfen auch unwürdige Arbeiten. Cartwright, der Spion, der in die Kälte kam, muss stinkende Mülltonnen nach keine Ahnung, was, durchsuchen. Und sich von Lamb als „outstanding fuck-up“ des Ladens titulieren lassen, als „Versager der Versager“. Danke für nichts.

Die Welt ist böse, Feind wie Freund. Das muss River Cartwright auf einem seiner Botengänge im vornehmen MI-5-Sitz Regent’s Park erfahren, als der junge Kollege und Karrierist, dessen falsche Information an Cartwright zu dem Flughafenfiasko führte, der den Fehler aber nicht eingestand, auch noch in seinen Wunden herumstochert. Ein blonder Bleichling mit gegelter Draco-Malfoy-Frisur hält Cartwright vor, seinem Großvater, einer MI-5-Legende, Schande bereitet zu haben – Jonathan Pryce aus „Game of Thrones“ erinnert im Cardigan-Outfit an John Le Carrés legendären Agenten George Smiley.

Der bräsige Schnüfflerchef ist eine Paraderolle für Gary Oldman

Cartwrights Allianz mit der bei Lamb in dezent besserem Leumund stehenden Sid Baker („Bates Motel“-Star Olivia Cooke) zumindest ist eine gute Wahl. Die junge Frau ist anders als die anderen. „Dass du hier bist, macht keinen Sinn“, sagt Cartwright. Recht soll er haben. Cooke ist superb – neben Oldman und Scott Thomas als cooler Geheimdienstchefin ist sie für eine Weile die Szenendiebin dieser Serie.

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Für Oldman ist der bräsige, alte Schnüfflerchef Lamb, der raucht, hustet, säuft, flucht, beleidigt, in schäbigen Klamotten steckt und aus einer reinigungsbedürftigen Brille unter der nikotinbraunen Jalousie auf die Straße im Londoner Viertel Finsbury lugt, eine Paraderolle. Der Herr der Demütigung aus der Feder von Mick Herron ist aber keineswegs der Protagonist in einer Spionageversion von „The Office“, auch wenn die erste Folge der Stoff ist, aus dem Komödien sind („Veep“-Autor Will Smith schrieb das Drehbuch).

Die Serie hat Witz, ist aber ein höchst dramatischer Thriller

Vielmehr wartet hier eine Gruppe Menschen, die durch unglückliche Umstände oder auch Intrigen aufs Abstellgleis geschoben wurde, auf die zweite Chance. Und das Publikum auf einen feinen Thriller nach einer Vorlage dieses Autors, der immer mal wieder „der neue John Le Carré“ genannt wird. Als die „slow horses“, die „lahmen Gäule“, mehr zufällig in den Fall eines entführten pakistanischstämmigen Stand-up-Comedians (Antonio Aakeel) hineingeraten, sieht auch Lamb, der natürlich ein großartiger „alter Kaltkriegshase“ ist, die Chance der Bewährung. Der Entführte, Hassan Ahmed aus Birmingham soll vor laufender Kamera enthauptet werden, was es zu verhindern gilt. Und etwas ist zutiefst rätselhaft an diesem Opfer.

Mit dem durchgeknallten Hacker Roddy Ho (Christopher Chung), Min Harper, der Geheimdokumente in der U‑Bahn liegen ließ (Dustin Demri-Burns), der stillen Louisa Guy (Rosalind Eleazar) und Lambs alkoholkranker rechter Hand Catherine Standish (Saskia Reeves) ist auch in den Nebenfiguren ein exzellentes Ensemble auf dem Bildschirm unterwegs, das Smith und Regisseur James Hawes („Penny Dreadful“) ihrem Publikum unter die Haut und zu Herzen gehen lassen. Ähnlich ergeht es Lamb. Dass sie „fucking loser“ seien, räumt er im Gespräch mit Taverner ein, aber sie seien „meine fucking loser“.

Wie es sich fürs Genre gehört: Nichts ist, wie es scheint

Ihr Gegner ist offenbar eine rechtsextremistische Terrorgruppe, die an ihrem Gefangenen ein Exempel statuieren will. Das Erstarken des Faschismus in Europa ist vordergründig Thema dieses cleveren, komplexen und höchst spannenden Dramas. In dem dann aber, wie es sich für einen exquisiten Spionagethriller gehört, nichts ist wie es scheint, doppelte und dreifache Böden entdeckt werden, alles immer mysteriöser gerät – bis zu einem Finale, das ebenso furios ist wie der atemlose Prolog. Weitere Staffeln? Unbedingt!

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Stoff gibt es mehr als genug. Bislang elf Jackson-Lamb-Storys hat Mick Herron geschrieben, vier davon wurden ins Deutsche übersetzt. Ein Fan ist auch Mick Jagger, der das Anti-James-Bond-Flair der Bücher so sehr schätzte, dass er auf Anfrage den Titelsong zur Serie geschrieben hat. „Strange Game“ ist ein dunkler Kurt-Weill-Blues, ein Anti-Bond-Song – nicht minder cool als Billie Eilishs jüngst oscargekürtes „No Time to Die“.

„Slow Horses“, erste Staffel, sechs Episoden, mit Jack Lowden, Gary Oldman, Olivia Cooke (streambar bei Apple TV+)

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