Deshalb ist die „Charité“ ein TV-Glücksfall

Szene aus der historischen Krankenhaus-Serie „Charité in der ARD: Ida (Alicia von Rittberg, l.) wird als Patientin an der „Charité“ operiert und trifft auf Mediziner wie Rudolf Virchow (Ernst Stötzner, r.).

Szene aus der historischen Krankenhaus-Serie „Charité in der ARD: Ida (Alicia von Rittberg, l.) wird als Patientin an der „Charité“ operiert und trifft auf Mediziner wie Rudolf Virchow (Ernst Stötzner, r.).

Berlin. Bazillen? Bakterien? Unsichtbare Tierchen, die Krankheiten auslösen? Papperlapapp! Krankheiten sind Prüfungen des Herrn. „Schmerz und Leid lassen die Seele wachsen zu Gott!“, wettert die strenggläubige Oberschwester. Für sie gibt es im Jahr 1888 kein Leid auf Erden, das nicht mit kalten Leibwickeln und warmen Gebeten gelindert werden könnte. Amen.

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Gerade hat sich mit letzter Kraft die mittellose Waise Ida Lenze (Alicia von Rittberg) in die Klinik geschleppt, wimmernd und stöhnend. Blinddarmentzündung. Damals praktisch ein Todesurteil. Doch Ida überlebt – und ist fortan Dreh- und Angelpunkt der sechsteiligen ARD-Serie „Charité“. Die gehört zum Besten, was das deutsche Serienfernsehen in letzter Zeit zustande gebracht hat. Bilder wie Gemälde, gedreht mit einem starken Ensemble in 61 Tagen in Prag unter der Regie von Sönke Wortmann. Ein TV-Glücksfall.

Die Story: Im Dreikaiserjahr 1888 ist die Berliner Renommierklinik ein Spiegelbild der inneren Widersprüche des Deutschen Reichs. Aufklärerische Forschung kollidiert mit mittelalterlichem Gottvertrauen, männliche Machtstrukturen und preußische Untertänigkeit mit dem erblühenden Aufbruchsgeist rebellischer Frauen und Proletarier. Gleich vier weltberühmte Ärzte – Robert Koch, Emil Behring (noch ohne „von“), Paul Ehrlich und Rudolf Virchow – haben die Charité zur global anerkannten Keimzelle der modernen Medizin gemacht. Aber die späteren Nobelpreisträger kämpfen mit politischen Intrigen, katastrophaler Hygiene und ihrem eigenen Ehrgeiz. Und dann verlangt der junge und nicht besonders helle Kaiser Wilhelm II. auch noch Unmögliches: Robert Koch (Justus von Dohnányi) soll beim Medizinerkongress 1890 die Franzosen ausstechen – mit einem Tuberkulose-Impfstoff. Im Erfolgsfall gibt’s anschließend ein eigenes Institut. Der Bakteriologe verzweifelt fast, stürzt sich in eine – verbürgte – Affäre mit der koketten Varietékünstlerin Hedwig Freiberg (Emilia Schüle). Da weht ein Hauch von „Professor Unrat“ durch die ARD.

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„Charité“ ist keine Soap mit Nierenschale

Die dramaturgische Zweiteilung in „die da oben“ und „die da unten“ erinnert an „Downton Abbey“, die Elendsbilder an das BBC-Glanzstück „Call the Midwife“, die Melancholie an die Steven-Soderberg-Serie „The Knick“, die ebenfalls um 1900 in einer (allerdings fiktiven) Klinik spielt. Von den hyperaktiven Nonnen aus „Um Himmels Willen“ oder den spießig-seifigen Sachsenklinikärzten dagegen ist „Charité“ weit entfernt. Die Medizin dient hier nicht bloß als Folie für Reißbrettpathos und Liebeleien. „Charité“ ist keine Soap mit Nierenschale, sie interessiert sich tatsächlich für ihr Sujet. Das Elend der Industrialisierung, das Murren der Ausgebeuteten, die monarchischen Beharrungskräfte, der aggressive Nationalismus – all das verbindet sich organisch zu einem eleganten Bilderbogen voller starker Charaktere. Erstaunlich, dass ein derart faszinierendes Stück Medizinalgeschichte erst jetzt den Weg ins Fernsehen fand – mal abgesehen von der DDR-Serie „Berühmte Ärzte der Charité“ aus den Achtzigerjahren.

Oft wirkt es steif und aufgesetzt, wenn historische Fakten und Fiktion verschmelzen. Nicht so in „Charité“. Behutsam, präzise und maßvoll komisch („Gönnen Sie sich mal wieder genügend Schlaf!“ – „Die Bakterien schlafen auch nicht!“ – „Die sind aber jünger als Sie und haben keine Ehefrau“) erzählt die Serie von einer Zeit im Umbruch: Ärzte entdecken gerade erst die Würde ihrer Patienten – und Frauen ihre Fähigkeiten und Partizipationswünsche.

Gelächter im Schwesternzimmer

Matthias Koeberlin spielt den bipolaren Emil Behring glaubwürdig und vielschichtig als hinter seiner Arroganz verschanzten, opiumsüchtigen Hochbegabten. Mit seinen Standesdünkeln hilft er lieber Besserverdienerkindern als armen Schluckern. Ernst Stötzner ist als Chefpathologe Rudolf Virchow die pastoral wirkende graue Eminenz, quasi das großväterliche gute Gewissen zwischen all den jungen Aufschneidern. Die Rolle des jugendlichen Hoffnungsträgers erfüllt Maximilian Mayer-Bretschneider, der als Student Georg Tischendorf mit Ida anbändelt, mit Leichtigkeit. Die hat große Pläne. „Man müsste selber Arzt sein!“, sagt sie. Gelächter im Schwesternzimmer. Ärztin. Als Frau. Absurd.

Nicht nur hierarchisch, auch hygienisch ging es um die Wende zum 20. Jahrhundert in Krankenhäusern noch fast mittelalterlich zu. Ein Plumpsklo für 20 Patienten. Keine Elektrizität. Kein fließendes Wasser. Operationen im Hörsaal bei Gaslicht oder Kerzenschein. Das nächstbeste Messer muss als Skalpell taugen. Röntgen, Blutransfusionen, Antibiotika – alles Zukunftsmusik. Weil die Menschen im Schnitt nur 35 Jahre alt wurden, waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs selten. Der Todfeind waren Infektionen. Zeitungen spekulierten damals, dass ihr Ausmerzen ewiges Leben bedeuten könnte.

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Was die Blutigkeit der Bilder angeht, lässt Wortmann Milde walten: Aufgeklappte Brustkörbe setzt er maßvoll ein. Sie dienen allein der Illustration der Zeit. Das männliche Personal ist überwiegend historisch verbürgt. Die weiblichen Figuren dagegen sind erfunden. Über die echten Heldinnen der Zeit ist wenig bekannt – auch das ein Indiz für ihre Unterdrückung. Sicher ist: „Charité“ hat eine Fortsetzung unbedingt verdient. Aus der prallen Ära von Depeschen, Schlafburschen, Schwesternhauben, Fernsprechern, „Engelmachern“ und Gaslaternen gibt es noch unendlich viel zu erzählen.

Von Imre Grimm/RND

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