Zwischen Information und Propaganda

Die verzwickte Doppelrolle des Messengers Telegram

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzt Telegram für seine zahlreichen Videobotschaften – dieses Bild stammt aus einem der Clips.

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzt Telegram für seine zahlreichen Videobotschaften – dieses Bild stammt aus einem der Clips.

Hannover. Man hört nicht viel Gutes über Telegram – meistens zumindest. Miserable Sicherheitstechnik, Hochburg von Verschwörungserzählungen und Desinformation, Umschlagplatz für Drogen und gefälschte Impfausweise – und selbst Gewalttaten und Terroranschläge sollen über den umstrittenen Smartphone-Messenger schon geplant worden sein.

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2015 geriet Telegram erstmals in die Schlagzeilen, weil die Terrororganisation IS die Plattform nutzte, um auf dieser Mitglieder zu rekrutieren. So sollen während des Terroranschlags 2015 in Paris Propagandainhalte auf Telegram verbreitet worden sein. Der Attentäter des Anschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 verriet seine Pläne ebenfalls in Telegram-Chats. Später nutzten auch Rechtsextreme die Plattform: 2021 soll beispielsweise der Sturm auf das Kapitol in den USA unter anderem auf Telegram organisiert worden sein.

In Deutschland war der Messenger zuletzt besonders häufig in den Schlagzeilen, weil dieser von der radikalen „Querdenker“-Bewegung für ihre Desinformationen genutzt wird. Der frühere Popstar Xavier Naidoo und Vegankoch Attila Hildmann waren die ersten, die kurz nach Beginn der Corona-Pandemie über Telegram ihre Lügen verbreiteten – hunderte fragwürdige Aktivisten und Aktivistinnen sowie zigtausende Anhänger folgten. Inzwischen ist Telegram unangefochtener Hort der Hetze gegen Wissenschaftler, Medienschaffende und Politikerinnen.

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In der Politik war zuletzt gar über ein Verbot der Plattform diskutiert worden. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte ein solches in die Diskussion gebracht, distanzierte sich jedoch später wieder davon. Sie habe nur den Druck auf die Plattform erhöhen wollen, deren Betreiber für den Gesetzgeber nur schwer greifbar sind. Die Firma hinter Telegram sitzt in Dubai – und die Gründer des Messengers haben traditionell überhaupt keine Lust auf Kooperation mit Behörden jeder Art.

Wichtiges Kommunikationsmittel in der Ukraine

Was für den deutschen Rechtsstaat ziemlich unangenehm sein mag, dürfte am anderen Ende Europas derzeit ganz anders bewertet werden. Insbesondere jetzt im Ukraine-Krieg spielt der Messenger Telegram eine Rolle wie kaum eine andere Social-Media-Plattform. Und das mag auch mit dem Rebellentum seiner Gründer zu tun haben – und ihren Vorstellungen von Freiheit im Netz.

Sowohl in Russland als auch in der Ukraine hat sich Telegram in den vergangenen Wochen zur wichtigsten Nachrichtenquelle überhaupt entwickelt. In den vergangenen drei Wochen kamen täglich durchschnittlich 2,5 Millionen neue Benutzer zu Telegram, heißt es vom Unternehmen – das entspricht einem Anstieg von etwa 25 Prozent gegenüber den Wochen zuvor.

Ein inzwischen gewohntes Bild für Telegram-Nutzerinnen und Nutzer: Präsident Wolodymyr Selenskyj während einer Ansprache aus seinem Büro.

Ein inzwischen gewohntes Bild für Telegram-Nutzerinnen und Nutzer: Präsident Wolodymyr Selenskyj während einer Ansprache aus seinem Büro.

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In der Ukraine sendet Präsident Selenskyj täglich Updates in seine Gruppe – 1,5 Millionen Menschen folgen ihm dort. Ukrainerinnen und Ukrainer tauschen sich über den Messenger derweil über die aktuellen Entwicklungen aus. Einwohner und Flüchtende berichten, dass sie über Telegram deutlich schneller über Angriffe informiert würden als über klassische Nachrichtenquellen – Telegram ist zu einem unverzichtbaren, vielleicht sogar überlebenswichtigen Werkzeug geworden.

Letzte Plattform für unabhängige Informationen

In Russland hingegen ist Telegram inzwischen eine der letzten Plattformen, über die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch unabhängige Informationen abrufen können. Facebook, Twitter, Instagram und Tiktok sind in dem Land inzwischen blockiert, die klassischen Medien senden Propaganda aus dem Kreml, ein neues Zensurgesetz erschwert zudem die Berichterstattung ausländischer Medien.

Der Aufschwung von Telegram ist da nicht überraschend. Seit jeher positioniert sich die Plattform als unabhängig von allen möglichen staatlichen Organisationen, eine Zusammenarbeit mit Behörden wird konsequent abgelehnt. Auf Telegram herrscht nahezu grenzenlose Redefreiheit – so auch für Bürgerinnen und Bürger in Kriegsgebieten oder Staaten, die von Zensur betroffen sind. Schon bei früheren Widerstandsbewegungen spielte der Messenger eine große Rolle – sein Image als sicherer Hafen hat er sich über Jahre hinweg erarbeitet. Selbstverständlich verbreitete auch Arnold Schwarzenegger daher seine vielbeachtete Ansprache ans russische Volk vergangene Woche über Telegram.

Auch der Schauspieler Arnold Schwarzenegger sendet seine Botschaften über den Messenger Telegram.

Auch der Schauspieler Arnold Schwarzenegger sendet seine Botschaften über den Messenger Telegram.

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Auch dem russischen Staat ist es bislang nicht gelungen, gegen den Messenger vorzugehen. 2018, als sich Telegram weigerte, den russischen Behörden nach dem Terrorangriff in Sankt Petersburg die Nachschlüssel zur Datenentschlüsselung der privaten Chats zu übergeben, brachte die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor eine Blockade Telegrams auf den Weg – mit unangenehmen Folgen. Die raffinierten Entwickler des Messengers begannen, ständig die IP-Adressen ihres Dienstes zu wechseln – und führten die Behörden dabei wochenlang an der Nase herum.

Katz- und Mausspiel mit dem Staat

Weil die Betreiber bei ihrem Katz-und-Maus-Spiel auch externe Clouddienste von Amazon und Google nutzten, blockierten die russischen Behörden beim radikalen Sperren von IP-Adressen auch zahlreiche ihrer eigenen Dienste – darunter etwa die staatliche Videoagentur Ruptly und viele weitere wichtige russische Websites. Die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor sperrte zeitweise sogar Teile ihrer eigenen Seite. Dies führte in der russischen Wirtschaft laut Berichten der unabhängigen Nachrichtenseiten „Meduza“ zu Verlusten in Milliardenhöhe.

Telegram selbst verzeichnete nach eigenen Angaben derweil kaum einen Nutzerrückgang – eher eine Zunahme. Die Blockaden des Staates seien von Nutzerinnen und Nutzern einfach durch verschlüsselte VPN-Verbindungen oder Proxyserver umgangen worden – letztere Funktion ist im Messenger selbst implementiert, sodass er auch in blockierten Ländern genutzt werden kann. Der Leiter der russischen Behörde Alexander Scharow nannte dies damals einen „Rüstungswettlauf“ mit den Entwicklern des Messengers. Im Juni 2020 gab sich die Medienaufsicht schließlich geschlagen – die Versuche, Telegram in Russland zu blockieren wurden endgültig eingestellt.

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Warum der Messenger sich so sehr gegen staatliche Vorgaben sträubt, hängt auch mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Die Brüder Nikolai und Pavel Durov hatten Telegram 2013 gegründet, weil Pavel Durov nach eigener Aussage mit den russischen Sicherheitsbehörden aneinandergeraten war.

Eine Heldengeschichte mit vielen Fragezeichen

Durov war seinerzeit Betreiber des russischen Facebook-Klons VKontakte. 2013 habe der russische Geheimdienst FSB verlangt, privaten Daten der ukrainischen VK-Nutzer und Nutzerinnen zur Verfügung zu stellen, die gegen den prorussischen Präsidenten protestiert hatten. Durov weigerte sich. Stattdessen verkaufte er nach eigenen Angaben seinen Anteil an der Firma und floh aus dem Land. Inzwischen lebt und arbeitet Durov aus Dubai – und betreibt Telegram als kleinen Racheakt an den russischen Staat.

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All das klingt nach einer ziemlich perfekten Heldengeschichte: Gewitzte Entwickler, die gegen einen riesigen staatlichen Zensurapparat für die Freiheit kämpfen. In Wirklichkeit ist das Konstrukt Telegram aber ein bisschen komplizierter. Beispielsweise ist völlig unklar, ob die russischen Behörden tatsächlich einfach aufgegeben haben. Gemunkelt wird auch, dass es möglicherweise einen Deal zwischen der Regierung und den Betreibern gegeben haben könnte – Telegram selbst hat das weder dementiert noch bestätigt.

Auch Durovs Verbindungen zum Kreml sind ziemlich undurchsichtig. 2013 berichtete die russische Zeitung „Novaya Gazeta“ etwa über Treffen zwischen Durov und Vladislav Surkov, dem damaligen stellvertretenden Stabschef des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Vorwurf: Durov soll eben doch angeforderte Benutzerinformationen an die Behörden weitergegeben haben. Der Telegram-Gründer selbst bestritt die Behauptungen, gab aber später zu, Surkov durchaus mehrmals getroffen zu haben.

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Durov droht mit Einschränkungen

Auch im Ukraine-Krieg spielte die undurchsichtige Haltung des Telegram-Gründers eine Rolle. Zu Beginn des Krieges wurden Befürchtungen laut, ob Telegram denn überhaupt ein sicheres Kommunikationsmittel für Ukrainerinnen und Ukrainer sein könne, schließlich sei die Verschlüsselungstechnik von Telegram schlecht und Durov zudem Russe. Dieser bekräftigte daraufhin in einem Beitrag noch einmal die Geschichte seiner eigenen Flucht aus Russland und seine Verbindungen zur Ukraine – seine eigene Mutter stammt aus Kiew. „Ich stehe für unsere Nutzer ein, egal was passiert. Jetzt – mehr denn je“, betonte Durov in dem Beitrag.

Schon zuvor hatten andere Aussagen Durovs für viel Kritik gesorgt. Am 28. Februar hatte der Telegram-Gründer öffentlich darüber nachgedacht, seine Plattform sowohl in Russland als auch in der Ukraine einzuschränken. Grund dafür sei die Sorge, Telegram könne „zunehmend zu einer Quelle unbestätigter Informationen“ werden. Für seine Überlegungen wurde der Telegram-Gründer massiv kritisiert, sodass er später einen Rückzieher machte.

Und dann wäre da auch noch der Umstand, dass Telegrams Definition von Netzfreiheit natürlich nicht nur für Privatpersonen gilt – sondern auch für alle möglichen dubiosen Gruppen und sogar diktatorische Staaten. Auf der Plattform darf selbstverständlich auch der Kreml ungestört Propaganda verbreiten – und Telegram macht, im Gegensatz zu etwa Facebook, keine Anstalten, das zu unterbinden.

Putin-Propaganda auf Telegram

Auch das mag ein Grund sein, warum bislang keine neuen Versuche unternommen wurden, den Messenger in Russland zu sperren – er ist für den Kreml viel zu wichtig. So haben zahlreiche Pro-Putin-Kanäle auf Telegram ihrem Namen ein „Z“ hinzugefügt – das gleiche Zeichen, das auch auf russischen Militärfahrzeugen zu sehen ist. In ihren Kanälen verbreiten sie Fehlinformationen am laufenden Band und weltweit. Der stellvertretende Premierminister Dmitry Chernyshenko warb ab 6. März auf dem offiziellen Telegram-Kanal der russischen Regierung sogar dafür, dass Regierungsbehörden Konten bei Telegram und VKontakte nutzen sollen.

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Nur eine Maßnahme hat Telegram inzwischen umgesetzt: Die Kanäle der russischen Staatsmedien Sputnik und Russia Today wurden im Zuge der Sanktionen gegen Russland zumindest in Europa auf der Plattform ausgeblendet.

Die Rolle des Messengers bleibt also eine fragwürdige und zwiespältige. Für Ukrainer und Russen mag die Plattform in diesen Tagen ein Segen sein. Für die Propagandamaschinen dieser Welt aber auch.

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