Jubiläum eines TV-Klassikers

Die vier von der Ranch – 60 Jahre „Bonanza“ in Deutschland

Helden aus glorreichen TV-Tagen: Die Cartwrights – (v. l.) Adam (Pernell Roberts), Little Joe (Michael Landon), „Pa“ Ben (Lorne Greene), Eric Hoss Cartwright (Dan Blocker) kämpften für Recht und Gesetz in der Serie „Bonanza“.  Foto: NBC

Helden aus glorreichen TV-Tagen: Die Cartwrights – (v. l.) Adam (Pernell Roberts), Little Joe (Michael Landon), „Pa“ Ben (Lorne Greene), Eric Hoss Cartwright (Dan Blocker) kämpften für Recht und Gesetz in der Serie „Bonanza“. Foto: NBC

Bei Widerspruch Blei! Räumungsbescheide wurden im Nevada der frühen 1860er-Jahre noch brutaler zugestellt als selbst zu Zeiten von Präsident George W. Bush. Der Farmer Andy Logan wird erschossen, seine Witwe Mary muss bis Einbruch der Nacht verschwunden sein, sonst gnade ihr Gott. Gott sei Dank haben die Cartwrights die Schüsse gehört, unsere Sonntagnachmittagshelden, die zur rechten Zeit aus irgendwelchen Gründen gerade in Komplettbesetzung auf Ausritt waren.

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Binnen 45 Minuten geboten die Cartwrights allem Unrecht Einhalt

Man konnte sich – zu Salzletten und Limonade vorm Schwarz-Weiß-Fernseher – sicher sein, dass die vier von der Ranch diesem mörderischen Spekulantentum in dem Territorium, das während der 431 Folgen von „Bonanza“ zum 36. Bundesstaat wurde, binnen etwa 45 Minuten Episodendauer Einhalt gebieten würden. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörte „Bonanza“ in der alten Bundesrepublik zum Wochenende wie der selbst gebackene Kuchen, das Autowaschen und das samstägliche Bad.

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Eine Mama Cartwright gab es nicht – der Patriarch war dreifacher Witwer

Die ganze Familie sah dann zu, wie Familie im Wilden Westen lief. Mit „Bonanza“ aus dem US‑Haus NBC begann am 13. Oktober 1962 in der ARD (später im ZDF, das damals noch nicht auf Sendung war) eine Serie, in der ausnahmsweise mal nicht ein Sheriff, Marshal oder „lonesome cowboy“ im Mittelpunkt stand. Da die Macher um Serienschöpfer David Dortort sich Frauen in dauerhaften Western-Hauptrollen offenbar nicht vorstellen konnten und es damals zuhauf starke Mütter in TV‑Serien anderer Genres gab, wurde der Familienvorstand Ben (Lorne Greene) kurzerhand zum dreifach Verwitweten erklärt.

Wäre dieses serielle Ableben von gleich drei Gemahlinnen in gegenwärtigen Serien unweigerlich verbunden mit einem sinistren Geheimnis, so hatte der grundanständige Ben einfach nur Pech gehabt mit seinen Frauen – dabei immerhin das Glück im Unglück, mit drei prachtvollen, loyalen Söhnen gesegnet zu sein.

Unterschiedliche Brüder, gemeinsam gegen Diskriminierung

Als da waren: Adam (Pernell Roberts), der Älteste, ein Architekt, der das Ranchhaus geplant hatte, der die Stimme der Vernunft unter den Söhnen war, ein cooles dunkles Outfit bevorzugte und seine Duelle mit Fäusten und faszinierenden judoartigen Tricks abzuarbeiten wusste (statt vorschnell den Colt rauchen zu lassen). Eric (Dan Blocker), Zweitname „Hoss“ (schwedisch, Bedeutung „groß und freundlich“), war ein Zweimetermann mit dem leutseligen, vermittelnden Gemüt. Bei der Knochenarbeit, das Land zu kultivieren, war Hoss ob seiner Muskeln und Pranken unersetzlich. „Musst ein reiches Mädchen heiraten“, zeigte er seinem der Arbeit eher abholden Halbbrüderchen, dem Womanizer und Heißsporn Little Joe (Michael Landon) einen möglichen Ausweg aus der Alltagsfron auf der Ponderosa.

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Der sich Adam mit der Arroganz des einzigen Uniabsolventen der Familie entzog: „Ich verwende mein Hirn, nicht meine Hände“, beschied er die Jüngeren mit einem Grinsen. Den Bedrängten in Virginia City, darunter Juden und Asiaten, den Ureinwohnern vom Stamm der Paiute und – es war auch die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs – den Schwarzen standen sie indes stets gemeinsam bei. „Bonanza“ war eine Inklusionsserie, die Cartwrights waren gegen Diskriminierung jeder Art.

Die Kinder der Sechzigerjahre spielten in den Wiesen „Bonanza“

Das Gute färbte auf die Zuschauer und Zuschauerinnen ab. Nachmittags nach der Schule spielte man als Kind „Bonanza“, preschte auf imaginären Pferden über die Wiesen hinterm Dorf, fühlte sich wie Adam oder Little Joe (seltener wie Hoss) und schmetterte dazu die gitarrene Erkennungsmelodie, eine der wohl prägnantesten Serienmusiken aller Zeiten.

Dass die Cartwrights eine empfindliche Stelle hatten – ihr Land – nahm man als selbstverständlich hin, auch wenn die nach einer Pinienart benannte Ranch 2600 Quadratkilometer umfasste, was einem Schafhirten, dem die Cartwrights den Durchzug seiner Herde gen Kalifornien verweigert hatten, zu der spitzen Bemerkung veranlasste, man könne auf dem Cartwrights-Gelände glatt einen eigenen Bundesstaat gründen. Kein Zentimeter Boden wurde geopfert, auch nicht, wenn irgendwelche alten spanischen Urkunden angeblich alternative Rechtsansprüche belegten.

Die Cartwrights galten 1962 als zu brutal, ihre Erben sind das wirklich

Der betulichen ARD war das gesellige Cowboyleben, das in den USA als Erwachsenenprogramm galt, damals zu brutal, „Bonanza“ wurde bereits nach 13 Folgen abgesetzt, worauf 1967 das ZDF beschloss, die „Schatz­grube“ (sinngemäße Übersetzung des Serientitels) für zehn Jahre auszubeuten. Das Echo von „Bonanza“ hallt bis heute nach, die Erben der Cartwrights sind allerdings superkapitalistisch und egomanisch – Unsympathen ersten Ranges.

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Kevin Costner ist in der Neowestern-Serie „Yellowstone“ seit 2018 der ebenfalls verwitwete, krebskranke und extrem hartgesottene Chef der Dutton-Familie, der vier von ihm emotional geschädigten Kindern – drei Söhnen und einer Tochter – vorsteht. Kaputte Helden versprechen einfach mehr Spannung, wenn sie ihr Eigentum (hier ungefähr 3200 Quadratkilometer) mit allerfiesesten Mitteln verteidigen. Der Erfolg gibt den Duttons recht. Am 13. November geht in Amerika die fünfte „Yellowstone“-Staffel an den Start.

Nie würden die Cartwrights ihren Cowboys Brandzeichen aufdrücken

Man mag die Cartwrights trotzdem lieber. Nie wäre es Pa Ben in den Sinn gekommen, seinen Cowboys dasselbe Brandzeichen aufzudrücken wie seinen Rindern. Entsprechend käme es Kindern, würden sie noch spielen wie in den Sechzigerjahren, nie in den Sinn, sich mit einem der Duttons zu identifizieren.

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Wer den Haushalt führte, während die Cartwrights für Recht und Gesetz kämpften? Hop Sing (Victor Sen Yung) war’s, der chinesische Hausangestellte der Cartwrights, der die Wäsche wusch, beim Flintenreinigen half und über die Küche der Ponderosa herrschte. Und der konnte mindestens so stocksauer wie die gestandenen Hausfrauen und Mütter aus 50er- (und 60er-)Jahre-Serien werden, wenn das liebevoll zubereitete Essen auf dem Tisch kalt wurde. Bloß wegen irgendwelchem blöden Hartmännerkram.

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„Bonanza“, Serie, 431 Folgen in 14 Staffeln von David Dortort, mit Lorne Greene, Michael Landon, Dan Blocker, Pernell Roberts (drei Staffeln bei Wow/Sky Go, alle 14 Staffeln einzeln oder auf 107 Discs in einer Komplett-DVD-Box)

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