Streamingkritik

„Friedliche Weihnachten“ bei Amazon: In Deutschland herrscht verlässlich Stress unterm Christbaum

"Friedliche Weihnachten" bei Amazon Prime: Hier herrscht verlässlich Stress unterm Christbaum.

"Friedliche Weihnachten" bei Amazon Prime: Hier herrscht verlässlich Stress unterm Christbaum.

Dafür, dass Weihnachten trotz aller Katastrophen als Fest der Liebe gilt, sind einige Weihnachtsfilme und -serien ganz schön auf Krawall gebürstet. Martina Gedeck und Heino Ferch zum Beispiel haben „Meine schöne Bescherung“ 2007 so geschreddert, dass die heillos zerstrittenen „Zwei Weihnachtsmänner“ Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst im Jahr darauf fast harmonisch daherkamen. So sehr wir uns besinnliche Feiertage wünschen: Wenn Deutsche sich wie zuletzt Luke Mockridge in „ÜberWeihnachten“ beim Kerzenschein zum Fest versammeln, herrscht verlässlich Stress unterm prächtigen Christbaum.

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Falls es denn einer ist … Im österreichischen Chalet der Familie Hansen nämlich entpuppt der Baum sich als Krüppelfichte mit Behelfsschmuck, den Familie Lewandowski mit billiger Bastelware dekorieren muss, weil die liierten Sprösslinge beider Sippen ihre Nordmanntanne inklusive Schmuck in Hamburg vergessen haben. Und das ist beileibe nicht das einzige Desaster der Prime-Serie „Friedliche Weihnachten“ (ab sofort streambar), mit der Amazon das Archiv zerstrittener Heiligabende um sechsmal 25 Minuten Chaos erweitert. Schließlich ist die festlich zusammengewürfelte Verwandtschaft wie Feuer und Wasser.

Der Plattenhändler wird als Orthopäde ausgegeben

Denn obwohl der elitäre Mediziner Dietrich (Uwe Ochsenknecht) für seine Tochter Johanna (Valerie Huber) ausschließlich Ärzte als Partner akzeptiert, stellt sie ihm den Plattenhändler Anton (Timur Bartels) als Orthopäden mit eigener Praxis vor – was nicht unbedingt dadurch glaubhafter wird, dass dessen Eltern Kalli (Matthias Komm) und Gisela (Elena Uhlig) Duisburger Möbelspediteure mit prolligem Dialekt auf der Zunge und polnischer Oma im Lkw sind.

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Alles angemessen durcheinander also für eine deutsch-deutsche Culture-Clash-Komödie, die Sebastian Sorger nach Drehbüchern von Julia Bachmann und Felix Bärwald komplett aus dem Setzbaukasten drolliger Klassenkollisionen dekoriert. Prof. Dr. Dr. Hansen verwechselt die robuste Verwandtschaft in spe daher gleich mal mit Dienstboten, wie überhaupt zwei Drittel der Scherze darauf beruhen, dass niemand irgendwen zu Wort kommen lässt, weshalb der Patriarch den Geflüchteten Djamal (Khalil Fahed Aassy) an der Haustür als Sternensänger begrüßt.

Anarchistin im spießbürgerlichen Stammpersonal

Mit viel Wohlwollen kann man über diese Art Feiertagsbespaßung sagen, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt und mit Esther Schweins als Johannas zugedröhnter Mutter, die ihrem Mann heimlich das Schachbrett umsortiert und am liebsten im Inhalt entleerter Staubsaugerbeutel kifft, eine ziemlich originelle Anarchistin im spießbürgerlichen Stammpersonal hat. Mit weniger Wohlwollen unterschreitet sie gar das Niveau der Achtziger um Jahrzehnte, als Serien wie die „Piefke-Saga“ bereits gehaltvoller mit soziokulturellen Klischees gespielt haben.

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Verglichen damit ist „Friedliche Weihnachten“ Ohnsorg-Theater in der Schwarzwaldklinik, wo das Standesbewusstsein der Wirtschaftswunderzeit weiterlebt, also fleißig Witze auf Kosten soziokulturell Benachteiligter gemacht werden oder Alkoholismus für Dutzende Pointen statt Millionen Tote sorgt. Und dieser Humor wird gewiss nicht durch Running Gags gehaltvoller, bei denen Horst Janson als dementer Weltkriegsveteran Schlachtschiffe bastelt, während sein Enkel die lebende Weihnachtsgans der Lewandowskis Mbappé tauft und vorm Beil der ulkigen Großmutter retten muss.

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Leutseliges Adventsentertainment

Wer all dies für drei Stunden leutseliges Adventsentertainment in Kauf nimmt, wird hingegen ganz gut unterhalten. Am Ende läuten schließlich – für einen Spoiler zu unvermeidlich – die Hochzeitsglocken, zuvor gibt es ulkige Blockflötenmusik, Küsse im Schnee, und selbst der totgeweihte Mbappé überlebt dieses Bescherungsgemetzel der konventionellen Art mit einem Lächeln auf dem Schnabel. Schön heile kaputte deutsch-deutsche Weihnachtswelt.

„Friedliche Weihnachten“ ist ab diesem Freitag (9. Dezember) bei Amazon Prime Video streambar.

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