TV-Kritik

Sozialdrama „Nur für Erwachsene“: weiblicher Blick aufs Geschäft mit den Pornos

Gemeinsam mit ihrem Mann Rich und ihren drei Kindern führt Hayley Burrows (Hayley Squires) ein bürgerliches Familienleben im Reihenhaus am Stadtrand. Ihr Geld verdient sie jedoch als Pornodarstellerin mit dem Künstlernahmen „Jolene Dollar“.

Gemeinsam mit ihrem Mann Rich und ihren drei Kindern führt Hayley Burrows (Hayley Squires) ein bürgerliches Familienleben im Reihenhaus am Stadtrand. Ihr Geld verdient sie jedoch als Pornodarstellerin mit dem Künstlernahmen „Jolene Dollar“.

Jolene Dollar kennt den Marktwert ihres Lächelns, doch natürlich weiß sie, dass dieses Lächeln höchstens Trinkgeld bringt – das gute Geld verdient sie erst, wenn sie ihr Dekolleté aufknöpft und wenn ihr Lächeln leicht verrutscht, wie es nur einer Frau passiert, die auf die schönste Weise Sterne sieht. Oder immerhin so tut, als sähe sie Sterne.

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So ein Fake, diese gezinkte Wahrheit, einen Orgasmus ins Gesicht zu zaubern, ohne eine Spur von Lust zu spüren, ist die Kunst, mit der sich Jolene Dollar in der Pornobranche einen Namen macht. Wenn der Name ausgedient hat und der Dreh im Kasten ist, heißt sie wieder Hayley Burrows, ist Mutter und Familienmensch. Mitunter geht sie, wenn die Kinder schlafen, noch mit ihrem Mann ins Bett, der sie ermahnt: Hayley, such nicht immer die Kamera!

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Hayley Squires erhielt Emmy für „Nur für Erwachsene“

Gespielt wird Jolene Dollar/Hayley Burrows von Hayley Squires, die für ihre Rolle im Vierteiler „Nur für Erwachsene“ den Emmy erhielt, den internationalen Preis für Fernseh- oder Streamingserien. Die britische Produktion schaut streng weiblich auf die Pornoindustrie. Gerade gab es in Schweden einen ähnlichen Spielfilm – auch „Pleasure“ (erschienen 2021) erzählt aus Frauensicht, wie Weiblichkeit unter die Räder kommt in einer männlich geführten Indus­trie. Da kann Jolene Dollar, Heldin des englischen Vierteilers, noch so tapfer sagen: „Dies ist die einzige Branche, in der Frauen mehr als Männer verdienen.“ Der Preis für Frauen ist zu hoch, das wird am Beispiel von Jolene durchdekliniert.

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Mit Augenklappe läuft sie durch die erste Folge, weil sie Chlamydien hat, so findet sie zu ihrer Rolle: Jolene wird zur Freibeuterin. Sie rückt die Dinge gerade in der Pornoindustrie, sie rüttelt an Strukturen, den Impuls kriegt sie von Amy (Siena Kelly), 19 Jahre, die frisch, jung und naiv ins Gewerbe rutscht. Amy kommt aus einem Waisenheim, was dramaturgisch zu dick aufgetragen wirkt, und doch ist nachvollziehbar, dass Jolene sich um das Mädchen kümmert. Gleich bei ihrem ersten Dreh erwartet man von ihr Analverkehr. Amy sträubt sich, doch eine moderat erhöhte Gage bricht den Widerstand. Die Erfahrung wird traumatisch, ohne dass die Serie rein visuell zu deutlich werden muss.

Keine expliziten Szenen

Nichts ist bei Regisseurin Dawn Shadforth zu sehen, was nicht auch am Vorabend erlaubt wäre. Mal eine nackte Brust, die sich Jolene nach Feierabend wiegt, um zu sehen, ob sie noch straff ist – weiter lässt sich diese Miniserie nicht locken, um keine falschen Adressaten einzuladen. Hier geht es nicht um visuell garnierte Geilheit, sondern um das Geld, das damit zu verdienen ist. Das steht in bester Tradition der britischen Sozial­dramen, deren Held Ken Loach bleibt, in dessen Siegerfilm aus Cannes, „I, Daniel Blake“, nicht zufällig auch Hayley Squires mitspielt, eine der besten englischen Charakterdarstellerinnen, die nun als Jolene Dollar auftritt.

Die junge Amy wird von Tom Pain, einem Kollegen, vergewaltigt, bevor der Dreh beginnt. Amy sticht ihm ein Messer in den Bauch. War es Notwehr oder eine Straftat? Jolene nimmt die Debatte zum Anlass, um sich in einer Talkshow auf Amys Seite zu schlagen und den Pornoproduzenten Carroll Quinn für all die Niedertracht der Pornobranche anzuklagen, die er für sie verkörpert. Quinn wird herrlich verkommen – zu langes Haar, zu grelle Mäntel – von Rupert Everett gespielt, der Jolene Dollar wegen Rufmords vor Gericht verklagt. Der Showdown bringt Jolene an eine Grenze zwischen dem beruflichen und dem privaten Leben, denn ihre Kinder sollen rausgehalten werden aus dem Job der Mutter.

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Auf der Seite der Frauen – ohne zu viel Moral

Diese visuell so elegante Serie, die sich erzählerisch mitunter sehr auf Schwarz und Weiß verlässt, auf Gut und Böse, findet einen Ton fürs Thema, der dem Glamour auf den Grund geht. Hier wird nicht zu sehr auf Moral gesetzt. Auch wenn sich Regisseurin Shadforth auf die Seite der Frauen schlägt, präsentiert sie hier kein Thesenstück, nie leidet „Nur für Erwachsene“ an gedanklicher Schlagseite. Der Ausgang ist offen. Die Wege zum erfüllten Ende sind verschlungen. Wie bei gutem Sex.

„Nur für Erwachsene“ läuft in der Nacht vom 25. auf den 26. August um 0.45 Uhr in der ARD und ist ab dem 26. August auch in der ARD-Mediathek streambar.

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