Flutserie Teil 8

Der Fährmann und die Hochwasser-Apokalypse von Dehnitz

„Ich will mich eigentlich gar nicht mehr erinnern“: Die Flutkatastrophe von 2002 hat bei Fährmann Sirko Wedekind in Dehnitz deutliche Spuren hinterlassen.

„Ich will mich eigentlich gar nicht mehr erinnern“: Die Flutkatastrophe von 2002 hat bei Fährmann Sirko Wedekind in Dehnitz deutliche Spuren hinterlassen.

Wurzen/Dehnitz. Die Rietzschke ist wortwörtlich nicht mehr als ein Bach. Im August 2002 aber wollte die Rietzschke in Wurzen mehr sein – das Wasser drängte aus den unterirdisch verlegten Rohrleitungen, Fontänen schossen in die Höhe, der mächtige Wasserdruck ließ schwere Gullideckel abheben. Die Jahrtausendflut hatte die Ringelnatzstadt im Griff – und verschonte doch weitgehend den Kern der Altstadt.

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Der Brückenpfeiler war plötzlich weg

Schwer getroffen wurde hingegen das der Stadt vorgelagerte Freibad Dreibrücken – und die Brücken selbst. Dort, wo heute die moderne und imposante Muldebrücke das Landschaftsbild prägt, stand damals ein Bauwerk mit einem Mittelpfeiler im Flussbett. Nach dem verhängnisvollen 13. August war eben jener Pfeiler verschwunden.

Sirko Wedekind aus Dehnitz über die Flut 2002 und 2013

Dehnitz, 04.09.17: Der 43-Jährige Gastwirt und Fährmann Sirko Wedekind über seine Erlebnisse zur Flut.

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Er wurde von den Wassermassen weggespült. Der Verkehr auf der Brücke rollte zu dieser Zeit noch. Als die Gefahr erkannt wurde, wurde die Straße gesperrt, Umleitungen eingerichtet. Außerdem fiel als Konsequenz der Startschuss zur Planung und zum Bau der heutigen Brücke.

Die Apokalypse inmitten der Flut erlebte Sirko Wedekind. Er betreibt mit seiner Frau das Fährhaus Am Mühlbach im Wurzener Ortsteil Dehnitz. Neben dem Restaurantbetrieb gehören die Fahrgastschifffahrt und der Fährbetrieb rüber nach Schmölen zu seinen Aufgaben.

Das Fährhaus Dehnitz inmitten der entfesselten Mulde im August 2002

Das Fährhaus Dehnitz inmitten der entfesselten Mulde im August 2002.

„Eigentlich will ich mich daran gar nicht mehr erinnern, ich würde es am liebsten ungeschehen machen“, sagt Wedekind und macht so deutlich, wie viel Kraft das Wasser ihn und seine Familie gekostet hat. Am Ufer der Mulde sei man Überschwemmungen gewöhnt, könne damit umgehen. „Aber 2002 hatte eine ganz andere Dimension“, so der Fährmann.

Fährhaus drohte der Zusammenbruch

Sichtbar wird das mit Blick auf die Hochwassermarken, die die Wedekinds auf ihrem Gelände angebracht haben. Auf der Terrasse steht ein kleiner Obelisk, auf dem auch die Marke von 1954 prangt. 2013 und vor allem 2002 passen da gar nicht mit drauf. Die Marken sind im oberen Stockwerk am Haus befestigt. „Im Jahr 2002 stand das Wasser hier 7,50 Meter höher als normal“, erinnert Wedekind sich und schluckt hart.

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Mit Bigpacks gegen die neue Flut

Mit Bigpacks gegen die neue Flut: Blitzeinsatz der Bundeswehr am Deich von Canitz im Juni 2013.

Es habe relativ lange gedauert bis die Familie überhaupt wieder zu ihrem Haus gelangen konnten. „Es war alles weggespült – auch die Zufahrt“, beschreibt der 43-Jährige. „Es war im Grunde nichts mehr da. Das ganze Erdreich war weggespült.“

Auch das Haus selbst drohte dem Wasser nachzugeben. „Das war eine schwierige Zeit, in der wir nicht wussten, wie es hier für uns weitergeht.“ Aber mit der Unterstützung vieler Menschen, Betriebe und vom Staat konnte das Fährhaus wieder aufgebaut werden. Im Frühjahr 2003 wurde wieder eröffnet.

Damm wird es für Dehnitz nicht geben

Auch wenn das Wasser immer wieder ansteigt und Sirko Wedekind 2002 und 2013 von den Fluten hart getroffen wurde, genießt er die Nähe zur Mulde. „Es ist einfach wunderschön hier und ich will das auch nicht missen.“

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Die beiden Hochwasser hält er in ihrem Ausmaß für Extreme, die hoffentlich nicht so oft vorkommen würden. „Aber so richtig wird es für uns keinen Schutz geben, weil wir hier keinen Damm hinbauen können“, stellt er nüchtern fest. Viele Maßnahmen entlang der Mulde sieht er kritisch. „Bei jeder Einengung des Flusses weiß man, dass es dahinter nur schlimmer wird.“

Pumpen an in Dehnitz

Pumpen an in Dehnitz: Im Juni 2013 kam die Mulde erneut als ungebetener Gast ins Fährhaus.

Michael Zerbs, bei der Stadt Wurzen verantwortlich für Straßen- und Wasserbau, sieht in Dehnitz besonders den Mühlbach als Problem. „Es ist schwierig, da etwas zu machen. Das staut sich zurück“, erklärt er. Aber zumindest die Brücke habe man 2004 in der Art saniert, dass sie überflutet werden kann. Auch in Nemt wurde die Brücke am Erlenhof komplett erneuert und dabei für eine Flut, wie sie 2002 der Fall war, ausgelegt.

Wurzen von Oben

Zur Jahrhundertflut 2002 tobte die Mulde, beschädigte Häuser und Brücken. Heute, zehn Jahre später, plätschert sie ruhig dahin.

Dazu sollen drei der Kernstadt vorgelagerte Regenrückhaltebecken für Sicherheit sorgen. Eins wurde in der Folge des Hochwassers von 2002 ausgebaut, die zwei anderen sind neu entstanden. Ein weiteres großes Becken in Burkhartshain befinde sich in der Planung.

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„Wann genau das Dammbauwerk mit Durchlass gebaut wird, ist noch unklar“, so Zerbs. Im Rahmen der ländlichen Neuordnung wird die Rietzschke bis 2019 zwischen Körlitz und Roitzsch auf über einem Kilometer Länge offengelegt. Durch diese Renaturierung könne das Wasser dort steigen und sich ausbreiten. „Bei einem Hochwasser wie 2002 sind wir recht gut geschützt“, so Zerbs. Allerdings: „Wenn es mehr wird, kommt es auf die Umstände an.“

Auendörfer wie Püchau warten weiter auf Schutz

Püchau. Es waren nur wenige Meter, die in den Junitagen 2013 grenzenlose Erleichterung und massiven Zorn trennten. Während Bennewitz in weiten Teilen verschont blieb, weil hier ein neuer Deich schon fertig war, traf die Flut die weiter nördlich gelegenen Macherner Ortschaften Dögnitz und Püchau erneut mit voller Wucht.

Auch Nepperwitz erlebte seine zweite Jahrhundertflut binnen weniger Jahre. Wie schon 2002 waren die Auendörfer den Wassermassen schutzlos ausgeliefert. Im Püchauer Unterdorf mussten die Bewohner hilflos mit ansehen, wie ihre Häuser in den Fluten versanken. Was für viel Frust sorgte: Denn Pläne für einen besseren Schutz lagen zu diesem Zeitpunkt seit Jahren in der Schublade.

Auf fünf Kilometer soll sich das Bollwerk gegen die Mulde einmal erstrecken, das Bewohner von Machern und Bennewitz ruhiger schlafen lässt. Die Deichrückverlegung ist Bestandteil des Nationalen Hochwasserschutzprogramms und soll dem Fluss im Hochwasserfall mehr Raum geben. Das Vorhaben jedoch scheiterte immer wieder – anfänglich am Widerstand von Landbesitzern und Interessen des Naturschutzes, später wollte auch noch der Denkmalschutz durch ein massives Schöpfwerk nicht die Sichtachse zum Püchauer Schloss beeinträchtigt wissen. Sogar ein Urteil zur Vertiefung der Weser wurde von der Landestalsperrenverwaltung (LTV) noch berücksichtigt, um sich für Deichverhinderer nicht angreifbar zu machen. Quälende Jahre des Stillstandes gingen angesichts immer neuer Widerstände und advokatischer Winkelzüge ins Land.

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Ironie des Schicksals: Am 24. Juni 2013 wollte die LTV eigentlich die ersten Baumaschinen in Marsch setzen, um mit dem Hochwasserschutz in der Aue loszulegen. Doch die Mulde war schneller. Sie ließ in der Nacht zum 3. Juni Dämme brechen, überspülte den schwächelnden Altdeich auf breiter Front. Bei Hunderten Bewohnern der Auendörfer lagen daraufhin die Nerven blank. Für sie war es eine Katastrophe mit Ansage.

Axel Bobbe, Betriebsleiter der LTV, spricht beim Abschnitt Grubnitz-Püchau vom bislang längsten Planfeststellungsverfahren in Sachsen überhaupt. „Elf Jahre hat es gedauert – von den ersten Unterlagen bis zum rechtskräftigen Bescheid.“ Dafür habe es gegen die lang ersehnte Planfeststellung, die 2016 endlich perfekt war, im Nachgang keine einzige Klage gegeben. „Wenn sich jetzt noch jemand quer stellt, könnten wir ihn enteignen.“

Nachdem Baurecht vorliegt, wartet eine neue Herausforderung auf die Hochwasserschützer: Auf Grund des Investitionsumfangs muss nicht nur der Bau, sondern auch die Ingenieurleistungen europaweit ausgeschrieben werden. Allein das dauert bis zu einem halben Jahr. Auf einen Fertigstellungstermin will sich Bobbe deshalb nur ungern festlegen lassen: „Realistisch betrachtet, wird die Vollendung bis 2020/2021 dauern.“ Dann erst seien die Auendörfer vor einem Hochwasser geschützt, wie es statistisch alle hundert Jahre vorkommt.

Von Nathalie Helene Rippich und Simone Prenzel

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