Die Not in der Nacht: Wie die Flut das Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt überraschte

Das Krankenhaus Dresden-Friedruichstadt musste 2002 als erste Klinik komplett evakuiert werden.

Das Krankenhaus Dresden-Friedruichstadt musste 2002 als erste Klinik komplett evakuiert werden.

Dresden. Erst acht Tage später konnte das Krankenhaus einen Teil seines Betriebs wieder aufnehmen.

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Das Unglück kam über Nacht und liest sich wie ein Krimi: Gegen 22.30 Uhr tritt die Weißeritz in Dresden über die Ufer. Nur eine halbe Stunde später läuft Wasser in den Keller des ersten Hauses im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt, das zu diesem Zeitpunkt etwa 900 Patienten versorgt. 15 Minuten später erreicht die erste Meldung über ein drohendes Hochwasser das Krankenhaus. Drei Uhr nachts dringt das Wasser auch in Keller und technische Betriebsräume von vier anderen Häusern des Krankenhauses ein.

Die angeforderten Pumpen und Sandsäcke können weder die Feuerwehr noch das Technische Hilfswerk liefern. Unterdessen liegen 34 Patienten auf den Intensivstationen des Krankenhauses. Ihr Überleben ist von Medizintechnik abhängig, die Strom braucht. Notstromaggregate sollen jetzt eigentlich die Versorgung sichern. Allerdings stehen diese in den Kellern, die mit Wasser volllaufen. Um fünf Uhr meldet der Energieversorger schließlich, dass mit einer Abschaltung der Notstromversorgung zu rechen ist. Eine katastrophale Situation für die Patienten auf den Intensivstationen.

5.30 Uhr halten die Stahltüren im Haus Z dem Druck des Wassers nicht mehr stand. Wasser überflutet das unterirdische Gangsystem unter dem Krankenhausgelände. Im H-Haus fallen der Strom und die medizinische Gasversorgung aus. Auch die Kommunikationstechnik bricht zusammen. Über Privathandys ruft die Einsatzleitung Hilfe. Dann geht alles ganz schnell: In wenigen Stunden evakuieren Feuerwehr und Technisches Hilfswerk über Notbrücken und mit Rettungshubschraubern 34 Patienten von den Intensivstationen und 17 Patienten, die an Beatmungsmaschinen angeschlossen sind. Weitere 635 Patienten werden in umliegende Krankenhäuser verlegt.

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„250 Patienten haben wir notentlassen“, erinnert sich Chefarzt Andreas Nowak heute. „Dass von diesem Mini-Bach Weißeritz einmal solche Gefahr ausgehen könnte, hat damals niemand für möglich gehalten.“ Durch ein Fenster retteten die Mitarbeiter damals einen Mann, der in dem überfluteten Keller eingeschlossen war. Wie durch ein Wunder ist damals niemand – weder Patienten noch Mitarbeiter – zu Schaden gekommen. Doch die Bilanz der Zerstörung war verheerend.

Das Wasser hatte eine unheimliche Zerstörungskraft, riss tragende Wände und Mauern ein. Die Zentral-Sterilisation, die für jede Operation notwendig ist, versank im Wasser. Ebenso die Teilchenbeschleuniger für die Strahlentherapie. Röntgengeräte wurden zerstört, auch fast alle elektrotechnischen Anlagen. Insgesamt bezifferten Experten den Schaden im Krankenhaus Friedrichstadt auf 51,8 Millionen Euro.

Am 13. August um 17 Uhr war die Evakuierung im Krankenhaus Friedrichstadt abgeschlossen. Allerdings zeichnete sich da bereits ab, dass auch die anderen Dresdner Krankenhäuser gefährdet sind. „In der Sitzung des Krisenstabes wurde ich auf einmal zum Leiter für die Evakuierung des Krankenhauses Dresden-Neustadt erklärt“, erinnert sich Chefarzt Nowak. „Per Hubschrauber flog mich die Bundeswehr über die Elbe.“ Nur zwei Tage später, am 15. August, evakuierten die Experten auch das Neustädter Krankenhaus. Ärzte und Pflegepersonal versorgten Patienten unterdessen in Notkrankenhäusern in Gorbitz und am Terminal II des Dresdner Flughafens.

„In dieser Zeit haben eine überwältigende Zusammenarbeit erlebt“, erinnert sich Nowak. „Es war erstaunlich, wie alle zusammengehalten haben. Die Erfahrungen sind trotz ihrer Härte unheimlich wertvoll.“ Am 20. August nahm ein Teil des Krankenhauses Friedrichstadt wieder die Arbeit auf. Die Chirurgen operierten vorerst in Containern, die Instrumente wurden in Schweizer Spezialfahrzeugen sterilisiert. Bis dauerten die Sanierungsarbeiten. Dafür zahlte die Versicherung 11,6 Millionen Euro. Über Fördermittel stellten Bund, Land und die Stadt Dresden 37,1 Millionen Euro zur Verfügung. Den Rest finanzierte das Krankenhaus aus Eigenmitteln und Spenden.

„Für die Sanierung mussten wir all unsere Rücklagen verwenden“, erklärt Nowak. Gerade heute, angesichts der Geldnöten der städtischen Krankenhäuser, hält er es für richtig, an den August 2002 zu erinnern. „Wir haben die Flut bewältigt, wir bewältigen auch die aktuelle Krise“, konstatiert der Chefarzt. „Wenn wir zusammenhalten.“

Katrin Tominski

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