Steilheck und Sozialismus

Nie gebaut: Clauss Dietel entwarf den modernen Trabant

Der Formgestalter Karl Clauss Dietel (83) in seinem Atelier in Chemnitz mit einem Modell des von ihm entworfenen Trabant P 601N von 1980.

Der Formgestalter Karl Clauss Dietel (83) in seinem Atelier in Chemnitz mit einem Modell des von ihm entworfenen Trabant P 601N von 1980.

Chemnitz. Eine andere DDR wäre möglich gewesen. Ein Land, dessen Autofahrer in entspannter Sitzhaltung am Steuer moderner Kleinwagen über die Straßen schweben, anstatt angestrengt hinter dem Lenkrad eingeklemmt mit einem Wagen herumzufahren, der eine Parodie amerikanischen Stylings der 50er-Jahre war. Für den Trabant 601, den legendären Trabi, wie ihn der Volksmund nennt, hat es Alternativen gegeben, zeitgemäßere, menschenfreundlichere. 30 Jahre lang hat der Chemnitzer Gestalter Karl Clauss Dietel an diesen Alternativen gearbeitet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Er hat Autos entworfen, die nie gebaut wurden. Sieben Nachfolge-Entwürfe für den Trabant 601 haben sein Kollege Lutz Rudolph und er gestaltet, entwickeln lassen und präsentiert. Jeder einzelne dieser Nachfolger wurde vom DDR-Politbüro gestoppt. Dietel ist der tragische Held des DDR-Automobilbaus.

Knutschkugel P 50

Am 7. November 1957 begann im sächsischen Zwickau die Produktion des ersten Trabant-Modells. Der P 50 war eine Knutschkugel mit Stummelflossen und einem Zweitaktmotor, der 18 PS leistete. Ab 1964 folgte das Modell 601, das drei Jahre lang in Serie produziert werden sollte. Es wurde 26 Jahre. Ein Nachfolgemodell gab es nicht mehr. Bis 1990 wurden 2 818 547 Stück gebaut und an die sehnsüchtig wartende Kundschaft ausgeliefert. Und parallel dazu saßen Rudolph und Dietel an einem Nachfolgemodell nach dem anderen. Sieben Varianten entwarfen sie über die Jahre, in Serie ging keine einzige davon.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
P 603 (1964-1968)

P 603 (1964-1968)

Dietel wohnt in Chemnitzer Hanglage, direkt am Wald. Der 83-Jährige öffnet im schwarzen Rollkragenpullover, bittet in sein Atelier. Das Erkennungsmerkmal der französischen Existenzialisten ist kein Zufall, auch seine Automodelle sahen immer so aus, als könnten sie auch auf französischen Landstraßen herumfahren. Neben Frankreich ist die Bauhaus-Tradition sein zweiter oder eigentlich wichtigster Bezugspunkt. Dietel ist ein europäischer Intellektueller mit sächsischer Sprachmelodie und einer großen Vorliebe für deutsche Handwerkskunst. Nur so jemand kann selbstbewusst und stur genug sein, mehr als 30 Jahre immer weiterzumachen und bei seinen Überzeugungen zu bleiben, wie ein gutes Auto in der DDR aussehen könnte.

Prognose (1969-1970)

Prognose (1969-1970)

„Der Mensch sitzt aufrecht, nicht vornüber gebeugt.“ Mit diesem Satz fängt für Dietel alles an. Der drahtige Senior streckt sich auf seinem Stuhl aus und kauert sich anschließend zusammen, um seinen Punkt zu demonstrieren. Die deutschen Nachkriegsautos aus West und Ost – der Käfer, das Goggomobil, der Trabant – aber zwangen den Fahrer zur gebückten Haltung. „Das ist die deutsche Angst“, schließt Dietel und zitiert gleich noch Hans Magnus Enzensberger. „Der Käfer ist das Synonym für den deutschen Stahlhelm.“

Autos sind nicht einfach nur Fortbewegungsmittel. Sie sind Symbole ihrer Zeit und der Hoffnungen ihrer Epoche. Wenn jemand das versteht, dann Dietel. An der Wand seines Ateliers hängen Bilder, die ihn als Kleinkind am riesigen Steuer eines Straßenkreuzers zeigen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Er steht aufrecht auf einem Kissen, lacht in die Kamera. Sein Vater war Schmied und Autovermieter. Er hatte im Vorkriegs-Sachsen die ersten Chevrolets, und er konnte einen Viertaktmotor so fein einstellen, dass ein Glas Wasser auf der Motorhaube nur leicht zitterte. So begann es mit Dietel und den Autos. Er lernte Maschinenschlosser, danach ging er auf die Ingenieurschule, danach studierte er Kunst in Berlin-Weissensee. Und änderte auf dem Weg seine Meinung über die Chevrolets, die ihn auf dem Hof seines Vaters noch so beeindruckt hatten. Seitdem bekämpft Dietel „die amerikanische Überfremdung durch Styling“. Styling, das sind Heckflossen, Haifischmäuler, Modeschnickschnack im Fahrzeugdesign. Alles, was dafür sorgt, dass ein Auto altmodisch und gestrig aussieht und der Käufer nach dem neuesten Modell Ausschau hält.

P 760 (1971-1973)

P 760 (1971-1973)

Dietel hat dagegen eine Forderung aufgestellt, die er die „fünf L“ nennt: Langlebig soll ein Auto sein, leicht, lütt, lebensfreundlich und leise. Langlebig war der Trabant 601, den Dietel nie verdrängen konnte, lütt und leicht auch. Von lebensfreundlich und leise aber war der Wagen weit entfernt. Aber was Dietel am Sehnsuchtswagen der DDR-Bürger am meisten störte, war „dieses kleinbürgerliche Styling. Das konterkarierte alles.“ Die angedeuteten Heckflossen, das Dach, die Frontpartie und vor allem das Stufenheck. Die lächerliche Version eines zu heiß gewaschenen US-Straßenkreuzers.

Dietel widmete sein Gestalterleben dem Steilheck, aus ästhetischen und technischen Gründen. Dass ein Steilheck aerodynamischer war, wusste er aus Studien der 30er-Jahre. Viel später durfte er das im einzigen Windkanal der DDR am Dresdner Flughafen beweisen. Und ein Steilheck-Auto konnte keine kleinbürgerliche Heckpartie haben, es war qua Form funktional.

P 603 war schon unterwegs

1961 kam der Renault R 4 auf den Markt. Dietel, damals im „Zentrum Entwicklung und Konstruktion für den Fahrzeugbau“ in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) tätig, sollte den Franzosen einschätzen. „Ich habe gesagt, wie gut ich das Ding fand.“ Er erntete allgemeines Unverständnis. Schon seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule zeigte einen Steilheck-Kleinwagen. Und das nächste Modell, der Trabant P 603, entwickelt von Dietel und Rudolph. war wieder einer. 1964 bis 1968 wurde der Wagen bis zur Serienreife entwickelt, es gab erste Versuchsautos, die von Zwickau aus auf öffentlichen Straßen in Sachsen und Thüringen herumkurvten. Wer dieses Auto sieht, denkt ausnahmsweise bei Dietels Entwürfen nicht gleich an einen Franzosen, sondern an den Golf I. Der wurde ab 1970 entwickelt, als das Projekt Trabant 603 schon wieder beerdigt war.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
P 601 WIIZ (1980)

P 601 WIIZ (1980)

Nach der Wende habe ein Treuhand-Banker erzählt, das Politbüro hätte die Pläne an VW verkauft, kolportiert Dietel. Ob das stimmt, weiß er nicht. Er selbst hält sich an eine andere Version: Haben Wolfsburger Beobachter die Prototypen in Sachsen herumfahren sehen? Auch dafür gibt es keinen Beleg, aber zumindest Dietel hält es für hoch wahrscheinlich, dass westdeutsche Autokonzerne in den 1960er-Jahren noch daran interessiert waren, was im alten Zentrum der deutschen Autoindustrie in Sachsen und Thüringen so passierte. „Der Golf ist ohne den P 603 nicht vorstellbar“, sagt er knapp.

Gestaltung der Simson 50

Fakt ist: Der Golf wurde gebaut, der Trabant 603 nicht, der 760 nicht, der 301 nicht, und die Neufassungen des 601 auch nicht. Was wäre aus Dietel im Westen geworden, warum hat er nicht versucht, aus der DDR herauszukommen? Da erzählt der Senior die Geschichte eines Kommilitonen, der zu VW ging. „Der hat sein ganzes Leben nur Cockpits gemacht. Sonst nichts! Ich durfte ganze Autos gestalten.“ Ganze Autos, die nie in Serie gingen. Aber Dietel und Rudolph gestalteten auch Radiogeräte, Haushaltswaren und das Moped Simson 50, das zu Hunderttausenden durch die Republik knatterte. Das gab einen Ausgleich – und trug dazu bei, bei den Autos keine Kompromisse einzugehen.

P 601 WII (seit 1981)

P 601 WII (seit 1981)

Wieder und wieder stoppte Günter Mittag, seit 1976 im Zentralkomitee der SED für Wirtschaftsfragen zuständig, die Projekte für einen neuen Trabant. Ein neues Werk hätte Milliarden-Investitionen verursacht, und mit Dietels Entwürfen konnte er ohnehin nichts anfangen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Elektrorad für Diamant

Der Mann, der sein ganzes Leben Autos entwarf, ist in Wahrheit immer ein Auto-Skeptiker gewesen. Ebenso heftig wie gegen Mode und Styling wettert er gegen Größe und Aggressivität. SUVs nennt er „gepolsterte Panzer“. Dietel hofft auf die Elektromobilität und autonomes Fahren. Direkt nach der Wende entwarfen Rudolph und er zwei Elektroautos für einen sächsischen Hersteller, der kurz danach von der Treuhand geschlossen wurde. Zugleich arbeitete er kurz nach 1990 für den Fahrradhersteller Diamant und entwarf ein Elektrorad, auch das wurde nie gebaut. Er hat also genug Grund zu sagen: „Wir lagen da nicht schlecht“.

P 601N (1980)

P 601N (1980)

Herr Dietel, wäre die DDR eine andere gewesen mit anderen Autos? "Eine sehr gute Frage", sagt er und schweigt eine Zeit lang. "Wir Bauhaus-Schüler glaubten, dass gute Gestaltung, gute Form auch die Gesellschaft beeinflussen könnte", antwortet er dann. "Ich bin da aber sehr skeptisch geworden." Einen Trabant übrigens hat Karl Clauss Dietel nie besessen.
Jan Sternberg

Mehr aus Mitteldeutschland

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken