Refinanzierung ungeklärt

Sachsens Pflegedienste unter Druck: Löhne steigen – Beiträge für Versicherte auch

Eine Pflegerin hält in einem Altenheim die Hand einer Bewohnerin. Die Pflegekassen haben umfassende finanzielle Unterstützung für Heime und Pflegedienste in der Corona-Krise zugesagt.

Eine Pflegerin hält in einem Altenheim die Hand einer Bewohnerin. Die Pflegekassen haben umfassende finanzielle Unterstützung für Heime und Pflegedienste in der Corona-Krise zugesagt.

Leipzig. Seit Anfang September gilt auch für private Pflegedienste in Sachsen eine verpflichtende Tarifbezahlung. Laut Gesetz dürfen die Unternehmen nur noch Leistungen bei den Kassen abrechnen, wenn sie entsprechende Entlohnung nachweisen. Für eine Pflegefachkraft hat dies einen Stundenlohn von mindestens 17,10 Euro zur Folge, für ungelernte Hilfskräfte 13,70 Euro. Die noch unter Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beschlossene Reform soll die Wertschöpfung und Attraktivität des Berufs erhöhen – bringt viele der Unternehmen aber auch in Bedrängnis. Zudem drohen für Versicherte in der aktuellen Situation erheblich höhere Kosten.

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Bei etwa der Hälfte der privaten Pflegeeinrichtungen im Freistaat steigen nun die Löhne, sagt AOK-Sprecherin Hannelore Strobel. „Damit erhöhen sich zum 1. September 2022 die Pflegesätze teilweise erheblich.“ Zudem müssten auch hier höhere Aufwendungen bei Strom, Wasser und Benzin kompensiert werden. Von sieben bis acht Prozent Aufschlag für Unterkunft und Verpflegung ist die Rede, die generell von Versicherten oder Angehörigen zu zahlen sind.

Refinanzierung zum Start der Tarifpflicht noch ungeklärt

Für andere Leistungen springt je nach Pflegegrad in Teilen die Pflegeversicherung ein – konkret die Kassen. „Es ist extrem schwierig für uns, weil die Verhandlungen mit den Pflegekassen aber noch in der Luft hängen“, sagt Christian Timm vom gleichnamigen Pflegedienst in Leipzig. Dieser ist ambulant und stationär tätig. Jede Einrichtung brauche nun neue Preise für alle Einzelleistungen wie für Medikamentengabe, Wundverbände oder das Waschen der Patienten am Morgen. Und die Abrechnung muss ausverhandelt werden. Weil der rechtliche Rahmen allerdings erst seit Kurzem klar sei, konnte bis zum Start noch gar nicht alles geklärt werden, sagt Timm.

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„Meine Kunden in der stationären Einrichtung wüssten einfach gern, was sie ab 1. September tatsächlich zahlen müssen. Ich konnte ihnen bisher nur sagen, was wir bei der Kasse einfordern – und dass die Verhandlungen andauern.“ Ähnlich ist es beim Fidere Pflegedienst in Dresden, wo man sich nun für den Tarifvertrag des Berufsverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) entschieden hat. „Wie alle anderen haben wir unsere Preise jetzt erst einmal erhöht und hoffen, dass wir die höheren Kosten so abgefedert bekommen“, sagt Leiter Thomas Fitzke. In Teilen habe Fidere seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon jetzt über Tarif bezahlt, durch die Anhebung erhielten nun gestaffelt aber alle mehr Lohn.

Zumindest die Lage in der Großstadt macht Fitzke Hoffnung, dass sich die Lohnerhöhungen refinanzieren lassen: „Wir haben den Vorteil, dass wir auf kleiner Fläche viele Patienten abdecken können.“ In ländlichen Regionen, wo die Dienste weniger Menschen in derselben Arbeitszeit betreuen, werde es größere Probleme geben, vermutet er. Madeline Heerde vom Pflegedienst Seniorenhilfe in Oschatz seufzt nur und sagt: „Ich weiß noch nicht, wie ich das schaffen soll. Ich hoffe einfach, dass die Angehörigen mitziehen und den Mehrbedarf tragen.“

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300 bis 400 Euro Mehrbelastung beim Eigenanteil

Bei der AOK sieht man die Möglichkeiten der Pflegekassen, für die Leistungen der Pflegedienste mehr abrechnen zu können, insgesamt schon ausgeschöpft. „Die gesamte Kostensteigerung muss in der Regel von den Versicherten getragen werden“, sagt Sprecherin Strobel. Konkret gehe es um eine Erhöhung der Eigenanteile um 300 bis 400 Euro.

Igor Ratzenberger, Landesgruppenchef des Berufsverbands bpa, unterstreicht, dass Pflegekräfte für gute Arbeit auch guten Lohn verdient haben. „Dafür wäre aber keine Tarifbindung notwendig gewesen, die auch viele individuelle Lösungen unmöglich macht, die Mitarbeitende immer geschätzt haben. Vor allem aber gewinnt die Pflege damit kein zusätzliches Personal“, sagt er. Dafür wären eine Ausweitung der Ausbildungskapazitäten und eine beschleunigte Zuwanderung wichtiger gewesen.

Viele der Pflegedienste stünden nun erheblich unter Druck – zusätzlich auch aufgrund der derzeit enorm steigenden Energiepreise. „Jetzt muss es darauf ankommen, für die Dienste und Einrichtungen Möglichkeiten zu schaffen, diese unvorhersehbaren Belastungen auch gegenüber den Kostenträgern geltend zu machen“, so der sächsische bpa-Landesvorsitzende.

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Laut einer Erhebung der AOK haben Pflegekräfte in Sachsen zuletzt inklusive Zuschlägen im Schnitt 18,25 Euro pro Stunde verdient. Das sind zwei Euro weniger als beispielsweise in Baden-Württemberg, aber auch einen Euro mehr als in Sachsen-Anhalt. Laut Statistischem Landesamt gibt es etwa 250.000 Pflegebedürftige im Freistaat, die von 72.000 Beschäftigten betreut werden. Laut verschiedener Prognosen werden bis zum Jahr 2030 in Deutschland auch aufgrund der demografischen Entwicklung noch zwischen 200.000 und 500.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt.

Weitere Fakten aus Sachsen: www.lvz.de/fakten

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