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Hilfstour zur Grenze

Vier Busse und ein Minister: Gemkow holt 180 geflüchtete Ukrainer nach Leipzig

Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge , die Sebastian Gemkow mit Bussen ins Erstaufnahmelager in Mockau in Leipzig gebracht hat.

Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge , die Sebastian Gemkow mit Bussen ins Erstaufnahmelager in Mockau in Leipzig gebracht hat.

Leipzig. Kateryna ist eine taffe Frau, man denkt, nichts könne sie aus der Ruhe bringen. Es geht aber nur mit Ablenkung: „Ich versuche nicht daran zu denken – sonst fange ich an zu heulen.“ Die 37-Jährige ist eng mit Gemkows Frau befreundet. Erst am Dienstag sind die beiden aus dem slowakisch-ukrainischen Grenzgebiet nach Leipzig zurückgekehrt: Die Familie von Kateryna war aus Irpin bei Kiew geflüchtet. Ihre schwangere Schwägerin und deren zweijährige Tochter leben nun erstmal bei den Gemkows; die Eltern hat sie selbst in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung aufgenommen.

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Sebastian Gemkow mit Kateryna. Die gebürtige Ukrainerin hat erst ihre Familie nach Deutschland geholt, jetzt will sie mit Sachsens Wissenschaftsminister noch mehr Menschen helfen.

Sebastian Gemkow mit Kateryna. Die gebürtige Ukrainerin hat erst ihre Familie nach Deutschland geholt, jetzt will sie mit Sachsens Wissenschaftsminister noch mehr Menschen helfen.

Die zweite Flucht

Jetzt sitzt Kateryna neben Sebastian Gemkow im Bus, um mehr Menschen aus dem Krieg zu holen. Zum Helfer- und Dolmetscherteam, das am Freitagmorgen in Leipzig aufgebrochen ist, gehören außerdem Lyudmyla (66), Oxana (42) sowie Konrad (39), Christian (43) und acht Busfahrer. Kateryna kam 2003 als Au-pair nach Leipzig und 2006 nochmal für ein Wirtschaftsstudium. 2020 wurde sie hier eingebürgert, sie arbeitet in einer Steuerkanzlei. Ihre Familie stammt ursprünglich aus Luhansk in der Ostukraine und ist 2014 nach Irpin geflüchtet, 30 Kilometer nordwestlich von Kiew. Sie war froh, dass ihre Eltern 2014 in Bornas Partnerstadt eine neue Heimat gefunden hatte. Der Vater (71) und die Mutter (65) wollten dort ihre Rente verbringen. Nun konnten sie ihre Stadt gerade noch rechtzeitig verlassen, bevor die große Brücke gesprengt wurde. Damit die Russen nicht so schnell nach Kiew kommen. Irpin stand unter schwerem Beschuss; Kateryna zeigt ein verstörendes Video mit toten Soldaten. Die vier Busse aus Sachsen passieren da gerade die deutsch-polnische Grenze.

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Gemkow-Tour für die Ukraine: Das Helfer- und Fahrerteam um Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (4.v.l.) nach der Ankunft in Krakau.

Gemkow-Tour für die Ukraine: Das Helfer- und Fahrerteam um Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (4.v.l.) nach der Ankunft in Krakau.

„Ein bisschen ins Blaue hinein“

Die Rettungsmission kam ziemlich spontan zustande, zunächst auch ohne ein genaues Ziel. Der Tauchaer Solarunternehmer Mathias Hammer hat die Fahrzeuge angemietet; sie starten am Freitag vollgeladen mit 200 Versorgungspäckchen, die die Johanniter noch in der Nacht zusammengestellt hatten. Das St.-Elisabeth-Krankenhaus legte noch eine Ladung Medikamente oben drauf, die von Polen in die Ukraine weitergeleitet werden. Erstes Ziel der vier Busse ist Krakau, wo es mehrere Sammelpunkte für Geflüchtete gibt. Es besteht Kontakt zu einer Hilfsorganisation vor Ort. Vielleicht geht es aber auch noch zur polnisch-ukrainischen Grenze. „Wir fahren schon ein bisschen ins Blaue hinein“, sagt Gemkow, „aber das ist im Moment eben so.“

Blick in die Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Blick in die Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Blick in die Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Blick in die Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Ein schlafloser Minister

Die persönlichen Schilderungen von Kateryna und ihrer Familie hatten Gemkow keine Ruhe gelassen. Deshalb die eilige Aktion mit den Bussen. Er hat das als Privatmann angeschoben, nicht als Mitglied in Sachsens Staatsregierung, betont Gemkow. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn der Wissenschaftsminister über die Hochschulen für konkrete und strukturierte Hilfen sorgt, als einfach auf eigene Faust Richtung Osten zu fahren? Gemkow sagt, er tue das Eine – und wolle das Andere nicht lassen. „Dieser Krieg ist so unmittelbar, ich kann nicht mehr richtig schlafen“, sagt Gemkow. „Wir wollten wenigstens etwas tun und irgendwie auch die eigene Ohnmacht bekämpfen.“ Zeitgleich stellen Sachsens Studentenwerke 420 Wohnheimplätze zur Verfügung; es soll Stipendienprogramme für junge Ukrainer geben; Gemkow hat alle Hochschulen und Forschungseinrichtungen ins Boot geholt.

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Kateryna (links) spricht in der Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze mit zwei Helferinnen.

Kateryna (links) spricht in der Auffangstation in Przemysl an der polnisch-ukrainischen Grenze mit zwei Helferinnen.

Komplexe Logistik

Kateryna telefoniert die ganze Busfahrt über: Wer steht an welchen Sammelpunkten? Wer will wohin? Eine zentrale Logistik kann es nicht geben – auch wegen der großen Zahl an Geflüchteten. Zugleich ist viel Hilfe unterwegs. Die Lage an den Auffangstationen ändert sich oft binnen weniger Stunden. Viele ringen mit sich, ob sie weiter nach Westen fahren sollen: Sie hoffen auf ein schnelles Kriegsende. Mit deutscher Gründlichkeit und mehreren Tagen Vorlauf lässt sich hier jedenfalls nichts planen.

Victoria (26) ist mit ihrer Tochter Milena (7) aus Kiew geflüchtet. Ihre Familie ist in der ukrainischen Hauptstadt geblieben.

Victoria (26) ist mit ihrer Tochter Milena (7) aus Kiew geflüchtet. Ihre Familie ist in der ukrainischen Hauptstadt geblieben.

„Russische Bevölkerung will keinen Krieg“

Die vier Busse kämpfen sich über polnische Landstraßen; auf der Autobahn ist Stau. „Die russische Bevölkerung will diesen Krieg nicht“, sagt Oxana. Die 42-Jährige ist Büroleiterin beim CDU-Landtagsabgeordneten Sven-Gunnar Kirmes. Sie ist auch eine Freundin der Gemkows und stammt aus Südrussland. Seit 21 Jahren lebt sie in Deutschland, hat Deutsch als Fremdsprache und Ostslawistik studiert. Nun soll sie für die Geflüchteten dolmetschen. Genauso wie die Ingenieur-Ökonomin Lyudmyla, eine Mitarbeiterin der Cinémathèque. Die 66-Jährige kommt aus der Nähe der ukrainisch-rumänischen Grenze, lebt aber seit 25 Jahren in Deutschland; sie spricht Russisch und Ukrainisch.

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Kirchgemeinde meldet sich

Kurz vor Oppeln klingelt das Handy von Sebastian Gemkow. Der Mitarbeiter einer Leipziger Kirchgemeinde mit Kontakten nach Polen hat auf lvz.de von der Hilfsaktion gelesen. Er berichtet von rund 30 Frauen und Kindern, die bei Lublin festsitzen und nach Leipzig wollen. Vielleicht werden es noch mehr. Als die vier Busse in Krakau ankommen, ist es schon später Nachmittag. Die Lenkzeiten der Fahrer lassen keine Rückfahrt mehr zu.

Viele Frauen und Kinder haben sich allein aus der Ukraine auf den Weg gemacht, die meisten Männer kämpfen im Krieg.

Viele Frauen und Kinder haben sich allein aus der Ukraine auf den Weg gemacht, die meisten Männer kämpfen im Krieg.

Manchmal fließen unvermittelt Tränen

Samstagmorgen geht es dann doch noch weiter bis an die ukrainische Grenze – nach Przemysl und Hrubieszów bei Lublin; einige Flüchtende sind bereits in Krakau eingestiegen. Im Laufe des Tages sind die ersten drei Busse fast voll besetzt. Busse voller Schicksal – die Geschichten ähneln sich. Sehr viele Reisende sind Frauen mit Kindern – und der Mann ist im Krieg. Die Menschen sind dankbar. Und diszipliniert, aber manchmal fließen unvermittelt Tränen. Victoria (26) hat sich mit Tochter Milena (7) von Kiew auf den Weg gemacht. Ihre Mutter ist körperbehindert und nicht transportfähig, der Vater kümmert sich um sie. Um etwas sicherer vor den Bomben zu sein, haben sie eine Kellerwohnung bezogen. In einem Bus sitzt eine hochschwangere Frau, ihr errechneter Geburtstermin ist Sonntag. Auch den Fahrern geht das alles an die Nieren. Sie bereiten warme Würstchen zu, spendieren Getränke aus eigener Tasche. „Das ist alles nicht zu fassen“, sagt Gunther (63), der zusammen mit Dirk (57) ein Fahrerteam bildet.

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Olena (55) und Vitalii (14) auf dem nach Leipzig. Die Mutter und ihr Sohn sind aus Kamjanez-Podilskyj bei Chmelnyzkyj geflüchtet. Olenas ältere Tochter kommt vielleicht noch mit ihren eigenen Kindern nach, ihr Mann ist in der Ukraine geblieben.

Olena (55) und Vitalii (14) auf dem nach Leipzig. Die Mutter und ihr Sohn sind aus Kamjanez-Podilskyj bei Chmelnyzkyj geflüchtet. Olenas ältere Tochter kommt vielleicht noch mit ihren eigenen Kindern nach, ihr Mann ist in der Ukraine geblieben.

„Etwas Richtiges getan“

Am Sonntagmorgen kommen die ersten drei Busse auf der Leipziger Messe an. Der vierte trifft am Sonntagabend gegen 22 Uhr ein. Die Rückfahrt verzögerte sich, es wurde noch auf Passagiere gewartet. Warme Luft wollte keiner transportieren – vor allem die Chauffeure nicht. „Die Busfahrer wollten keinesfalls leer zurückfahren“, sagt Kateryna. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt – am Ende werden tatsächlich rund 180 Leute in Leipzig landen. Gemkow ist zufrieden: „Ich glaube, wir haben etwas Richtiges getan.“

Der erste von vier Bussen bei der Ankunft um 0.30 Uhr an der Erstaufnahmeeinrichtung in Mockau.

Der erste von vier Bussen bei der Ankunft um 0.30 Uhr an der Erstaufnahmeeinrichtung in Mockau.

Abschied nach der Ankunft: Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow an der Erstaufnahmeeinrichtung mit Menschen aus der Ukraine.

Abschied nach der Ankunft: Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow an der Erstaufnahmeeinrichtung mit Menschen aus der Ukraine.

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Angst um den Bruder

Kateryna hat seit Tagen keinen Kontakt zu denjenigen in ihrer Familie, die in der Ukraine geblieben sind. Sie bangt vor allem um ihren Bruder. Der 42-Jährige ist in der Ukraine geblieben, um zu kämpfen. „Ich will nicht, dass sich das Leben meiner Großmutter wiederholt“, sagt Kateryna. Der Bruder von Oma Aleksandra starb im Zweiten Weltkrieg. Den Schmerz hat sie bis zu ihrem Tod nicht verwunden.

Von Björn Meine

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