Pfandhäuser versteigern Wertsachen

„Nicht nachdenken, einfach zuschlagen“

Ein Beamer wirft auf der Auktion in Hannover die zu versteigernden Wertgegenstände an die Wand.

Ein Beamer wirft auf der Auktion in Hannover die zu versteigernden Wertgegenstände an die Wand.

Das eigentliche Auktionsfieber beginnt zwei Stunden vor dem ersten Hammerschlag. Wenn sich die Tür zum Hotelkonferenzsaal öffnet und alle sich über die Schmuckvitrinen beugen, Block und Stift gezückt, um die Startgebote zu notieren: Perlenkette für 120 Euro, goldener Armreif für 1020 Euro, Trauring für 145 Euro. Dann die ganze Technik: Thermomix für 380 Euro, Saugroboter für 45 Euro. Eine gezackte E‑Gitarre für 95 Euro. Die Sachen kosten oft nur ein Viertel des Ladenpreises.

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Die Menschen, die sie einst ins Pfandhaus brachten, brauchten dringend Geld – doch etwa 10 Prozent der Kunden schafft es nicht, den dafür erhaltenen Kredit zurückzuzahlen; so ist es beim Pfandhaus Schumachers, das heute zur Auktion nach Hannover einlädt. Wenn ihre Kundinnen und Kunden das Darlehen nach Ablauf des dreimonatigen Kreditvertrags und einem Monat Karenzzeit nicht zurückzahlen, sind die Pfandhäuser dazu verpflichtet, die Stücke öffentlich zu versteigern. Jeder darf kommen und mitbieten. Gerade bei der Technik herrscht Goldgräberstimmung. „’Ne 650er mit Teleobjektiv, alles dabei. 420 Euro“, zischt einer ins Telefon. Ein Mann in Lederjacke empfiehlt seinem Begleiter am Laptop-Tisch: „Nicht nachdenken, einfach zuschlagen.“

Privatleute machen Händlern Konkurrenz

Vor allem Händler mischen hier traditionell mit, berichtet Beate Rajca aus Frankfurt. Sie verkauft Schmuck und Uhren in einem Onlineshop. Mit Mann und Yorkshireterrier fährt sie zu Auktionen im ganzen Land. In letzter Zeit säßen aber immer mehr Privatleute neben ihr, sagt sie. „Weil es hier eben viel günstiger ist. Erzählen sie das nicht weiter, sonst sind wir arbeitslos.“ Ein anderer Händler berichtet, früher sei nicht mal die Hälfte des Saals mit den rund 80 Plätzen gefüllt. Jetzt, wo überall die Kosten steigen, ist alles voll. „Das ist schlecht, so gehen die Preise hier nach oben.“

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Eine Auslage mit Schmuck auf der Versteigerung des Pfandhaus Schumachers in Hannover.

Eine Auslage mit Schmuck auf der Versteigerung des Pfandhaus Schumachers in Hannover.

Die Profis klagen, die Neulinge wollten Schnäppchen machen. Reinhard Wattenberg zum Beispiel. Der Rentner und seine Frau suchen ein E‑Rad, auch einen E‑Roller können sie sich vorstellen. „Ich will im Handel nicht so viel Geld für so ein Teil ausgeben“, sagt er. Einen schwarzen Roller haben sie ausgemacht, Startpreis 60 Euro.

Manchen dauert die Auktion zu lange

Als die Versteigerungen beginnen, wirft ein Beamer die Gegenstände an eine Wand zwischen roten Vor­hängen. Die Deals rauschen im Akkord vorbei, ohne große Emotionen. Auch wenn der Auktionator sich alle Mühe gibt: „Oh, ein Collier mit Geheimfach!“, „Kreolen für einen Euro!“ Vieles wird für den Startpreis verkauft, manches auch gar nicht. Geht etwas nicht weg, dürfen die Pfandhäuser die Sachen selbst verkaufen. Wird mehr als der Startpreis erzielt, bekommt der ursprüngliche Besitzer den Überschuss ausbezahlt.

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Ausdauer ist gefragt. Nach eineinhalb Stunden werden immer noch Halsketten, Ringe, Uhren verkauft; Technik kommt als Letztes, die Auktion dauert fast vier Stunden. Beate Rajca macht vor dem Hotel eine Pause mit ihrem Yorkshireterrier. Eine Breitling-Uhr hat sie bekommen für 560 Euro. Dann noch eine Goldkette, 14 Karat, für 3300 Euro. Ein gutes Geschäft, meint sie.

Auch Reinhard Wattenberg, der Neuling, tritt aus den Schiebetüren – ohne Roller. Es dauert ihm zu lang, der ganze Schmuck, er will nach Hause. Im Pfandhaus, das hat Wattenberg anfangs noch erzählt, ist er selbst noch nie gewesen. „Gott sei Dank nicht. Toi, toi, toi, dass es mich nicht trifft.“

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