Falscher Hase – ein Nachruf auf Hugh Hefner

Bussi von der Gattin: Hugh Hefner und seine letzte Ehefrau, die 60 Jahre jüngere Crystal Harris.

Bussi von der Gattin: Hugh Hefner und seine letzte Ehefrau, die 60 Jahre jüngere Crystal Harris.

Hollywood. Ein guter Schuss Pathos gehört immer dazu: Dieser Mann, beteuerte sein Sohn am Donnerstag, sei „im Einsatz für Redefreiheit, Bürgerrechte und sexuelle Freiheit eine führende Stimme für einige der bedeutendsten sozialen und kulturellen Bewegungen der Zeit“ gewesen. Man kommt nicht gleich darauf: Es geht um Hugh Hefner.

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Der Hang zur Feierlichkeit ist erblich: 64 Jahre ist es her, dass Hefner selbst ein Magazin ins Leben rief, das, wie er beschwor, „mit dem bitteren Biss der Satire unsere Gesellschaft, ihre Ziele, ihre Hoffnungen und ihre Zukunft untersuchen“ sollte. Man kommt nicht gleich darauf: Es ging um den „Playboy“.

Das Verwirrende ist: Beide haben recht – Hugh Hefner und sein Sohn Cooper (26), heute Kreativchef bei Playboy Enterprises. „Hef“ und sein Heft wirkten zuletzt wie aus der Zeit gefallen, panitöse Ikonen einer untergegangenen Welt, aber sie haben sie verändert. Über Jahrzehnte war Hefner Kristallisationspunkt der Zeitläufte und amerikanische Reizfigur. Am Donnerstag ist er, krebskrank seit Jahren, mit 91 Jahren in Los Angeles gestorben.

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„Der ,Playboy’ ist das Produkt meiner puritanischen Herkunft“

Das ist heute schwer vorstellbar: Es gab ja Zeiten, als der „Playboy“ tatsächlich noch jemanden aufregte. Damals schliefen Eheleute in Hollywoodfilmen in getrennten Betten, und die christlich-fundamentalistische Rechte witterte nach dem Kommunismus eine neue Gefahr: das Weib, das ewig lockende! Brüste! Huch!? „Der ,Playboy’“, sagte dessen Erfinder, „ist das Produkt meiner puritanischen Herkunft.“ Seine Mutter habe ihn nie umarmt („aus Angst vor Bazillen“). Umso nackter, schöner und verfügbarer waren Hefners Mädchen. Und sie blickten in ihrer schmollmündigen Sinnlichkeit so unschuldig in die Welt, dass sich der hühnerbrüstigste Leser plötzlich stark und breitschultrig fühlte.

Es war der 2. Dezember 1953, und Hefner, Sohn eines Buchhalters und einer Lehrerin aus Chicago, meinte das mit der Hoffnung und der Zukunft ganz ernst: 600 Dollar hatte er sich geliehen, um dem Fotografen Tom Kelley eine Handvoll Nacktbilder der Schauspielerin Norma Jean Baker abzukaufen. Da lag sie nun, 50 000-mal Marylin Monroe auf dem Cover, hingegossen auf ein rosa Satinsofa. Ein Knaller. Und Hefner, 27 Jahre alt, methodistisch erzogen, mit einem IQ von 152, war im Begriff, die Dreifaltigkeit der kulturellen Werte in den USA – Gott, Familie, Arbeit – aus den Angeln zu heben.

„Provozieren wollte ich nie“, hat er mal gesagt. Und wirklich: Wenn Larry Flints „Hustler“ der Rolling Stone unter den Herrenmagazinen war, dann war der „Playboy“ die Beatles: glatt, rein, keimfrei. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs flog Hefner im schwarzen „Playboy“-DC-9-Jet mit Bunny auf der Schwanzflosse um die Welt, trank 25 Pepsi-Cola am Tag, lief im weinroten Pyjama durch seine „Playboy Mansion“ in Chicago und sah sich als liberale Lichtgestalt. Der Supermacho, der in 20 „Playboy Clubs“ 20 000 Mädchen mit Hasenohren und Bunny-Schwänzchen Cocktails servieren ließ – bis seine Tochter die Clubs 2009 schloss –, hielt sich immer für einen Frauenversteher. Die Empörung der Feministinnen hat er nie begriffen: „Wir wollen doch dasselbe?!“, wunderte er sich. Zum Beispiel das Recht auf Abtreibung. Der kleine Unterschied: Hefners „Playboys“ wollten sich lästiger Sexfolgen entledigen dürfen, Frauen dagegen frei über ihren Körper entscheiden.

„Wer will nicht bis in alle Ewigkeit neben Marilyn liegen?“

Zuletzt war der „Playboy“-Look von einer lächerlichen Bravheit: Gelackte Frauen mit geschminkten Brustwarzen und gestutztem Schamhaar stehen für einen Plastiksex, dessen Eintönigkeit noch plüschiger ist als Puschelschwanz und Hasenohren. Das ist Erotik für popoklatschende Skatrunden, ein Fleisch gewordener Altherrenwitz. Sie wissen das im Konzern. 2015 wagte man eine Radikalkur: keine Nackten mehr im Blatt. Das war weder ein feministischer Gnadenakt noch Ausweis von Prüderei und Neobiedermeier. Sondern schlicht eine Kapitulation vor der schreienden Nacktheit im Netz. Doch seit März sind die Girls wieder oben und unten ohne zu sehen.

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Wie besessen arbeitete Hefner am vermeintlichen Männertraum der Sechzigerjahre: einem Leben, das nur aus Karriere und folgenlosem Sex besteht. Heute wirkt diese ganze James-Bond-Idylle, in der nach Rasierwasser duftende Segeljachtbesitzer in Seidenbademänteln breite Treppen herunterstolzieren, um sich von willfährigen Gespielinnen edlen Cognac reichen zu lassen, so gestrig wie ein Grammophon. Auch wenn die Ära der egozentrischen Alphamachos mit der Präsidentschaft von Donald Trump – der Hefners Hang zum goldenen Wasserhahn zu teilen scheint – noch einmal aufflackert. Der große Unterschied: Hefner war im Kern ein Bürgerrechtler.

Zuletzt freilich wurde er zur Parodie auf sich selbst. Seit 20 Jahren gab er in seinem lilafarbenen Bademantel den lustigen Kuschelopa der Spaßgesellschaft. Mit bis zu sieben Spielgefährtinnen namens Tiffany, Stephanie, Cathie, Katie, Buffy, Tina und Regina spielte er in der „Playboy Mansion“ bis 2005 Mädchenpensionat mit Anfassen. „Die Tage vergehen wie bei Großmutter zu Hause“, sagte Hefner-Bunny Cathie mal. Mein Gott, wollte man da sagen, dann such dir doch ’nen Job und lass den armen Mann in Würde alt werden. Müde sah er aus in den letzten 15 Jahren, Augenaufschläge kamen wie in Zeitlupe. Auf seinen Partys lächelten die Carmen Elektras ihr leeres Lächeln über monströsen Betonbusen. Und nichts in dieser bizarren Welt verriet, dass sich der Planet Erde seit den Fünfzigerjahren ein gutes Stück weitergedreht hat. Zuletzt heiratete er das 60 Jahre jüngere Model Crystal Harris.

„An dem Tag, an dem Hugh Hefner mit Bunnyschwänzchen auftritt, haben wir die Gleichberechtigung erreicht“, sagt die US-Bürgerrechtlerin Susan Brownmiller. Dazu kam es nie. Eine Grabstätte hatte er schon reserviert. Er liegt künftig neben Marylin Monroe. „Wer will nicht bis in alle Ewigkeit neben Marilyn liegen?“, sagte er einst. Ob das auch Norma Jean Baker gefallen hätte – das war Männern wie Hugh Hefner nie wichtig.

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Von Imre Grimm/RND

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