Quecksilber in der Oder

Tausende Fischkadaver, Badeverbote: Seit Jahren werden geltende Richtwerte ignoriert

In Höhe der Insel Ziegenwerder in Frankfurt (Oder) liegt ein toter Fisch am Ufer.

In Höhe der Insel Ziegenwerder in Frankfurt (Oder) liegt ein toter Fisch am Ufer.

Berlin. Das Fischsterben in der Oder beunruhigt seit Tagen die Menschen an dem deutsch-polnischen Grenzfluss. Tausende tote Fische wurden in dem Fluss entdeckt, ein Teil davon auf Höhe der Stadt Frankfurt (Oder) und umliegender Orte. In Polen sind laut Wasserbehörde bereits zehn Tonnen verendeter Fisch geborgen worden. Auch in Deutschland sind viele freiwillige Helfer an den Ufern unterwegs.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Behörden suchen fieberhaft nach den Ursachen der Katastrophe. Wasserproben nach dem Fischsterben haben nach Angaben der Umweltverwaltung im Kreis Märkisch-Oderland Hinweise auf eine erhebliche Quecksilberbelastung des Flusses ergeben. Deren Herkunft und der genaue Zusammenhang mit dem Fischsterben gelten noch als ungeklärt. Nach Angaben der polnischen Umweltschutzbehörde wurde das Fischsterben wahrscheinlich von einer Wasserverschmutzung durch die Industrie ausgelöst.

Rätselhaftes Fischsterben in der Oder: Quecksilberbelastung als Ursache?

Auf polnischer und auf deutscher Seite des Flusses wurden Tausende tote Fische entdeckt. Die Ermittlungen laufen.

Starke Welle organischer Substanzen

Im Potsdamer Landesumweltministerium hieß es, erste Analyseergebnisse zeigten übereinstimmend, dass eine starke Welle organischer Substanzen durch die Oder bei Frankfurt gegangen sei und sich seitdem flussabwärts fortsetze, aktuell bis Schwedt. Die Auswirkungen auf das Ökosystem ließen auf synthetische chemische Stoffe, sehr wahrscheinlich auch mit toxischer Wirkung für Wirbeltiere schließen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der RBB hatte Donnerstagabend berichtet, Mitarbeiter des Landeslabors hätten in den Wasserproben so hohe Werte von Quecksilber gefunden, dass das Testergebnis nicht darstellbar sei und die Testung wiederholt werden müsste.

Dass Quecksilber in irgendeiner Form bei der möglichen Vergiftung der Wassertiere beigetragen hat, verwundert weder Umweltmediziner noch Umweltschützer. Denn Quecksilber ist, wie bereits 2015 Greenpeace in einer Studie feststellte, ein Langzeitproblem. „Zur Langzeitexposition trägt die Belastung der Luft, des Wassers und des Bodens mit Quecksilber aus der Kohleverbrennung, der Erdgasförderung, der Verhüttung und Produktion von Eisen und Nichteisenmetallen und anderen anthropogenen Quellen wesentlich bei.“

Durch Industrie ausgelöst?

Nach Angaben der polnischen Umweltschutzbehörde wurde das aktuelle Fischsterben wahrscheinlich von einer Wasserverschmutzung durch die Industrie ausgelöst.

Viele tote Fische treiben im Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder im Nationalpark Unteres Odertal nördlich der Stadt Schwedt.

Viele tote Fische treiben im Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder im Nationalpark Unteres Odertal nördlich der Stadt Schwedt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wissenschaftler gehen nach einem Biomonitoring in 17 EU‑Ländern davon aus, dass jährlich mehr als 1,8 Millionen Kinder innerhalb der Europäischen Union mit einer relevanten Methylquecksilberbelastung geboren werden. Schätzungsweise 200.000 Neugeborene werden mit einer Belastung geboren, die über den Grenzwerten der WHO liegen. Da Quecksilber vom Organismus nicht ausgeschieden werden kann, reichert es sich im Körper an.

Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), ein Gremium der Umweltministerkonferenz, stellte bereits 2016 fest: „Die für Quecksilber in Biota einzuhaltende Umweltqualitätsnorm wird in deutschen Binnengewässern flächendeckend überschritten.“

Emissionen minimieren

Der Quecksilber-Ferntransport im globalen atmosphärischen Kreislauf sowie die Depots in Boden und Gewässersedimenten führten dazu, dass nur sehr langsam eine Minderung der Biota-Belastungen zu erwarten sei. „Unabhängig davon sind die Quecksilber-Emissionen nach dem fortentwickelten Stand der Technik auch luftseitig weiterhin zu minimieren.“

Lena-Marie Mutschler vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) arbeitet als Projektkoordinatorin Oderschutz in der Europäischen Umweltschutzinitiative (Eureni) und ist Beobachterin in der Internationalen Kommission zum Schutz der Oder gegen Verunreinigungen (Ikso). „Das Fischsterben in der Oder – in dieser Menge und auf dieser langen Strecke – ist eine Katastrophe, die ich so noch nie erlebt habe.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mutschler vermutet, dass sich in der Oder unglückliche Umstände potenziert hätten. „Die Hitze, der geringe Wasserstand und die dadurch steigende Konzentration eines noch unbekannten Giftstoffes im Wasser.“

Permanente Vergiftung

Die Umweltschützerin versteht die Beunruhigung der Menschen an der Oder wegen der akuten Bedrohung durch einen offensichtlich hochkonzentrierten Schadstoffeintrag im Wasser, sagt sie. „Leider gibt es keinen Aufschrei wegen der permanenten Bedrohung durch Quecksilber im Wasser.“

Mutschler erklärt, dass es seit 2000 EU‑Richtlinien gebe, wie hoch der Quecksilbergehalt im Wasser sein darf. „Alle Gewässer in Europa scheitern daran“, sagt sie. Die Erklärung: Für Bewirtschaftungspläne entlang der Flüsse werden von den Ländern bei der EU-Kommission häufig Fristverlängerungen für die Einhaltung von Richtwerten begründet, kritisiert die Expertin.

Kapitulation der Behörden?

Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser führt das in einem Arbeitspapier vom 24. Juli 2020 schnörkellos vor. „Für Quecksilber“, heißt es darin, „ist das Vorgehen in ‚Handlungsempfehlung zur Ableitung der bis 2027 erreichbaren Quecksilberwerte in Fischen‘ beschrieben. Eine Fristverlängerung bis 2100 wird empfohlen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das heißt nichts weiter als die Kapitulation der Behörden vor den Quecksilbereinträgen etwa der Industrie und die Verschiebung der Einhaltung gültiger Grenzwerte auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.

Die Oder ist dabei kein Einzelfall, wie eine Stellungnahme des BUND aus dem vergangenen Jahr zu den Entwürfen der Aktualisierung von Bewirtschaftungsplan und Maßnahmenprogramm der Flussgebiets­gemeinschaft Elbe beweist. Die hohe Schadstoffbelastung in der Elbe, heißt es darin, sei eines der Hauptprobleme für die Umsetzung der Qualitätsanforderungen der Wasserrahmenrichtlinie. Besonders die allgemeine Belastung mit Quecksilber ist alarmierend, da eine Überschreitung der Richtlinien weiterhin flächendeckend vorliege.

Umweltmediziner warnt vor Hirnschäden

Die Umweltschützer warnen: Quecksilber könne insbesondere in Form des organischen Methylquecksilbers auch beim Menschen zu erheblichen Gesundheitsschäden führen. Alle 3097 Oberflächenwasser-Kontroll­punkte im deutschen Teil der Elbe überschritten die Norm für Quecksilber.

Der frühere Lüdenscheider Umweltmediziner Walter Wortberg hält das Geschehen an der Oder für „hochbrisant“. Er tippt angesichts der Schilderungen in Medien nicht allein auf Quecksilber. „Die Labore werden sicherlich auch die Existenz von Zinn oder organischen Zinn-Verbindungen untersuchen. Ein Vorhandensein wäre sehr gefährlich für die Gesundheit von Menschen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wortberg spricht von möglichen Hirn- und Nervenschädigungen sowie von Gefahren für Leber und Nieren.

Todesursache unbekannt

Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister von Brandenburg, gibt ein Interview zum Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss Oder im Nationalpark Unteres Odertal nördlich der Stadt Schwedt.

Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister von Brandenburg, gibt ein Interview zum Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss Oder im Nationalpark Unteres Odertal nördlich der Stadt Schwedt.

Inzwischen geht die Ursachensuche im Osten Brandenburgs weiter. Landesumweltminister Axel Vogel (Grüne) bestätigte zwar, dass eine Quecksilberbelastung in der Oder festgestellt worden sei – „aber wir können zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Aussage treffen, dass Quecksilber ursächlich für den Tod der Fische verant­wortlich ist“, sagte er am Freitag in Schwedt. „Wir wissen im Moment nicht, woran sie wirklich gestorben sind.“

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen