Bewohner in Sorge

Stimmen aus Kiew: „Sie werden alles zerstören“

Zerstörung in Butscha in der Nordukraine: Viele Bewohner von Kiew fürchten, dass die russische Armee auch dort skrupellos gegen Zivilisten vorgehen werden.

Zerstörung in Butscha in der Nordukraine: Viele Bewohner von Kiew fürchten, dass die russische Armee auch dort skrupellos gegen Zivilisten vorgehen werden.

Der Krieg, das ist für ihn vor allem dieses Geräusch, es sind die regelmäßigen Schläge der Artillerie, wie ein Takt, der dem Leben die Angst aufzwingt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Andrii Kovpak, Lehrer und Übersetzer für Deutsch, wohnt mit seiner Frau und der zweijährigen Tochter am Nordrand von Kiew, im Städtchen Wyschhorod, nur wenige Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt. Nicht weit von dort steht jener Dutzende Kilometer lange russische Militärkonvoi, der offenbar nur darauf wartet, nach Kiew einzufahren.

+++ Alle aktuellen Entwicklungen im Liveblog +++

Kovpak, 41 Jahre alt, hat diesen Konvoi nicht gesehen, aber er weiß davon aus Berichten, wie sie hier überhaupt immer sehr viel und sehr wenig zugleich wissen. „Keiner weiß genau, was los ist“, sagt Kovpak am Telefon, weil auch schwer zu sagen sei, was Propaganda ist und was Nachricht. Klar ist nur: „Die Lage ist bedrückend. Und zugleich ist alles so empörend, es macht so wütend.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kaum Brot – und mit Glück Windeln

Immer stärker, so schildert es Kovpak, macht sich allmählich der Mangel im Alltag bemerkbar. Strom und Internet funktionierten zwar noch, meistens jedenfalls. Die Geschäfte aber sind nur noch am Vormittag geöffnet, aber es dürften nur wenige Menschen gleichzeitig hinein, zwei Stunden stehe man in der Schlange, und auch dann gebe es längst nicht mehr alles: „Es gibt keinen Nachschub mehr, die Regale werden nicht mehr aufgefüllt – und kaum Brot.“ Am Tag zuvor habe er Windeln für seine Tochter bekommen. „Das war dann schon ein großes Glück.“

Die Geldautomaten sind leer, nur manchmal könne man noch in Geschäften beim Einkauf Bargeld abheben. Und auch da gibt es für Kovpak keinen Nachschub mehr. Sein Unterricht fällt aus. Ob sein Einkommen weiterläuft? „Nein“, sagt Kovpak, und man hört ihn dabei förmlich milde lächeln über die sehr abwegige Frage.

Erbittert gekämpft wird auch anderswo in der Ukraine, in Charkiw und um Mariupol, und die Kovpaks wissen, was das heißt. Andriis Frau kommt aus Luhansk, Ost-Ukraine, vor acht Jahren hat sie dort den Krieg erlebt, die Söldner, so erzählt es Kovpak, die dort durch die Straßen zogen. „Zu Tausenden wurde dort gestorben“, sagt er, „meine Frau hat für ihr Leben ein Trauma.“ Und so falle es ihr nun umso schwerer, ruhig zu bleiben. Er rede ihr gut zu, ermutige sie, sich auch mal auszuruhen. „Du musst schlafen, dein Kind braucht deine Kraft“, sage er ihr dann.

Seit vier Tagen keine Nachricht

Aber nicht immer gelinge das. Ihre Mutter verstecke sich in Luhansk in einem Keller. „Aber seit vier Tagen haben wir keine Verbindung zu ihr.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ob er auch selbst Molotowcocktails basteln will, wie es das ukrainische Verteidigungsministerium jetzt propagiert? Nein, sagt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das effektiv ist.“ Sich unbewaffnet einem Panzer und hochgerüsteten Soldaten entgegenzustellen, „das ist lächerlich und gefährlich“. Die westlichen Sanktionen und Waffenlieferungen seien eine große Hilfe: „Man muss verhindern, dass die Truppen einfach durchmarschieren, sie zumindest aufhalten.“

Zugleich aber sei Putin „krank“, er werde immer neuen und immer mehr Nachschub schicken. „Zuversichtlich bin ich null“, sagt Kovpak.

Und jetzt doch die Flucht?

Es ist insbesondere die Rakete auf Charkiw, der Einschlag und die Explosion auf dem zentralen Platz, die auch die Menschen in Kiew nun entsetzt. In ihrem Viertel in der Hauptstadt sei es noch ruhig, sagt Maria, eine 32-jährige Softwareentwicklerin. „Aber die Bilder aus Charkiw zeigen, wozu sie fähig sind. Sie werden alles zerstören“, fürchtet sie. Eigentlich hätten sie und ihre Familie in der Stadt bleiben wollen – nun aber überlegt auch sie zu fliehen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mit dem Zug nach Warschau, das wäre ihre Option – wenn sie denn noch einen Platz in einem der überfüllten Waggons bekommen. „Man kann keine Tickets mehr kaufen“, sagt sie bedauernd, aber wahrscheinlich werden sie es trotzdem versuchen. Wenn nicht mehr heute, dann wohl morgen. Bis zu zehn Personen, so hat sie gehört, lasse man in ein Abteil. Aber wer, fragt sie, werde sich da schon an der Enge stören.

Und wenn sie bleibt? Am liebsten, sagt Maria, würde auch sie Molotowcocktails bauen. So wie ihre Freunde, die sie auf dem Balkon lagerten, um sie jederzeit auf Panzer in den Straßen werfen zu können, wenn es so weit ist. Leider aber habe sie kein Auto und daher auch kein Benzin, das man für den Bau braucht. Also versucht sie auf andere Art, einen Beitrag zu leisten: „Ich spende“, sagt sie, „so viel ich kann für unsere Armee tun.“

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken