Inselnetz lahmgelegt

Stromausfall auf Bornholm: Alles ein blöder Zufall?

Rønne ist die Hauptstadt von Bornholm - wer dorthin reisen will, sollte die neuen Reisebeschränkungen für Dänemark kennen.

Rønne: Auf ganz Bornholm ist am Montagmorgen der Strom ausgefallen. (Archivbild)

Seit den Nordstream-Lecks ist das dänische Bornholm in der Weltpresse präsent – quasi als Ortsmarke der europäischen Energiekrise. Vor den Küsten der Ostseeinsel verlaufen die sabotierten Gasröhren Nord Stream 1 und 2.

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Deshalb machte es am Montag Schlagzeilen, dass der Strom auf Bornholm für einige Stunden komplett ausfiel. Die Insel misst 588 Quadratkilometer und ist damit etwa halb so groß wie die nächstgelegene deutsche Insel Rügen. Die Behörden teilten zunächst mit, ein Unterwasserkabel, das Strom aus Schweden liefere, sei gekappt worden. „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen Grund, über die Ursache zu spekulieren“, schrieb der Versorger Trefor auf seiner Website. „Und wir sind dabei zu klären, was für den Stromausfall verantwortlich ist.“

Natürlich befeuerte diese Aussage eben genau das: Spekulationen. Wieder Sabotage, ein mutmaßlicher Anschlag – wie schon bei den Nordstream-Leitungen?

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Die Bornholmer, das wird nach wenigen Anrufen klar, sind erpicht darauf, sich nicht weiter geopolitisch zu verstricken.

„Schreiben Sie nicht …“, sagt die Mitarbeiterin der Bibliothek am Telefon, „dass es …“, sie senkt die Stimme in ein ironisches Flüstern, „die Russen waren.“ Der Ausfall hänge nicht mit dem aktuellen Konflikt zusammen, ver­mutet sie, sondern sei ein „blöder Zufall“. Denn es passiere häufiger mal, dass auf Bornholm der Strom aus­fällt. Etwa weil ein Schiffsanker mit dem besagten Unterwasserkabel nach Schweden kollidiere. „Es gibt keinen Grund, panisch zu werden.“

Letzter großer Stromausfall vor einem halben Jahr

Tatsächlich ist es erst etwas mehr als ein halbes Jahr her, dass auf Bornholm das Netz ausfiel – am 26. Februar, ebenfalls in den Morgenstunden. Damals lag es an dem Seekabel und einem Fehler im Hochspannungsnetz. Die Leitung verläuft auf dem Meeresboden zwischen dem Inselort Hasle und dem südschwedischen Borreby. Es verbindet das Bornholmer Stromnetz mit dem des Nachbarlandes; die Insel ist dem schwedischen Festland näher als dem dänischen. In der Vergangenheit führten immer wieder technische Fehler und herunter­gelassene Schiffsanker dazu, dass die Stromverbindung nach Schweden unterbrochen wurde, schrieb im Februar auch die Zeitung „Bornholms Tidende“. Nur kümmerte das außer den Insulanern niemanden. In Zeiten der Energiekrise ist das anders.

Expertinnen und Experten fordern flächendeckende Krisen-Vorbereitungskurse

Seit dem Bahn-Blackout geht in Deutschland die Sorge um, es könne zu weiteren Blackouts auch bei der Stromversorgung kommen.

Seit den mysteriösen Lecks der Nordstream-Pipelines ist auch der breiteren Öffentlichkeit klar: Energie- und Datenleitungen unter Wasser sind potenzielle Ziele im hybriden Krieg um Einfluss und Märkte. „Das Ergebnis ist jedenfalls Verunsicherung und das Stricken von Verschwörungstheorien“, sagt Professor Christian Bueger, der sich an der Universität Kopenhagen mit maritimer Sicherheit und Störungsfällen unter Wasser beschäftigt.

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Verkehr läuft ohne Ampeln

Die Bornholmer, das ergibt zumindest die Stichprobe, waren nicht sonderlich beunruhigt über den jüngsten Blackout. Obwohl etwa Internet und Telefon wegfielen. Ein Hotelier berichtet, er sei per SMS über den Ausfall informiert worden. In ein paar Stunden würde der Strom wieder hergestellt sein, schrieb ihm der Versorger. Das Netz war morgens um 7.49 Uhr ausgefallen. Dem Versorger Trefor zufolge hing um 9.35 Uhr etwa ein Drittel der 40.000 Einwohnerinnen und Einwohner wieder am Strom, bis zum späten Vormittag sei die Versorgung wieder komplett gewesen.

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Im Inselkrankenhaus mit 900 Betten sprang das Notstromaggregat an. Lebenserhaltende Maschinen seien zudem über einen Akkubetrieb gesichert gewesen, teilte die Sprecherin des Krankenhauses auf RND‑Anfrage mit. Es habe keine Gefahr für die Patienten bestanden. Die Facebook-Seite der Inselzeitung „Bornholms Tidende“ zeigt ein Video, wie der Straßenverkehr ohne Ampeln weiterrollt – sich selbst regulierend, scheinbar ohne Probleme.

Seekabel soll nicht das Problem sein

Kenneth Nielsen, 38, Besitzer einer Pension, bemerkte den Stromausfall, als er morgens am Küchentisch auf die schwarze Zeitanzeige an seinem Ofen blickte. Dann testete er das Licht. „Vielleicht ist es das Seekabel – oder es sind die Russen“, sagt er. Schiebt aber gleich hinterher: „Nein, nur das Seekabel.“

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Seinen sechs Gästen konnte er kein Frühstück servieren. Aber das sei kein Problem gewesen, man habe alles erklärt. Auch Nielsen sagt, dass Ausfälle eben hin und wieder vorkämen. Doch trotz aller dänischen Gelassen­heit – die Nordstream-Lecks trieben die Bornholmer natürlich um: „Alle Leute sprechen darüber: Wer es war, was noch passieren könnte.“

Das liegt auch an der speziellen Verbindung Bornholms zu Russland und der ehemaligen Sowjetunion. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzte die sowjetische Armee die Insel für fast ein Jahr. Deshalb gibt es Befürch­tungen, dass die Insel in den Konflikt gezogen werden könnte – zumindest als Teil der Kriegsrhetorik.

Am Montagnachmittag meldete der dänische Netzbetreiber Energinet, dass die Leitung zwischen Bornholm und Schweden wieder funktioniere – der Stromausfall sei auf einen lokalen Fehler auf der Insel zurück­zuführen.

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Und der Versorger Trefor kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an, mit Ergebnissen rechne man in den nächsten Tagen. Dann wissen die Bornholmer, ob es bloß ein weiterer Stromausfall war – oder ob ihre Insel zukünftig noch viel mehr Aufmerksamkeit bekommen wird.

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