Afghanistan: Desaströse Zustände bei Bildung, medizinischer Versorgung und Verwaltung

Frauen stehen Schlange, um bei einer vom Welternährungsprogramm organisierten Geldausgabe Bargeld zu erhalten. Tausende von afghanischen Familien melden sich für die WFP-Hilfe an, weil sie sich angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Landes keine Lebensmittel leisten können.

Kabul. Der Wechsel von einer bewaffneten Aufstandsbewegung zu einer Regierung verläuft für die militant-islamistischen Taliban holprig. Vor fünf Monaten übernahmen sie die Macht in Afghanistan. Jetzt straucheln sie, wichtige öffentliche Dienstleistungen anzubieten.

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Lehrer: „Wir alle sind entmutigt und niedergeschlagen“

Mohammed Dadfar klingt angeschlagen. Zwölf Jahre lang hat er als Lehrer in der Provinz Bamian in Afghanistan die Landessprache Dari und Geschichte unterrichtet. Zwölf Jahre lang habe er sich jeden Tag auf die rund 900 Schülerinnen und Schüler seiner staatlichen Schule gefreut, auf ihre Lebhaftigkeit und ihre Wissbegierde. Seit aber die militant-islamistischen Taliban die Macht in seinem Heimatland übernommen habe, sei alles anders.

Der afghanische Lehrer Mohammed Dadfar aus der afghanischen Provinz Bamian steht neben seinem Motorrad.

Der afghanische Lehrer Mohammed Dadfar aus der afghanischen Provinz Bamian steht neben seinem Motorrad.

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„Wir alle sind entmutigt und niedergeschlagen“, sagt Dadfar. Das liege einerseits daran, dass viele Träume und Lebensziele mit der Rückkehr der Islamisten Mitte August geplatzt seien. Viel schlimmer aber sei, dass die ohnehin bisher mickrig bezahlte Lehrerschaft seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen habe, erzählt Dadfar am Telefon.

Heute bleiben viele Lehrer den Schulen fern, weil sie gezwungen sind, anderswo Geld zu verdienen. In der Vergangenheit wurden laut UN-Kinderhilfswerk Unicef die rund 190 000 Lehrer im öffentlichen Schulsystem bis zu 70 Prozent über ausländische Gelder finanziert. Die internationalen Truppen sind Ende August abgezogen, die Taliban übernahmen die Macht, aber kein Land hat ihre Regierung anerkannt.

Die Lehrer stünden heute unter derart großem Stress, Geld aufzutreiben, dass sie sich kaum auf den Unterricht konzentrieren könnten, sagt Dadfar. Er selbst müsse sich bei seinem Vermieter immer wieder und lange für längst überfällige Mieten entschuldigen. Er verstecke sich aus Scham vor dem Ladenbesitzer in seinem Dorf, bei dem er hohe Schulden angehäuft habe. Auch zuhause gebe es immer öfter Streit wegen Geld. Die Ablenkung und fehlende Motivation der Lehrer wirke sich auch auf die Schüler aus.

Dadfar taucht immerhin weiter an seiner Arbeitsstelle auf. Der Oberlehrer Hamidullah Ramaki aus Kabul erzählt, in seiner staatlichen Schule mit 19 Klassen seien in der Zeit vor den Winterferien immer nur sieben oder acht Lehrer zum Unterricht gekommen. Er habe seine Bücher verkauft, um Holz für den Winter kaufen zu können. Ein Schulleiter im Bezirk Burka der Provinz Baghlan sagt, frage er seine Lehrer, wieso sie nicht pünktlich seien, würden sie ihn fragen, wo denn ihr Gehalt bleibe.

Unicef warnt vor einem Kollaps des Systems mit gravierenden Folgen. „Wenn die Lehrer ihre Gehälter nicht erhalten, besteht die akute Gefahr, dass das gesamte System zusammenbricht“, so eine Unicef-Sprecherin. Die fast acht Millionen Kinder, die derzeit eine Schule besuchten, könnten so nie das Wissen und die Fähigkeiten erwerben, die sie für ein Leben in Würde benötigten.

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Medizinische Versorgung nur noch eingeschränkt möglich

Doch nicht nur der Bildungssektor hat massive Probleme. Fast fünf Monate nach ihrer Machtübernahme straucheln die Taliban, wichtige öffentliche Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen - mit teils desaströsen Folgen.

Um das Gesundheitswesen steht es noch schlimmer. Es wurde zu einem großen Teil von internationalen Geldgebern über einen von der Weltbank verwalteten Fonds finanziert. Dieser stellte seine Zahlungen aufgrund der Sanktionen gegen die Taliban ein.

Doktor Musa Dschan Sultani, Vizechef der Gesundheitsabteilung der Provinz Kandahar im Süden des Landes zählt am Telefon im Stakkato-Ton auf, was seither in den staatlichen Gesundheitseinrichtungen nicht mehr funktioniert. „Rettungswagen können in vielen Gegenden nicht mehr fahren, weil es kein Benzin gibt. Ärzte können in manchen Gegenden keine Nachtdienste abhalten, weil es keinen Strom gibt. Mitarbeiter im Gesundheitssektor können nicht mehr zur Arbeit kommen, weil sie sich die Fahrt zu ihrer Arbeitsstelle nicht mehr leisten können. Wieder andere haben ihren Job gänzlich aufgegeben und wollen ins Ausland, um dort Geld zu verdienen.“

Lokale Medien berichteten davon, dass vor allem die Unterversorgung in Gebieten außerhalb der Provinzstädte immer wieder tödliche Folgen hat. Familien könnte nun, da es keine Kämpfe mehr gibt, besser ausgestattete Regionalkrankenhäuser endlich gefahrlos erreichen. Weil sie aber kein Geld für eine Fahrt hätten, brächten sie die stark steigende Zahl an unterernährten Kindern viel zu spät zu Ärzten. Oft könne man für sie dann nichts mehr tun.

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Gerichte und Ministerin arbeitsunfähig

Angesichts derartig gravierender Probleme scheint es fast irrelevant, dass die Taliban ihr Versprechen nicht umsetzen, das über Jahre durch den Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen. Auch hier mangelt es am Geld. Auch das Justizsystem funktioniert erst eingeschränkt. Einem ehemaligen Richter zufolge sind die Gerichte zumeist nur mit drei Mitarbeitern besetzt: dem Oberrichter, einem Mufti und einem Schreiber. Sie nähmen die allermeisten Fälle allerdings nicht an und sagten den Menschen, sie sollten warten. Heiratsurkunden, Vollmachten oder Beglaubigungen würden ausgestellt, weil die Taliban damit Einnahmen verbuchen könnten.

Neben Geld fehlt es auch an Know-how. Ministerien sollen bis heute praktisch leer sein. Die Taliban haben wiederholt Beamte der Vorgängerregierung dazu aufgerufen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen - doch nur einen Teil von ihnen kam dieser Aufforderung nach. Wenn sie kommen, dann wegen des ausstehenden Gehalts oft nur einen Tag in der Woche.

Befragt man Behördenvertreter der Taliban zu den öffentlichen Dienstleistungen, erhält man oft widersprüchliche Antworten. Von einem Sprecher des Finanzministeriums hieß es, man zahle aktuell nicht mangels Gelder keine Pensionen an ehemalige Regierungsbeamte aus, sondern weil die Personalausweis-Systeme nicht aktiv seien.

Von der Behörde, die Personalausweise ausgibt heißt es, in 20 Büros in Kabul sowie in zehn Provinzen stelle man momentan die neueren „E-Taskeras“ im Scheckkartenformat aus, in den anderen Provinzen könne man jederzeit einen Personalausweis auf Papier erhalten. Andere Behördensprecher wie etwa der Stadtgemeinde Kabul sagen, es gebe kleinere Anpassungen wegen mangelnder Finanzen, man baue aber weiter Straßen, repariere Gehsteige oder sammle den Müll ein.

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Große Finanzprobleme wegen Wegfall von Hilfsgeldern

In der Vergangenheit wurden 75 Prozent der Staatsausgaben in Afghanistan von Geberländern finanziert. Laut Weltbank könnten die Taliban maximal 2,2 Milliarden US-Dollar an Einnahmen jährlich generieren, was ohne Hilfsgelder einen Rückgang der Staatsausgaben von mindestens 60 Prozent bedeute.

Beobachter sagen, den Taliban hätte klar sein müssen, dass ausländische Gelder eingestellt werden, wenn sie das Land militärisch übernehmen. Auf Forderungen westlicher Geldgeber, Frauen- und Menschenrechte zu achten und andere politische Kräfte einzubinden, sind sie bisher praktisch nicht eingegangen.

Beobachter warnen die westlichen Länder aber davor, den afghanischen Staat kollabieren zu lassen - mit Folgen für die gesamte Region und darüber hinaus. UN-Agenturen und Hilfsorganisationen haben zuletzt immer wieder darauf hingewiesen, dass die Sanktionen und damit eingestellten Zahlungen nicht die Taliban-Führung, sondern die einfachen Menschen träfen.

Angesichts der katastrophalen humanitären Lage in Afghanistan erleichterten die USA vor wenigen Tagen internationale Hilfen. Davor hatte der UN-Sicherheitsrat eine Ausnahme vom Sanktionsregime für „humanitäre Hilfe und andere Aktivitäten zur Unterstützung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“ verabschiedet. Verbunden damit war ein Appell, die Hilfen in den Bereichen Nahrungsmittelversorgung, Gesundheit, Wasser und Abwasser sowie Bildung zu beschleunigen. Ob und wie schnell davon etwas beim Lehrer Mohammed Dadfar ankommt, wird sich zeigen.

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RND/dpa

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