Nachschubwege lahmgelegt

Gleise unbefahrbar: Belarussische Eisenbahner sabotieren Putins Krieg

Nachschub per Zug: Militärisches Gerät aus Russland und Belarus auf einem Güterzug.

Nachschub per Zug: Militärisches Gerät aus Russland und Belarus auf einem Güterzug.

Der Schienenverkehr ist für das Kriegsgeschehen in der Ukraine von erheblicher Bedeutung. Nachdem die ukrainischen Truppen in den ersten Tagen der Invasion die Bahnverbindungen nach Russland gesprengt hatten, haben nun belarussische Eisenbahnerinnen und Eisenbahner und Oppositionelle die Strecken aus Belarus ins Kriegsgebiet offenbar erfolgreich sabotiert.

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„Die Eisenbahnverbindungen zwischen der Ukraine und Weißrussland sind eingestellt worden“, sagte Oleksandr Kamyschin, der Leiter der staatlichen ukrainischen Eisenbahngesellschaft. Fachleute bestätigen diese Einschätzung.

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Über die Schienen werden Truppen und Gerät transportiert. Die zerstörten Bahnverbindungen können Experten und Expertinnen zufolge die Logistik des russischen Angriffskrieges wirksam schwächen. Deshalb kamen den Strecken aus Belarus in die Ukraine besondere Bedeutung zu. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko verteidigt seit Beginn die russische Invasion und hat sein Land als Truppenaufmarschgebiet für die russischen Truppen zur Verfügung gestellt. Auch über einen direkten Kriegseintritt von Belarus in den nächsten Tagen wird momentan viel spekuliert.

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Um dies zu verhindern, richtete der Leiter der ukrainischen Eisenbahnen, Oleksandr Kamyschin, bereits rund eine Woche nach Kriegsbeginn einen Aufruf an die Belarussen und Belarussinnen, den Aufmarsch zu verhindern. „Ich wende mich an die Belarussen. Die Eisenbahner, Kolchosearbeiter, Menschen anderer Berufe, Zivilisten und Soldaten. Unser Geheimdienst sagt, dass Ihre Truppen heute in Richtung Ukraine vorrücken. Bitte, wir wissen, dass es unter Euch noch ehrliche Menschen gibt. Tun Sie alles in Ihrer Macht Stehende, um die Truppen aufzuhalten. In Wort und Tat. (…) Wenn Sie ein Eisenbahner sind, befolgen Sie nicht den kriminellen Befehl, sabotieren Sie. Transportieren Sie keine Ausrüstung und Truppen an die Grenze zur Ukraine. Wenn Sie ein Kolchosearbeiter sind – stellen Sie den Traktor auf die Gleise, lassen Sie sie nicht vorbei“, hieß es.

Dem Aufruf Kamyschins kamen einige belarussische Eisenbahner und Eisenbahnerinnen offenbar nach. Die belarussische Oppositionsorganisation BYPOL berichtete von mehreren Sabotageaktionen, die darauf abzielten, die Bewegung russischer Züge mit Militärarsenal zu verlangsamen. Bei der BYPOL handelt es sich um eine Gruppierung von belarussischen Sicherheitskräften, die während der Proteste 2020 auf die Seite der weißrussischen Opposition übergetreten waren.

Die Eisenbahner und Eisenbahnrinnen haben mehrere Schaltanlagen funktionsunfähig gemacht, sodass einzelne Schienenabschnitte blockiert wurden. An anderen Stellen kam es zu Kurzschlüssen. Außerdem verweigerten die Lokomotivführenden die Gefolgschaft. „Sie wollen nicht am Krieg teilnehmen“, hieß es von Seiten der Oppositionellen.

Inzwischen wurden die Meldungen der BYPOL auch von anderen Stellen bestätigt. Der belarussische Oppositionelle und Berater der Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, Franak Viačorka, teilte über Twitter mit, dass der Schienengrenzverkehr zwischen der Ukraine und Belarus zum Erliegen gekommen ist. Viačorka berichtete von zerstören Signallichtern und Gleisen, sowie von Hackerangriffen. Die Belarussen würden auch absichtlich die Fahrpläne durcheinander bringen, um die Transporte zu erschweren. Andere Oppositionspolitiker und Oppositionspolitikerinnen und Aktivisten und Aktivistinnen nannten auch Fälle von verbrannten Geräten in den Kontrollzentren.

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Die belarussischen Berichte werden mittlerweile auch von internationalen Fachleuten bestätigt. „In den vergangenen Tagen kam es zu zahlreichen Sabotageakten an der Eisenbahn, die als Absicht interpretiert wurden, Militärtransporte zu behindern“, sagte der polnische Weißrusslandexperte Michal Potocki.

Das Vorgehen der Eisenbahnerinnen und Eisenbahner sagt einiges über die Einstellung vieler Weißrussen und Weißrussinnen zum Krieg aus. „Niemand in diesem Land unterstützt die russische Invasion. Die Weißrussen kämpfen mit allen Mitteln“, schreibt Viačorka.

Laut des Analysten Pavel Havlicek von der Association for International Affairs zeigten umfangreiche und kreative Aktionen der Belarussen und Belarussinnen die Tiefe des Widerstands der belarussischen Gesellschaft gegen die russische Invasion. Die Sabotageaktionen der weißrussischen Eisenbahnen stellen eine erhebliche Komplikation für die russische Kriegsmaschinerie dar. „Die russische Armee ist abhängig von der Eisenbahn“, betont der Analyst.

Havlicek hält den Widerstand der Belarussen und Belarussinnen für einen wichtigen Faktor im weiteren Kriegsverlauf. „Weißrussland ist sehr wichtig für Russland. Das Land ist von großer strategischer Bedeutung. Es geht dabei nicht nur um die Ukraine, sondern auch die Nato-Staaten im Baltikum und die generelle strategische Position.“

Belarus hat eine gemeinsame Grenze mit den Nato-Staaten Polen, Litauen und Lettland. Außerdem beträgt die Entfernung zwischen Belarus und der russischen Enklave Kaliningrad nur etwa 100 Kilometer. Das polnische Gebiet dazwischen, unter Militärstrategen Suwalki-Lücke genannt, ist die einzige Landverbindung der baltischen Staaten mit den übrigen Nato-Partnern. Laut Fachleuten könnten Russland und Belarus im Falle eines möglichen militärischen Konflikts mit der Nato Interesse an einer Besetzung des Gebietes haben, um die baltischen Staaten zu isolieren.

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