Lockerung der Null-Covid-Politik

Nach der Öffnung folgt der Exitplan: Vor welchen Herausforderungen China jetzt steht

Ein Demonstrant protestiert vor der chinesischen Botschaft in Berlin gegen die Corona-Politik Pekings.

Ein Demonstrant protestiert vor der chinesischen Botschaft in Berlin gegen die Corona-Politik Pekings.

Peking. In Peking sind die Zeichen des Wandels mit bloßem Auge sichtbar: Etliche PCR-Teststationen wurden am Wochenende abmontiert, Tore vor den Wohnsiedlungen wieder geöffnet und Geschäfte aufgeschlossen. Vor allem wird den Corona-Infizierten in der Hauptstadt – zumindest in einigen Fällen – die Zwangsquarantäne im Spital erspart: Sie dürfen ihre Viruserkrankung nun in den eigenen vier Wänden auskurieren. Das tiefe Aufatmen vieler Hauptstädterinnen und Hauptstädter ist deutlich zu spüren.

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Praktisch drei Jahre, nachdem der erste Corona-Patient in Wuhan identifiziert wurde, hat Chinas Staatsführung nun also zur pandemischen Kurskorrektur angesetzt. Ob die Null-Covid-Politik nun vollkommen verabschiedet oder nur „flexibler umgesetzt“ wird, wie es im offiziellen Narrativ heißt, wird sich wohl zeigen. Doch es scheint mehr als offensichtlich, dass die Volksrepublik ihre Bevölkerung mental auf das „Leben mit dem Virus“ vorbereiten möchte.

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Der Propagandaapparat stellt dafür bereits die Weichen. „Chinesische Wissenschaftler haben bewiesen, dass die Pathogenität von Omikron im Vergleich zu früheren Varianten deutlich abgenommen hat!“, lautet etwa Schlagzeile der Parteizeitung „Global Times“ vom Donnerstag. Was keine Neuigkeit ist, muss in China als „Eilmeldung“ präsentiert werden, damit niemand der 1,4 Milliarden Menschen auf die Idee kommt, dass Xi Jinpings Prestigeprojekt der Null-Covid-Strategie möglicherweise gescheitert sei.

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Ein Erfolg bleibt den Chinesinnen und Chinesen unbenommen: Im Vergleich zu den meisten anderen Ländern hat man im Reich der Mitte die tödliche Welle der Delta-Variante nahezu ohne Virustote überstanden. Doch nun steht dem Land bevor, was der Rest der Welt bereits erprobt hat: das „Leben mit dem Virus“.

Die nun eingeleitete Öffnung erfolgt dabei weniger aus innerer Überzeugung denn äußerem Druck: Die Protestbewegung der letzten Woche hat Peking vor Augen geführt, dass die Geduld der Leute nach über zweieinhalb Jahren Null-Covid-Strategie am Ende ist.

Große Herausforderungen für China

In den nächsten Wochen und Monaten steht die Bevölkerung vor immensen Herausforderungen. Denn da die Lokalregierungen seit zwei Jahren ihre Gelder vor allem für die täglichen Massentests oder den Bau von Quarantänezentren ausgegeben haben, ist die Anzahl an Notfallbetten weiterhin nicht ausreichend für den Ernstfall.

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Der nur langsame Ausbau des Gesundheitssystems dürfte sich nun rächen: Es kursieren mehrere Prognosen, wie viele Menschenleben ein unkontrollierter Virusausbruch im Reich der Mitte fordern könne. Allesamt sind sie ernüchternd: Das in London ansässige Unternehmen „Airfinity“ geht zwischen 1,3 und 2,1 Millionen Toten aus. In einer aktuellen Studie vom Leiter der Seuchenschutzbehörde im südostchinesischen Guangxi wird bei einer Öffnung, wie sie zuvor in Hongkong durchgeführt wurde, ebenfalls von mehr als zwei Millionen Toten ausgegangen und bis zu 233 Millionen Infizierten.

Kann wieder lachen: Die Covid-Patientin Maren Bratner (42, l.) ist der Greifswalder Professorin Anke Steinmetz von Uni-Medizin sehr dankbar, dass sie nach der Therapie wieder ein positives Lebensgefühl entwickeln konnte.

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Gemindert werden könnte der gesundheitspolitische Schaden nur durch eine höhere Impfrate. Doch diese ist ausgerechnet bei den älteren Generationen viel zu niedrig: Nach wie vor haben lediglich 40 Prozent der über 80-Jährigen bislang eine Booster-Impfung erhalten. Die niedrige Impfrate hat vor allem mit der verbreiteten Wissenschaftsskepsis der Seniorinnen und Senioren zu tun, die lieber der traditionellen chinesischen Medizin vertrauen. Zudem hat der Staat im Vergleich zu anderen Generationen weniger Hebel, um sozialen Druck auszuüben. Die Impfkampagne lief schließlich vor allem über Parteiinstitutionen, Arbeitgeber und Schulen.

China scheut den Impfzwang – bis jetzt

Doch wie das Magazin „Caixin“ berichtet, möchte man bei den über 80-Jährigen nun bis Ende Januar eine Booster-Rate von 90 Prozent erzielen. Wie dies erreicht werden soll, ist allerdings noch völlig offen. Vor einem Impfzwang ist Peking bislang zumindest zurückgeschreckt.

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Ein wenig Abhilfe schaffen könnten zudem die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna, die in ihrer Wirksamkeit den chinesischen Totimpfstoffen überlegen sind. Bis heute sind allerdings keine ausländischen Vakzine in China zugelassen. Erklärt wird dies gemeinhin mit nationalistischem Stolz.

Doch die Gründe liegen tiefer: „Es ist nicht nur der Nationalismus, der China daran gehindert hat, westliche mRNA-Impfstoffe zu importieren, sondern auch der paranoide Glaube, dass es ein nationales Sicherheitsrisiko darstellt, sich auf westliche Impfstoffe zu verlassen“, kommentiert Tong Zhao, derzeit an der US-amerikanischen Princeton-Universität, auf Twitter.

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Ein Wandel der chinesischen Haltung ist auch weiterhin nicht in Sicht. Am Samstag sagte Avril Haines, Leiterin der US-amerikanischen Nachrichtendienste, dass Xi Jinping auf absehbare Zeit nicht bereit ist, westliche Impfstoffe zu akzeptierten – und das, obwohl dem Land schon bald rasant steigende Infektionszahlen bevorstehen dürften.

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