Turkstat

Das türkische Statistikamt steht in der Kritik – Zweifel an Unabhängigkeit

Türkische Banknoten (Symbolfoto). Acht von zehn Türkinnen und Türken, so eine Umfrage, halten die offiziellen Inflationszahlen der Statistikbehörde Turkstat für geschönt.

Türkische Banknoten (Symbolfoto). Acht von zehn Türkinnen und Türken, so eine Umfrage, halten die offiziellen Inflationszahlen der Statistikbehörde Turkstat für geschönt.

Athen. Vergangene Woche publizierte das türkische Statistikamt Turkstat die „Altersstatistik 2020″. Auf 113 Seiten beschäftigt sich der Bericht mit den Folgen der Überalterung, die auch in der Türkei einzusetzen beginnt. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung beträgt aktuell knapp 10 Prozent und wird sich bis 2060 voraussichtlich auf 23 Prozent mehr als verdoppeln.

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Im Mittelpunkt der Studie stehen die Lebensbedingungen dieser Altersgruppe. Aber eine wichtige Statistik, die in früheren Ausgaben des jährlich vorgelegten Berichts enthalten war, fehlt in diesem Jahr. Das Zahlenwerk enthält keine Angaben mehr zur Sterblichkeit und zu den Todesursachen.

Regierungskritische türkische Medien argwöhnen, damit versuche das Statistikamt, die wahren Folgen der Corona-Pandemie in der Türkei zu verschleiern. Nach Angaben des türkischen Gesundheits­ministeriums sind bisher 97.347 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben, so der Stand vom Dienstag. Aber der türkische Ärzteverband beziffert die Zahl der tatsächlichen Covid-Opfer auf mehr als 250.000.

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Die Statistikbehörde steht seit Längerem in der Kritik, vor allem wegen ihrer Daten zur Inflation und zur Arbeitslosigkeit. Die türkische Opposition erhebt den Vorwurf, Turkstat veröffentliche auf Druck der Regierung manipulierte Zahlen, um die Wirtschaftskrise zu bemänteln. Beispiel Teuerung: Während Turkstat die Inflation für den Monat Februar mit 54,4 Prozent berechnete, kommt die regierungs­unabhängige Forschungsgruppe Enag auf einen Preisanstieg von 123,8 Prozent.

Auch die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind umstritten. Nach Einschätzung des bekannten Ökonomen Mustafa Sönmez fallen rund 60 Prozent der tatsächlich Arbeitslosen aus der offiziellen Statistik, weil Turkstat nur solche Arbeitslose berücksichtigt, die aktiv nach einem Job suchen, nicht hingegen jene, die die Arbeitssuche aufgegeben haben.

Zwei Vizechefs der Behörde gefeuert

Während Kritikerinnen und Kritiker die Turkstat-Zahlen für verfälscht halten, sind sie Staatschef Erdogan offenbar immer noch zu hoch. In den vergangenen drei Jahren hat Erdogan bereits viermal den Präsidenten des Statistikamtes ausgewechselt. Vergangene Woche feuerte er zwei Vizechefs der Behörde, Serhat Idman und Nurettin Kaya. Die Entlassungen erfolgten, nachdem Turkstat die Inflationsrate für 2021 bekannt gegeben hatte: 36,1 Prozent. Das war der höchste Wert seit Erdogans erstem Wahlsieg vor 19 Jahren.

Acht von zehn Türkinnen und Türken, so eine Umfrage, halten die offiziellen Inflationszahlen für geschönt. Auch international kommt Turkstat zunehmend in die Kritik. Im Februar äußerte das Internationale Statistische Institut (ISI), eine 1885 gegründete Vereinigung von Statistikerinnen und Statistikern, „tiefe Besorgnis“ wegen der Ablösung des Behördenchefs Erdal Dincer. Die „intransparenten Personal­entscheidungen“ an der Spitze von Turkstat „untergraben die Glaubwürdigkeit der Institution“, stellte das ISI fest.

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Das gilt auch für die Corona-Zahlen der türkischen Regierung. Als sich im April 2021 die Zahl der Neuinfektionen binnen weniger Wochen versechsfachte, griffen die Gesundheits­behörden zu einem Trick: Sie fuhren die Zahl der Tests drastisch zurück. In der Folge fiel auch die Inzidenz. Schon 2020 gab es Manipulationen: Gesundheitsminister Fahrettin Koca meldete monatelang nur die Zahlen solcher Infizierter, die in die Kliniken eingeliefert wurden. Positiv Getestete, die nicht erkrankten, wurden verschwiegen.

Mit den geschönten Zahlen wollte die Regierung vor allem den Tourismus ankurbeln, vermuten Kritikerinnen und Kritiker. Erst unter dem massiven Druck aus dem Ausland korrigierte der Gesundheitsminister sein Meldeverfahren und nahm alle positiv Getesteten in die Statistik auf – mit dem Ergebnis, dass sich die Fallzahlen über Nacht vervierfachten.

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