Zehntausende verlassen das Land

Exodus wegen fehlender Perspektiven: IT-Spezialisten fliehen aus Russland

Zehntausende IT-Spezialisten fliehen wegen fehlender Perspektiven in diesen Monaten aus Russland.

Moskau. Es wirkt, als habe er ein schlechtes Gewissen: Der IT-Spezialist Sergej Krupnik hat seine russische Heimat verlassen, doch ganz wohl ist ihm dabei augenscheinlich nicht: „Xenophobe Hasser werden sagen: ‚Willst du, dass andere für dich dem Land von seinen Knien aufhelfen?‘“, schreibt er auf vc.ru, einem Internetportal, das sich auf Technologie und Wagniskapital spezialisiert hat.

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Doch so sehr diese Frage an Krupnik nagt, so hat er sich doch für den Gang ins Exil – zunächst in die Türkei – entschieden. Wesentlicher Auslöser sei die militärische Eskalation zwischen Russland und der Ukraine am 24. Februar gewesen, die seine neue E-Commerce-App Travers ruiniert habe. Die Software sollte Freizeitsportlerinnen und ‑sportler mit Trainerinnen und Trainern zusammenbringen, doch das wird sie jetzt erst einmal nicht mehr tun: „Wir warteten drei Tage, dann entschieden wir, das Projekt einzufrieren.“

Damit seien zweieinhalb Jahre Entwicklungsarbeit und deren erste Früchte des Erfolgs auf einen Schlag futsch gewesen und damit Zehntausende Dollar und Tausende Arbeitsstunden. Vor allem aber sei sein Glaube, in Russland als IT-Entwickler eine Zukunft zu haben, endgültig zerstört worden: „Wie fallen wohl die Erträge von zehn Jahren ehrlicher, harter Arbeit im Vergleich aus, wenn man versucht, sie in Russland oder in einem Land mit gutem Investitionsklima zu erwirtschaften?“, fragt der IT-Fachmann und gibt die Antwort gleich selbst: „Ich bin es leid, ständig gegen einen Leviathan anzukämpfen. Ich will in diesem Land keine Steuern mehr zahlen. Meine nächsten zehn Jahre werde ich nicht in Russland verbringen.“

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Monatlicher Aderlass von 5 Prozent aller IT-Spezia­listen

Es sind Gedanken und Gefühle, die Krupnik mit vielen anderen russischen IT-Entwicklern und IT-Entwicklerinnen derzeit teilt. Zwischen 50.000 und 70.000 von ihnen hätten das Land seit Ende Februar verlassen, sagte Sergej Plugotarenko nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax bei einer Parlamentsanhörung Ende März. Und dieser Exodus werde weiter anschwellen, warnte der Chef des Russischen Verbandes für Elektronische Kommunikation (RAEC): „Nach unserer Prognose werden im April zwischen 70.000 und 100.000 Menschen gehen. Alles nur IT-Leute.“

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Sie verlassen ein Umfeld, in dem sie sich eigentlich sehr gut weiterentwickeln könnten. Jewgenij Kaspersky, Gründer des gleichnamigen Online­sicherheits­unternehmens hält russische Programmierer für die besten der Welt: „Weil sie von denselben Universitäten kommen. Das russische Ausbildungssystem in der Informationstechnologie bringt eine Menge talentierter, kompetenter Ingenieure hervor“, sagte er im vergangenen Jahr der russischen Tageszeitung „Kommersant“.

Und doch verliert das Land jetzt diese Kapazitäten in erheblichem Umfang. In einem Bericht vom September 2020 bezifferte der in Moskau ansässige Verband der Computer- und Informationstechnologieunternehmen (ACITC) die Zahl der in Russland tätigen IT-Beschäf­tigten mit 1,8 Millionen. Wenn 100.000 von ihnen auswandern, ist das ein Aderlass von mehr als 5 Prozent – pro Monat.

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Techriesen verabschieden sich aus Russland

Warum es zu dieser Fluchtbewegung kommt, lässt sich wohl in erster Linie durch die beeinträchtigten Lieferketten erklären, die der Westen in Richtung Russland durch seine Sanktionen unterbrochen hat. Denn etliche der Strafmaßnahmen, die von der EU, den USA und anderen Ländern verhängt wurden, zielen auf die Hochtechnologiebranche ab, darunter das Verbot der Ausfuhr von Mikroprozessoren, die für die Datenverarbeitung essenziell sind.

Zudem entschwinden westliche Techriesen aus Russland, wie Apple, Samsung, Microsoft, Oracle und Cisco, deren Waren und Dienstleistungen für den russischen Technologiesektor unverzichtbar sind.

Schon jetzt orakeln Fachleute, dass all dies für Russlands Wirtschaft verheerende Folgen haben könnte. Elina Ribakowa, stellvertretende Chefvolkswirtin des Institute of International Finance in Washington D. C., sagte der Zeitschrift „New York“: „Wir werden wahrscheinlich die schwerste Krise erleben, die Russland in jüngerer Zeit durchstehen musste.“ Es könne sehr gut sein, dass die Abwanderung von Fachkräften in andere Länder Europas und Südostasiens die Wirtschaft des Landes über Generationen hinweg belasten werde.

Erinnerung an die Tage der Sowjetunion

Es gibt Anzeichen dafür, dass der Kreml die Gefahr erkannt hat: Präsident Wladimir Putin unterzeichnete schon Anfang März mehrere Subventionspakete für die Branche, darunter eine dreijährige Steuerbefreiung und Förderkredite für IT-Unternehmen. Außerdem genehmigte er staatlich begünstige Hypotheken für IT-Beschäftigte, und alle Technikexperten im wehrpflichtigen Alter bis zu 27 Jahren wurden vom Militärdienst befreit. Besonders aussichtsreiche Projekte sollen mit Zuschüssen unterstützt werden.

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Einen kontroversen Vorschlag zur Bekämpfung des Problems unterbreitete das Gastronomie­unternehmen Konkord des Geschäftsmannes Jewgenij Prigoschin, auch bekannt unter dem Namen „Putins Koch“. Dem Unternehmer, der unter anderem als Caterer hochrangiger Staatsbediensteter reich und einflussreich geworden ist, wird eine besondere Nähe zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Er soll hinter der verdeckt arbeitenden Trollfabrik Internet Research Agency in Sankt Petersburg stehen, die unter dem dringenden Verdacht steht, im Auftrag des Staates Manipulationen im Internet vorzunehmen.

Die Presseabteilung Konkords rief in einem Beitrag im russischen Facebook-Pendant V Kontakte dazu auf, die Auswanderung von IT-Talenten zu beschränken, um Russlands „strategische Interessen“ zu schützen. Konkret schlug Konkord vor, ein Gesetz zu verab­schieden, das IT-Kräfte dazu verpflichtet, Auslandsreisen durch den Inlandsgeheimdienst FSB genehmigen zu lassen. Das Posting verschwand schnell wieder. Ein solcher Schritt würde dann wohl doch zu sehr an die Tage der Sowjetunion erinnern, als Reisen ins Ausland stark eingeschränkt waren. Screenshots der Konkord-Empfehlung, die schnell im Netz kursierten, machten allerdings deutlich, dass Repressionen im Stil sozialistischer Diktaturen in Russland inzwischen tatsächlich denkbar erscheinen.

Bei einer solchen Entwicklung wird es auch bei Steuerbefreiungen und günstigen Darlehen schwierig sein, kompetente und tatkräftige Programmierer, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, in Russland zu halten. Sergej Krupnik sucht nun einen Job als Produkt­manager in Westeuropa oder in den USA. Wenn das nicht klappen sollte, bleibt er einfach in Istanbul. Schließlich ist er von den Restaurants dort schon jetzt angetan: „Das Essen ist lecker und die Portionen riesig.“

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